Teller mit Apfelstrudel

© dapd/Oliver Lang

Meinung
09/13/2014

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Mit der Einführung der Apple Watch beginnt in der Evolution der digitalen Welt nun die Uhrzeit. Langfristig droht der österreichischen Eßkultur Gefahr.

Statt zur Präsentation der Apple Watch die unsäglichen U2 aufzufahren und auch noch jedem iTunes-Nutzer deren neues Album aufzudrängen, hätte Apple besser auf einen Klassiker zurückgegriffen: „Sweet child in time, You'll see the line: the line that's drawn between good and bad“, hieß es bereits 1969 auf eindrucksvolle Weise in dem Deep Purple-Gallions-Hit „Child In Time“.

Deep Purple spielen das Stück seit 2002 nicht mehr live. Als Grund dafür nennt Sänger Ian Gillan, dass durch die langen Schrei-Passagen seine Stimme leide und dies auf Kosten seines gesamten Gesangs ginge. Was wäre das für ein schönes - akustisches - Bild gewesen – erst die Schreie der Leidenschaft an eine halbe Milliarde iTunes-Nutzer verschenken (am besten in der „Live in Tokyo“-Version), und dann verstummen diese ehrfurchtsvoll und verwandeln sich in eine glänzende, digital durchsetzte Uhr, die aus nichts als runden Ecken besteht. Tim Cook und Ian Gillan schütteln sich auf offener Bühne die Hand. Beide nach rechts ab.

Was für eine Präsentation. Awsome, wie der Lateiner sagt. Auch die neuen iPhones. „Es sind die kleinen Dinge, die zählen“, twittert @pourmecoffee begeistert. „Die neuen iPhones benachrichtigen automatisch jeden in deiner Kontaktliste, der ein älteres iPhone hat, was für wertloser Haufen Mist das ist.“

Kein Zufall auch, dass der Apple-Event gleichzeitig mit der New York Fashion Week stattfand. Als die Modemacherin Diane von Fürstenberg vor zwei Jahren ihre Models alle mit Google-Brillen über den Catwalk laufen ließ, sah das erst wie ein avantgardistischer Coup aus – die technologisch-modisch Vornste der Vornsten zu sein. Leider entwickelten sich die futuristischen Augengläser in der Publikumsgunst style abwärts bis hin zur unfreundlichen Bezeichnung Glasshole für Leute, die sich sowas aufsetzen. Ein Imagetransfer, der auch in der Modebranche nicht gern gesehen wird.

Mit neuen iPhones, auch in den goldenen Protzofonversionen, kann man da schon mal gar nichts falsch machen. Und mit einer Uhr, die aussieht wie eine Armbanduhr und auch eine ist, und mit austauschbaren Armbanddesigns und ebenfalls Versionen in Gold, schon überhaupt nicht. Das eigentlich Revolutionäre an der Apple Watch ist, dass sie die Richtung zeigt, die der Mode im digitalen Zeitalter nun vorgezeichnet ist. Ziel ist es, sich künftig mit Lichtgeschwindigkeit umziehen zu können – in Echtzeit.

Damit wären alle Probleme behoben, die durch die zunehmende Beschleunigung in diesem bedeutenden Kulturbereich entstehen. Längst gibt es nicht mehr nur das alte Zeitmaß der Saison, die das Modeschaffen in eine Frühjahrs- und eine Herbstkollektion zerteilt hat. Ketten wie Benetton, Zara oder Primark haben mit durchcomputerisierten Produktions- und Vertriebsmethoden den Zeittakt für Neues bereits auf wenige Wochen reduziert. Manchmal geraten die Kleidungsstücke, die man gerade gekauft hat, schon auf dem Weg zum Auto wieder aus der Mode.

Die Apple Watch fährt nun mit einem Mikrochip auf, der vor 20 Jahren ein ganzes Rechenzentrum an die Wand gerechnet hätte, und der über ein Betriebssystem verfügt, das in der Lage ist, der Uhr in Sekundenbruchteilen jeweils unterschiedliche Erscheinungsbilder zu verleihen. Wozu Dutzende verschiedener Swatch-Uhren sammeln, wenn man den selben Effekt simulieren kann?, lautet die herausfordernde Botschaft an das unteranstronomisch teure Segment der Schweizer Uhrenindustrie.

