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Peter Glaser: Zukunftsreich Mach! Das! Weg!.

Werbung, wie sie früher einmal war
Werbung, wie sie früher einmal war - Foto: Werbungen der 60er
Eine neue Unsitte grassiert bei den Programmierern von Online-Werbung: das Reißen. Ein Rant.

Wie würde wohl jemand reagieren, der im Kaffeehaus sitzt und die Zeitung liest, wenn sie ihm plötzlich aus der Hand gerissen und anschließend so wieder ausgehändigt würde, dass er nicht mehr den soeben begonnenen Artikel vor Augen hätte, sondern eine Werbeanzeige? Ich vermute, der Leser wäre in forciertem Maße unfroh.

Eine virtuelle Version dieser extrem unhöflichen Vorgehensweise scheint sich bedauerlicher Weise gerade im Netz auszubreiten. Man liest in einen interessanten Online-Text hinein, und kaum ist man in die ersten Zeilen versunken, werden sie einem wie ein Tischtuch unter dem Geschirr wieder weggezogen und man wird auf eine Anzeige am Kopf der Seite hochkatapultiert. In einem solchen Augenblick empfinde ich die Kommunikationsrevolution, die sich in der digitalen Welt vollzieht, als eine Art Bürgerkrieg der Gesellschaft gegen sich selbst. Ich habe noch nie einen Adblocker verwendet und überlege zum ersten Mal, es zu tun.

Das Schöne am Internet

Man fühlt sich, so behandelt, nicht mehr wie ein souveränes Subjekt, sondern wie eine Flipperkugel. Sogar die Blickbefehle beim Militär („Augeeen rrrechts!“) darf man zumindest noch selbst ausführen, da kommt keiner und reißt einem den Kopf in die richtige Richtung. Das Schöne am Internet war doch ursprünglich die Möglichkeit, etwas zu tun. Selbst aktiv zu werden und nicht nur, wie am klassischen Fernseher ein/aus, hell/dunkel, laut/leise.

Mit manchem kann man sich murrend arrangieren, etwa dem Bewusstsein, gelegentlich als Klickvieh herhalten zu müssen, um den professionellen Produzenten von Inhalt zu etwas mehr als einem Wurstbrot zu verhelfen. Manchmal sehe ich mich stumm und voller Ingrimm die Straße entlanggehen mit einem riesigen Plakat, auf dem steht: ALLES AUF EINER SEITE! Das heißt, ich fordere die ununterbrochen fließende Bildschirmpapyrusrolle, in welche die papierenen Seiten sich nun verwandelt haben; stattdessen werden Zeitungsartikel oft künstlich mit Seitenstoppern versehen, um, wie mit dem Klingelbeutel in der Kirche, Klicks beim Weiterblättern einzusammeln. Ich habe mich damit wie gesagt murrend arrangiert.

Verführerisch eingeseift

Mit Werbung, die mich einigermaßen kultiviert oder gar verführerisch einzuseifen versucht, habe ich keine Probleme. Ich hab sogar mal eine Weile eine Werbekolumne geschrieben, weil ich der Meinung war, dass neue Werbung, genau wie neue Songs, neue Filme und neue Bücher als Teil der Alltagskultur rezensiert werden sollte.

Aber solche hyperaggressiven technischen Zwangsmaßnahmen, die meine Nase auf ein Werbebanner drücken als wäre ich eine zu disziplinierende Katze, die irgendwo hingepisst hat, schaden nicht nur der Reputation der Reklame - und des beworbenen Produkts, falls man es vor Verärgerung überhaupt noch wahrnimmt - , sondern auch dem wohl oder übel werbungtreibenden Journalismus, der solche technischen Untergriffe zulässt.

Vor der Paarung die Werbung

„In der Zeitung im Café gibt es Werbung“, schreibt ein Freund auf Facebook. „Diese steht still, ist neben den Texten angeordnet, macht keine Geräusche, spielt nicht ungefragt Filme ab, und schiebt sich nicht vor den Text.“ Keine Frage, eine Welt ohne Werbung wäre eine ärmere Welt. „Sogar bei den Ratten kommt vor der Paarung die Werbung“, schrieb der Kulturphilosoph Lewis Mumford.

Mit dem Internet hätten Wirtschaft und Marketing sogar die Chance auf einen phantastischen Neubeginn. Werbung könnte im Online-Universum wieder an ihre Wurzeln zurückkehren und verlocken, verführen, betören - werben at it’s best. Die Werbung sollte uns, so wäre es wunderbar, wahrhaft informieren, unterhalten und die Kommunikation zu einem Triumph der Sehnsüchte und ihrer Erfüllung werden lassen.

Aber nicht mit solchen Methoden.

(futurezone) Erstellt am 13.05.2017, 06:00

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