Meinung
03.11.2012

Kunstzwang

Würde jemand das, was ein amerikanischer Hersteller als die technikgestützte Zukunft des Klavierlernens propagiert, an Kriegsgefangenen ausprobieren, er würde sich wohl umgehend vor einem UN-Tribunal wiederfinden.

Es gibt Kunstwerke, die ihre Entstehung der Tatsache zu verdanken haben, dass der Künstler als Kind dazu gezwungen wurde, Klavierspielen zu lernen. Der Roman „Die Klavierspielerin" der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek etwa erzählt die Leidensgeschichte einer Klavierlehrerin, die von ihrer diktatorischen Mutter zur Pianistin gedrillt wird und als emotionales Wrack endet.

Auch Daisuke Tsutsumi, er ist Art Director in den Pixar Animation Studios, kennt die Abgründe, in die einen das unerwünschte Erlernen dieses klassischen Tasteninstruments führen kann. Sein düsteres Gemälde „My Piano Teacher, Mrs. Asaoka", das er für eine Ausstellung unter dem Motto „Monster?" anfertigte, beruht auf seinen Erfahrungen als klavierlernender kleiner Junge – „Ich bin sicher, ich würde heute in der Carnegie Hall spielen, statt Cartoons zu zeichnen", beklagt Tsutsumi, „wenn mein Musiktalent nicht durch diese traumatische Erfahrung zerstört worden wäre."

Die martialische Art der Ausbildung musikalischer Fertigkeit wird nicht ohne Grund mit dem Drill verglichen, den Soldaten während einer militärischen Spezialausbildung erhalten. Wobei schon angesichts der Dauer die Kampfausbildung gegenüber dem Klavierunterricht als die glimpflichere Übung erscheint. Der herkömmlichen Vorstellung von Virtuosität haben monate- und jahrelanges Auswendiglernen, akrobatische Fingerübungen und Tonleiternklettereien wie im Olympionikentraining voranzugehen; das alles, bloß um hinterher superschwierige Kompositionen absolvieren zu können, die jemand anderer sich ausgedacht hat.

In den siebziger Jahren traten mit dem Aufkommen halbautomatischer und programmierbarer Instrumente Pioniere wie die Herren von „Kraftwerk" gegen diese Auffassung an. Wozu auswendiglernen, was eine Maschine viel unangestrengter kann? Sequencing, Sampling und Remixes haben sich inzwischen zu einem weit gefächerten Formenreichtum computergetragener Musik entwickelt. Natürlich gibt es dessen ungeachtet nach wie vor von Hand gespielte Flügel und Klaviere sowie den dazugehörigen  Klavierunterricht. Mit eingebauten Rhythmusmaschinen, Tasten, die zu dem gewünschten Ton aufleuchten und digitalen Aufzeichnungsverfahren zur Spielkontrolle nutzen moderne Klaviaturen eine Vielzahl technischer Möglichkeiten, um das Klavierlernen versuchsweise zu erleichtern.

Die amerikanische Firma Rubato Productions hat ein Verfahren entwickelt, das sich auf atemberaubende Weise von den bisherigen pädagogischen Zusatzmaßnahmen unterscheidet: Concert Hands™, „the future of piano learning". Während die herkömmlichen Methoden weiterhin lange Übung erfordern, verhilft einem das neue Produkt laut Rubato-Promotion innerhalb weniger Tage dazu, mit dem Spielen schöner Songs beginnen zu können.

Das Geheimnis der zeitgemäßen Lernbeschleunigung liegt in sogenannter Augmented Musical Instrument Technology, die aus einer Software, einem Controller, zehn Aufsteckhülsen für die Finger und zwei Steuerungsmanschetten für die Handgelenke besteht, „giving you the most exciting piano playing experience possible" – und das ist wahrscheinlich nicht einmal untertrieben. Würde jemand auf die Idee kommen, das, was hier als die Zukunft des Klavierlernens propagiert wird, beispielsweise an Kriegsgefangenen auszuprobieren, er würde sich mit ziemlicher Sicherheit umgehend vor einem UN-Tribunal wiederfinden.

Die Software verwandelt Stücke, die man ihr von einem Datenträger aus einverleibt, in Signale, die an die Fingerhülsen und die beiden Fesselklammern geschickt werden. Vor der Klaviertastaur ist der Wrist Pilot installiert – eine Schiene, auf der ein Schlitten per Elektromotor mit den Händen dorthin fährt, wo es die Musik verlangt. Anschließend üben die entsprechendenen Fingerhülsen etwas Druck auf die jeweils benötigten Finger aus. Die Idee dahinter ist, dass sich nach einer Weile die Kombination aus Drucksignalen und Bewegungswiederholung zu einer „muskulären Erinnerung" verfestigt, „die es dem Nutzer möglich macht, seine Lieblingssongs ganz von alleine zu spielen." (Das mit dem Nutzer abfuhrwerkende Klavier ist hier in einem Promotion-Video zu sehen).

Der Klaviertrainer, der auf den ersten Blick wirkt wie ein Gerät zum Muskelaufbau für Astronauten, erinnert fatal an Stanley Kubricks Verfilmung des Science-Fiction-Romans „Uhrwerk Orange" von Anthony Burgess. Darin landet der zu Gewaltexzessen neigende jugendliche Beethoven-Liebhaber Alex im Gefängnis, wo er sich in der Hoffnung auf vorzeitige Entlassung als Versuchsobjekt für eine neuartige Aversionstherapie zur Verfügung stellt. Damit soll die schnellere Resozialisierung von Kriminellen erreicht werden. Nach vierzehn Tagen gilt Alex als geheilt. Die Auswirkungen der Therapie aber sind verheerend: Beim geringsten Gedanken an Gewalt oder Sex befallen ihn extreme Übelkeit und Schmerzen. Als unbeabsichtigter Nebeneffekt treten diese Symptome auch beim Hören von Beethovens 9. Sinfonie auf, die während der Therapie zufällig im Hintergrund lief.

Ach ja, dasselbe wie die Concert Hands gibt es übrigens auch für Leute, die das Zeichnen von Gesichtern lernen wollen. Der in Taiwan geborene und in London lebende Künstler Jen Hui Liao hat, wie er sagt: „um die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine zu erkunden", eine Selbstporträt-Maschine gebaut. Sie nimmt ein Foto des Betreffenden auf, wandelt es in Vektordaten um und führt anschließend die von Manschetten und Fingerklammern gesteuerten Hände mit den Stiften über das Zeichenpapier.

 

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.