Meinung
03.09.2016

Jesus und Facebook

Mehr als eine Milliarde Menschen hat er schon, aber Zuckerberg will auch die restlichen 6,4 Milliarden. Nun war er beim Papst.

Etwas unter zwei Milliarden Menschen weltweit sind Christen, etwas über eine Milliarde sind auf Facebook. Jesus hat 2000 Jahre für diese Reichweite gebraucht, Mark Zuckerberg zwölf Jahre. Nun war der Facebook-Gründer bei Papst Franziskus zu einer Privataudienz geladen. Übrigens in Begleitung seiner Frau. In einem Artikel der Mercury News, dem Hausblatt des Silicon Valley, wird sie erst als Priscilla Chan vorgestellt, dann im Einstieg - obwohl sie keine Österreicherin ist - als Dr. Priscilla Chan, um schließlich in einer Nachbemerkung wieder zum schlichten Priscilla-Chan-Aschenputtel zu werden.

Als Gastgeschenk hatte Zuckerberg, der ausnahmsweise einen Anzug anstelle von Jeans und grauem T-Shirt trug, ein Modell einer Drohne namens „ Aquila“ (italienisch für „Adler“) dabei. Der solarbetriebene Flugkörpersoll auch in abgelegenen Gegenden Internet-Zugang ermöglichen. Eine moderne Missionarsmaschine. Zuckerberg will auch die restlichen 6,4 Milliarden Menschen in sein taubenblaues Imperium holen ( Zuckerberg hat das Facebook-Blau gewählt, weil er rot-grün-blind ist). Der Papst setzte eigens eine Brille auf, um sich alles genauer anzusehen.

Als Mittel der Welterklärung hat sich die Computer- und Kommunikationstechnik zur Religion entwickelt, so wie jede Ideologie, die universale Bedeutungen vermittelt und absolute Anpassung verlangt.

Ein Hollywood-Drehbuchautor sagte einmal: „Was wir den Leuten geben, ist die christliche Botschaft - dass wir alle ehrlich sein, uns lieben und für die Schwachen kämpfen sollen." Die Produktion solcher machtvoller Mythen hat sich aus dem ursprünglichen religiösen in den wirtschaftlichen (und im Islam in den politischen) Bereich verlagert.

Die christlichen Großkirchen werden heute von vielen als dekadent empfunden. Der gesellschaftliche Wandel hat eine tiefgreifende Änderung der Werte verursacht. Mit der Virtualisierung, dem „Informatischwerden“ der Welt, tritt eine neue spirituelle Komponente hinzu. Die Zweieinigkeit aus Computer und Netz ist zu einem multimedialen Totem geworden. Wie ein Hausaltar sitzt der Computer auf den Schreibtischen der Welt.

Im Januar 2011 eine Art Entwarnung. Der damalige Papst Benedikt XVI. erklärte soziale Netze wie Facebook zu Orten, die Christen „großartige Möglichkeiten des Verbindens“ geben.

Zuckerberg hat eine klare Vision, wohin er mit seiner weltweiten Kontaktkirche will. Er war Anfang 20, als er ein Übernahmeangebot von Yahoo über eine Milliarde Dollar ablehnte – gegen den Widerstand seiner Investoren. Was vor etwas über einem Jahrzehnt als studentisches Hobby begonnen hat, ist nun etwas geworden, das die Realität von Menschen und die Art, wie sie ihre Beziehungen organisieren, auf der ganzen Welt verändert.

Ähnlich wie vor 7000 Jahren an den Ufern des Nils und von Euphrat und Tigris erste Zivilisationen entstanden sind, lässt sich die Social-Media-Völkerschaft nun am Ufer eines großen Flusses nieder, des Livestreams. Wir leben unser Leben in zunehmendem Maß durch ein privatwirtschaftlich betriebenes Netzwerk, das seinen Besitzer bereits zum mehrfachen Milliardär gemacht hat - und zum Künder.

Hypermoderne Beichtstuhl-Architektur

acebook ist inzwischen fest verwoben in das soziale Gewebe der Welt. Der digitale blaue Riese macht das verlockende Angebot, eine stets präsente Riesen-WG in der Jackentasche mit sich führen zu können oder als Andachtsapparat auf dem Tisch vor sich stehen zu haben. „Das Facebook-Zeitalter hat begonnen und Mark Zuckerberg ist der Mann, der uns dahin gebracht hat“, schrieb das Magazin TIME im Dezember 2010, als Zuckerberg zum „Mann des Jahres“ ausgerufen wurde. In dem Leitartikel beschreibt ein Reporter einen der wenigen Konferenzräume im damaligen Facebook-Hauptquartier im kalifornischen Palo Alto – mitten in einem Großraumbüro und auf drei Seiten durch gläserne Wände einsehbar.

No Privacy, alles offen: Es ist eine radikale Offenheit, wie es sie zuvor nur in den Beichtstühlen des Katholizismus gab, die nun, per Privatsphäre-Einstellungen und absichtlich beschränkter Bedienungsmöglichkeiten, auch nach außen getragen werden soll, so jedenfalls der Wille des atheistischen nichtreligiösen Religionsgründers Mark Zuckerberg. Ein Atheist veranlasst mehr als eine Milliarde Menschen nicht nur dazu, öffentlich allesmögliche zu bekennen, sondern auch dazu, dass ein solches Verhalten schlichtweg zur gängigen Kommunikationsform werden soll.

Das Ende der Wände

Im Januar 2010 verkündete Zuckerberg das Ende der Privatsphäre: Das sei ein Ding von gestern. Es handle sich dabei um einen Wert, der keinen mehr interessiere. In der neuen Facebook-Zentrale ist dieses Beicht-Design bereits Teil der Architektur. Es gibt auch keine „Cubicles“ mehr, wie man in Amerika die halbhohen Verschläge in Großraumbüros nennt. Auch fast keine Wände und keine Büros mehr, nur eine offene Prärie aus Büromöbeln. Auch Zuckerberg selbst hat kein eigenes Büro.

Interessanterweise sind es viele Kleriker, für die Facebook das modernisierte Modell einer Kirche darzustellen scheint. „Wenn Mark Zuckerberg Facebook zu seinem eigenen Ruhm erschaffen kann, was können wir als Kirche erschaffen zur höheren Ehre Gottes?“, fragt Steven Furtick, Hauptpastor der Elevation Church in New Jersey, angesichts des furiosen Aufstiegs von Facebook. Und neidisch; „Den Turmbau zu Babel haben die Menschen zu ihrem eigenen Ruhm begonnen. Zuckerberg macht sich einen Namen. Aber der Turm wurde nicht vollendet und die Namen derer, die ihn gebaut haben, sind vergessen.“