Meinung
03/01/2014

Alles ist denkbar!

Was wäre, wenn wir unsere Geräte mit Gedankenkraft steuern könnten? Ein ausgedachtes, kleines Zukunftsszenario.

2004 hatte die US Food And Drug Administration den ersten klinischen Test erlaubt, bei dem einem Gelähmten erfolgreich ein „Braingate” genanntes Hirn-Computer-Interface eingepflanzt worden war. Über ein aus dem Schädel führendes Glasfaserkabel waren die Neuronen mit einem Computer verbunden. Das System ermöglichte es einem Menschen erstmals, Kraft seiner Gedanken Geräte zu steuern.

In den Jahren danach zeigte sich, dass die Technik komplexer ist, als gedacht (sic!). Konzentrationsspiele, mit denen man angeblich Bällchen per Gedankensteuerung schweben lassen konnte, verschwanden bald wieder, da es eher der Zufall war, der sie steuerte. Einen Boom löste diese Spielart der Technik allerdings auf dem Esoterik-Markt aus, wo Séancen und vermeintliche telekinetische Talente eine erfolgreiche Wiederkehr feierten und die Geräte popularisierten. Da nun jedermann günstig mit Schwebephänomenen experimentieren konnte, geriet gleichzeitig die Bühnenzauberei in eine Krise.

Schwebende Getränkehalter und Geistesblitze

Kurz vor Beginn der 2020er Jahre waren die nichtinvasiven Verfahren der Gehirnstrommessung soweit verfeinert, dass gedankengesteuerte Geräte - Mind Controlled Devices, kurz MCDs - tatsächlich marktgängig wurden. Zu den ersten Angeboten gehörten bequemlichkeitsfördernde Dinge wie fahrbare Getränkehalter und Aschenbecher, die man wie mechanische Hunde neben sich herfahren oder mit einem Gedankenblitz herbeirufen konnte.

Vor gedanklich umschaltbaren Fernsehapparaten bahnten sich dann die ersten Konflikte an. Es gab damit nun nicht mehr nur eine Fernbedienung, sondern so viele, wie Menschen vor dem Bildschirm saßen. Die Gerätehersteller versuchten, anarchistische Zustände beim Programmwechsel durch einminütige Latenzzeiten zwischen den individuellen Umschaltvorgängen zu verhindern, was Mediennutzer jedoch als Trübung des Vielfaltgenusses empfanden.

Das Recht auf unbeschränkte Gedankenkontrolle

Politische Gruppierungen griffen das Thema auf. Die einen forderten das Recht auf unbeschränkte Gedankenkontrolle, die jedermann zustehe. Konservative Strömungen plädierten für ein Master-Control-Verfahren, bei dem die Zugriffe auf das jeweilige Gerät hierarchisch organisiert waren und in letzter Konsequenz einem sogenannten Mind Master unterstanden. Werber und Spieleproduzenten nutzten die Möglichkeiten, die Umschaltvorgänge boten, welche von zwei oder mehreren Zuschauern zugleich gedankenaktiviert wurden. So forderten mehrstufige Werbespots ganze Familien oder Zuschauerkollektive auf, gemeinsam in ein bestimmtes anderes Programm hinüberzudenken, wo nach ausgiebiger Reklameberieselung ein kleiner Bonus auf sie wartete.

Während die erste Generation gedankengesteuerter Technik nur auf elementare Weise binär funktioniert hatte - „angesteuert“ oder „nicht angesteuert“ -, ließ sich die nachfolgende auch feinabgestimmt und in unterschiedlichen Intensitäten steuern. Es bildete sich eine neuartige Bedeutung von „Gedankenkraft“ aus, die einerseits zu tun hatte mit der menschlichen Neigung, sich vorzudrängeln, und andererseits die jahrtausendealte Tradition sportlicher Körperertüchtigung auf die Bewußtseinsebene hievte: Wer „stärker“ denken konnte, war bei dieser neuen Art von MCDs im Vorteil.

Training im Thinkness-Center

In der Folge schossen Thinkness-Center aus dem Boden, in denen maschinenkontrollgeeignetes Hochleistungsdenken trainiert werden konnte. Für prominente und reiche Menschen boten private MCCs (Mind Control Coaches) ihre Dienste an.

Als Problem am Rande erwies sich die mit der Technik einhergehende Umwertung des Begriffs „Denken“, der sich von seiner inhaltlichen Ausprägung entfernte und in eine mechanische Funktionalität verwandelte. Die skalierbare Vielfalt der gedanklich steuerbaren Gerätschaften im Universum der digitalen Technik täuschte im ersten Überschwang darüber hinweg, dass Gedanken ohne Inhalt, die nur noch als Steuerimpulse fungieren, einen gewissen Mangel darstellen.

Aber das Problem löste sich von selbst. Da für viele Menschen Denken bedeutend anstrengender ist als körperliche Verrichtungen, kam die Technologie nach einigen Jahren euphorischen Wachstums wieder gänzlich zum Erliegen.