Nach dem Unwetter in Nordrhein-Westfalen

© APA/dpa/Marius Becker / Marius Becker

Meinung

Ist das schon die Klimakatastrophe?

Das Großartige an der Wissenschaft ist: Wenn man unterschiedlicher Meinung ist, dann kann man ausprobieren, wer recht hat. Bleibt Salzwasser unterhalb von 0°C flüssig? Auf zur Tiefkühltruhe! Fällt eine schwere Bleikugel schneller zu Boden als eine leichte Holzkugel? Machen wir ein Experiment! Gibt es Spuren von Leben auf dem Mars? Lasst uns doch ein Raumfahrzeug hinschicken und nachsehen!

Überflutete Dörfer, eingestürzte Häuser, ertrunkene Menschen – auch diesen Sommer gibt es wieder Hochwasserkatastrophen mit entsetzlichen Folgen. Ist sie das nun also, die gefürchtete Klimakrise? Aus wissenschaftlicher Sicht ist mittlerweile klar, dass Extremwetterereignisse mit der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung in Verbindung stehen. Trotzdem handelt es sich um zwei verschiedene Probleme – und wer sie gleichsetzt, verharmlost beide.

Es ist kompliziert

Natürlich darf man nicht jedes Wetterereignis gleich der Klimakatastrophe anlasten. Der Zusammenhang zwischen dem globalen Klima und extremen Niederschlägen ist kompliziert und von Region zu Region unterschiedlich. Wer ganz allgemein behauptet „Klimaerwärmung bedeutet mehr Regen“, der macht sich die Sache zu einfach.

Trotzdem wissen wir, wie die Klimakrise Hochwasserkatastrophen beeinflusst: Warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen, das erhöht die potenzielle Regenmenge. Außerdem schwächt der Klimawandel bestimmte Luftströmungen ab, dadurch ändern sich Wetterlagen mancherorts nicht mehr so schnell wie früher. Das kann dazu führen, dass sowohl Regenperioden als auch Dürreperioden länger andauern als wir das in vergangenen Jahrzehnten gewohnt waren. Das sind nicht bloß theoretische Gedankenspiele, Hochwasser-Analysen der vergangenen Jahrhunderte zeigen mittlerweile klar: Ja, der Klimawandel ändert Europas Flusshochwässer dramatisch.

Doch wenn das alles wäre, was wir in der Klimakrise zu befürchten haben, dann müssten wir uns keine allzu großen Sorgen machen. An Überschwemmungen können wir uns anpassen. Wir können Dämme bauen und Pumpanlagen, wir können hochwassergefährdete Täler verlassen und neue Häuser oben auf den Hügeln errichten. Das kostet hier und dort ein paar Milliarden Euro, aber auf Jahrzehnte betrachtet wäre das verkraftbar.

Wer so rechnet, übersieht aber eine viel größere Gefahr: Ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten kann man mit keiner Geldsumme der Welt zurückholen, zerstörte Ökosysteme kann man nicht reparieren, und wenn wir bestimmte Klima-Kipppunkte überschreiten lässt sich das nicht umkehren, selbst wenn wir danach unseren CO2-Ausstoß auf null reduzieren. Man unterschätzt den Klimawandel, wenn man ihn bloß auf Hochwasserkatastrophen reduziert.

Jahrzehntelange Bodenversiegelung

Gleichzeitig unterschätzt man aber auch Hochwasserkatastrophen, wenn man sie bloß auf den Klimawandel reduziert. Der Grund für ihre verheerenden Auswirkungen liegt auch anderswo: Wir haben die Böden versiegelt, wir haben Flüsse reguliert, wie haben feuchte Wiesen trockengelegt. Wo vor wenigen Jahrzehnten der Regen noch in der Wiese versickern konnte, lassen Parkplätze, Einkaufszentren oder Autobahnen dem Wasser heute keine Chance. Wenn wir Natur mit wasserdichten Oberflächen ersetzen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn der Fluss dann plötzlich durchs Wohnzimmer fließt.

Wenn wir Klimakrise und Überflutungen gleichsetzen, reden wir uns also paradoxerweise beides klein – und das wäre fatal. Denn beides braucht jetzt unsere Aufmerksamkeit.

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Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen, schreibt er regelmäßig auf futurezone.at und in der Tageszeitung KURIER.

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