Meinung
07.06.2014

Hyperstars und Augenmärchen

In früheren Zeiten waren Stars die eigentliche Attraktion. Nun sind sie etwas geworden, das Bild und Ton an eine übermenschengroße Medienmaschine abgibt.

Der Sänger Cheb Chalid ist der international bekannteste Vertreter des algerischen Raï, der Popmusik des Landes. Im Maghreb und in Frankreich ist er ein Superstar. Vor kurzem trat er auf der neu ausgestatteten Konzertbühne eines jüngst eröffneten Einkaufszentrums in der ägyptischen Hauptstadt Kairo auf. Die Veranstaltung war ein Desaster, von den Rechtschreibfehlern auf den Reklame-Billboards, die für den Auftritt warben, über die zu große Entfernung vom Publikum zur Bühne, bis hin zu überraschten Besuchern, die angehalten wurden, nochmal dieselbe Summe wie für ihre Eintrittskarte für Fastfood und Wasserpfeifen zu berappen, die während der Darbietung konsumiert werden sollten.

Einem Journalisten war ein Platz unter einem der Flammenwerfer zugewiesen worden, die für die pyrotechnischen Effekte sorgten („Was auch immer für Treibstoff in den Dingern war, er troff auf meine Haare und meine Kleidung“). Chalid sang unbeeindruckt weiter, auch wenn er über längere Strecken im Dunklen auf der Bühne stehen mußte, weil die Lichttechnik nicht wollte; einzig die Beleuchtung der Sponsoren-Logos funktionierte durchgehend.

Eine Entführung in den Cyberspace

Enttäuscht wurde auch, wer auf die Magie moderner Bühnentechnik gehofft hatte. Die Projektionswände, auf denen man sich das Gesangsgeschehen auf der Bühne heranvergrößert gewünscht hätte, taten aber nicht, was sie sollten. Stattdessen, so der Rezensent verbittert, „durften wir uns die ganze Zeit das Desktop von irgendjemandes Computer ansehen.“ Was für ein Bild. Die analoge Wirklichkeit, vernachlässigt und ohne jeden Respekt dem fehlerhaften Umgang mit der Technik geopfert. Der Star des Abends im Dunklen, und der einzige Lichtblick ist – ein Computerdesktop auf der Leinwand. Es klingt wie eine Entführung in den Cyberspace. Oder wie die Gefangennahme von Menschen, die sich eigentlich einen angenehmen analogen Abend erwartet hatten und dann doch kollektiv in der digitalen Arrestzelle landen.

Aber das passiert nicht nur in der chaotischen Nilmetropole. Auch hier bei uns spürt man etwas wie ein Abrücken von der popeligen, kleinen Realität, auch und erst recht, wenn in einer großen Konzerthalle die Projektionswände neben der Bühne funktionieren und man sich plötzlich in einer Art Riesenfernsehabend wiederfindet.

Die Stars waren in früheren Zeiten die eigentliche Attraktion

Man sieht sich das ganze Konzert auf der Leinwand an und wirft nur noch gelegentlich einen Kontrollblick auf die winzigen, echten Männlein, die sich neben den riesigen Leuchtflächen auf der Bühne abrackern und verlieren. Sie waren in früheren Zeiten die eigentliche Attraktion. Nun sind sie etwas geworden, das nur noch, wie Kühe Milch, Bild und Ton abgibt an eine übermenschengroße Medienmaschine. Den nötigen Hauch Authentizität, an dem man sich durch die computergesteuerten Rieseneindrücke aus Licht und Lautstärke hindurch festhält wie an einem dünnen Faden.

Federleicht hinaus in eine neue Welt

Es ist ein Sieg der Ferne. „Tele“, der griechische Begriff für „fern“, ist der zentrale Begriff der neuen, immer umfassender digitalen Medienmaschinerie. Telefon, Television, Telekommunikation, alle bringen sie uns federleicht hinaus in eine neue Welt, die an alles, was passiert, nur noch eine Anforderung stellt: Es muß am Bildschirm passieren.

Ich erinnere mich an einen Besuch im äyptischen Museum in Kairo, bei dem ich einem amerikanischen Touristen zusah, der mit seiner Kamera vor dem Eingang des Raums mit der Goldmaske des Tut-Ench-Amun zugange war. Neben der Tür hängt dort eine auf Wandformat vergrößerte Photographie, die das Pharaonengrab zeigt, nachdem es von Howard Carter geöffnet worden war. Ich fand einfach bemerkenswert, dass da jemand ein Foto filmte.

Ein Augenmärchen

Natürlich ist niemand so dumm, sich über die analoge Wirklichkeit hinwegtäuschen zu lassen. Aber vielleicht verliert siegerade auf merkwürdige Weise an Wert. Jedenfalls gibt es ein neues Lebensgefühl: das Heimweh nach einem Ort, an dem noch nie jemand war – nach der digitalen Welt. Diese Welt ist ein Augenmärchen. Ein Ort, an dem niemand bleibt. Sie ist nur da, um durchquert zu werden. Eine sonderbare Faszination geht von ihr aus, wie man sie kennt von Bahnhöfen, Häfen, Grenzstationen, Flughäfen. Manch einer verbringt Stunden in dem Gefühl von Ankunft und Abreise, absichtslos und von Fernweh berührt, das doch ein Heimweh ist.

Draussen dann, auf dem Weg zurück in die Stat, ein gläsernes Wartehäuschen mit hinterleuchtetem Werbemittel als Seitenwand, dem ich so nahe stand, dass augenscheinlich wurde: die Werbegestalter hatten vergessen, dem Model die Plomben wegzuretuschieren. Licht, nachts. Bildschirme. Niemals bleiben, immer strömen.