Meinung
22.11.2014

Gene fürs Wohnzimmer

Die Frage, was Kitsch ist und was Kunst, macht auch vor der DNA-Analyse nicht halt.

Auf einer seiner Fahrten in bewohnten Regionen unserer Milchstraße lässt Stanislaw Lem in seinen wunderbaren Sterntagebüchern den Raketenreisenden Ion Tichy auf dem Planeten Dychtonien landen. Dort ist die Gentechnologie – die einen würden sagen: herabgesunken zu einem Moderummel, die anderen: zur Hochtechnologie aufgestiegen, die vollkommene körperliche Autonomie ermöglicht. Alle denkbaren körperlichen Erscheinungsformen und -funktionen sind dort so einfach machbar, wie man sich bei uns etwas schneidern lässt, ob eine Zentaurengestalt mit Tamburinbauch oder dekorative Hautschleppen mit Scheinfüßchen, die locker vom Steiß fallen. Für die Dychtonier ist das Klonieren ganz selbstverständlich (Der einzige Nachteil: Im Lauf der Zeit ist auf Dychtonien Sex aus der Mode gekommen).

Jetzt braucht man aber gar nicht mehr so weit zu fliegen, denn es gibt auch hier auf unserem blauen Planeten erfolgreiche Versuche der Banalisierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Manche präsentieren sich mit freundlicher Ironie, zum Beispiel Schmuckdesigner, die mit Molekülstrukturen spielen. Andere sind unangenehm, wie die Methoden der Erich-von-Däniken-Fraktion, die gern wissenschaftliche Begriffe umrubelt, um sie für unwissenschaftliche Behauptungen nutzbar zu machen.

Manche sind zumindest unbekümmert bunt, man erinnere sich nur an die farbenfrohen Fraktale, mit denen man jahrelang Kunstausstellungen in Sparkassenfilialen bestücken konnte. Es gibt damit aber ein ähnliches Problem wie mit Sonnenuntergängen. Sie sind wunderschön, aber die fortgesetzte Reproduktion macht sie zu Kitsch.

Ähnlich ergeht es gerade den oft eindrucksvollen Zeitraffer-Videos auf Vimeo und YouTube, die mit viel Geduld gemachte Sammelaufnahmen sternenübersäter Nachthimmel, verkehrswuselnder Städte und fließender Wolkenmeere zeigen. Der Mensch möchte Abwechslung. Er möchte, wenn er ein Muster - auch ein sehr komplexes - einmal erkannt hat, nicht immer dasselbe sehen.

Da hätten wir dann also etwas ungewöhnlich Modernes: Deko-DNA. Die Molekülwendeltreppe mit dem schlichten Namen Desoxyribonukleinsäure (das A in der Abkürzung steht für das englische „acid“) gibt es jetzt auch als perfekte Geschenkidee für jeden Anlass oder als Firmenpräsent: Das DNA-Portrait, gefertigt von der im kanadischen Ottawa ansässigen Firma DNA 11 bietet sich als progressive Alternative für Leute an, die sonst gern in ihrer Wohnung Fotos von sich selbst aufhängen. Sie können nun ihrer Eitelkeit und der zeitgemäßen Freude am Exhibitionismus in ganz neuem Ausmaß nachgehen und zugleich ihr Innerstes als auch ihre Innovationsfreundlichkeit herzeigen.

2006 stieg Anne Wojcicki, die Ehefrau von Google-Gründer Sergej Brin, zusammen mit der Biotech-Analystin Linda Avey und der Technologie-Expertin Esther Dyson in das Geschäft mit privaten Gentests ein. Für einen dreistelligen Betrag und eine Speichelprobe kann man sich von ihrer Firma 23andMe das eigene Genom durchsuchbar machen lassen, etwa nach Erbkrankheiten. Mit solchem Realismus möchte man bei DNA 11 seine Kunden aber nicht verschrecken.

Wie auch bei 23andMe erhält man ein Set mit einem Wattestäbchen zur Entnahme einer DNA-Probe, dazu „einfache Anweisungen“. Wie gefährlich eine Sekretprobe sein kann, zeigt ein Blick in die Filmgeschichte. In dem Film „Sag niemals nie“ schaltet James Bond einen Verfolger aus, indem er ihm in einem Labor eines der herumstehenden Reagenzgläser ins Gesicht schüttet – Inhalt: „Urinprobe James Bond“.

Die DNA 11-Gründer Adrian Salamunovic und Nazim Ahmed sehen sich „mit der Kreation von wahrhaft personalisierter einzigartiger Kunst nach individuellen Kundenwünschen“ als Wegbereiter der DNA-Kunst. In ihrem Labor wird aus der Spucke mit einem Standardverfahren ein persönliches Gen-Profil erstellt, „eine perfekte unbearbeitete Digitalaufnahme“ davon angefertig, die ursprüngliche Probe vernichtet und das gerahmte Foto – in einer von 25 Farbvarianten – nebst Echtheitszertifikat an den Kunden geliefert. Einige von ihnen lassen auch ihre Haustiere genetisch porträtieren.

Im Labor haben die eingefärbten, geometrisch angeordneten DNA-Streifchen, wenn man sie unter UV-Licht betrachtet, noch einen gewissen ästhetischen Reiz. Der erlischt zu einem banalen bunten Barcode, wenn man ihn ausdruckt und in „Edelstahl-Akzente“ rahmt. „Das Museum of Modern Art führt DNA 11-Kunstwerke in seinen exklusiven Museumsläden“, greift das DNA 11-Marketing in die Harfe.

Der in dem selben Museum vertretene Andy Warhol hat schon in den Achtzigerjahren aus seinen Körpersekreten Kunst gewonnen, die mit Bordmitteln relativ einfach und in personalisierter Form selbst hergestellt werden kann. 1982 stellte Warhol auf der Documenta 7 in Kassel seine „Piss Paintings“ aus – mit Urin per Oxidation auf Kupferfarbe „gemalte“ Bilder.