Für das iPad hatte Apple ohne Erlaubnis das klassische Design der Schweizer Bahnhofsuhr verwendet (erkennbar daran, dass der Sekundenzeiger nicht in einer Spitze, sondern einem Kreis endet). Für 16 Millionen Euro ließ sich der Bahnkonzern SBB zu einer nachträglichen Einigung bewegen. Ist das nun die späte Rache? Einem Bericht der New York Times zufolge soll Apples Designchef Sir Jonathan Ive von der Apple Watch geschwärmt und gesagt haben, dass die Schweiz nun „Probleme kriegen" werde – wobei er für „Probleme kriegen" einen deutlich stärkeren Begriff gewählt habe.

Wer über den Tellerrand blickt, dem wird klar, dass es nicht die Uhrenindustrie ist, der - vielleicht kurzfristig - Gefahr von Apple droht. Auch nicht den Banken mit Apple Pay, einer Art Neuerfindung des Gelds in nichtvorhandener Form. Mit den Wearables ist die Techologie nun direkt an unserem Körper angekommen. Die Apple Watch ist so etwas wie ein aufs Handgelenk verrutschter technischer Handkuss. Nicht nur für die Schweizer, auch für Österreicher gibt es nunmehr ernsthaft Anlass, sich Sorgen zu machen – wenn auch die Abwandlung des Handkusses in einen App-fähigen Apparat noch als Petitesse erscheinen mag.

Mittel- und langfristig aber droht ein Angriff auf unser Innerstes, dies nicht nur im individuellen Sinn, sondern auch national (Die Schweizer wären ebenfalls wieder mitbetroffen). Es geht um‘s Essen. Genauer gesagt: Es geht um die Süßigkeiten. Wer Sinn für Ähnlichkeiten hat, dem wird schon einmal die Übereinstimmung eines iPhone mit einer Tafel Schokolade aufgefallen sein, wobei die App-Icons auf dem Display den Schokoladestücken der Tafel entsprechen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Pionier des digitalen Zeitalters einen scheinbar überraschenden Schwenk in diese Richtung macht. 1993 hatte Louis Rossetto, gemeinsam mit Jane Metcalf und dem MIT-Vordenker Nicholas Negroponte das Magazin „Wired” aus der Taufe gehoben und es zum Zentralorgan der digitalen Revolution gemacht. 1998 verkaufte er das Blatt und gründete eine Luxusschokoladefirma.

Während die Wearables noch an uns haften wie kupierte Blutegel, zeigen Schokolade und das gesamte Mehlspeisen-Metier den nächsten Schritt in der Annäherung der Maschine an den Menschen an: Sie kommen nach innen. Sie werden gegessen. Sie verteilen sich im Körper. Molekül für Molekül wird sich die Schokolade von Apple, die iChoc, der Strudel, die Bischofsschnitte in uns selbst verwandeln. Karl Lagerfeld könnte sich inspiriert fühlen, Choco Chanel auf den Markt zu bringen. Schrecklich die Vorstellung, dass es natürlich auch Missverständnisse wie den „Punch-Krapfen“ geben wird, der plötzlich zu einer Spezialität mit Lochung (punch) mutiert und vielleicht für so etwas wie eine süße Version von Emmentaler Käse gehalten werden könnte.

High-Tech-Schokolade hört sich nach sonderbarer Science Fiction an, aber wir leben in einer Zeit, in der die Zukunft immer mehr von der Gegenwart eingeholt wird. So hat der deutsche Industriedesigner Hannes Harms den funktionsfähigen Prototypen eines „intelligenten Tellers“ mit Namen NutriSmart entwickelt, um auf einfache Weise Zugang zu Lebensmittelinformationen zu bekommen und die gesamte Produktions- und Lieferkette verfolgen zu können – und mit Hilfe einer künftigen Einbettung von winzigen Funkchips direkt in Lebensmitteln. Für seinen Prototypen nutzte Harms essbare RFID-Tags, die von der Firma Kodak ursprünglich für medizinische Zwecke entwickelt wurden, sowie einen mit einem integrierten RFID-Lesegerät ausgerüsteten Teller.