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Wissenschaft & Blödsinn Porentiefer Blödsinn.

Beauty treatment
Beauty treatment - Foto: Getty Images/iStockphoto/Voyagerix/iSTockphoto
Die Kosmetikindustrie wirbt mit esoterischen Versprechungen, die sie nicht halten kann. Billige Hautcremes genügen völlig, teure Produkte zu kaufen lohnt sich nicht.

Falten im Gesicht müssen aus irgendeinem Grund etwas schrecklich Lebensbedrohendes sein, sonst würde man nicht derart erbittert gegen sie kämpfen. Erwachsene Haut soll sich anfühlen wie ein Babypopo – das redet uns die Werbung ein. Dabei ist ein Babypopo ansonsten nicht unbedingt ein Körperteil, an dem man sich ein Beispiel nehmen sollte.

Erstaunlich ist, welche merkwürdigen Inhaltsstoffe heute in atemberaubend teure Tiegelchen gefüllt werden. Wer die Aufschriften auf Kosmetikprodukten liest, könnte meinen, er habe sich in die Bibliothek eines Biochemie-Instituts verirrt: Von Coenzymen ist da die Rede, von Pro-Retinol, von Phytomeren und Vitamin-Komplexen. Doch wenn diese Wundermittel unter kontrollierten Bedingungen getestet werden, etwa von unabhängigen Konsumentenschutz-Vereinen, dann zeigt sich immer wieder: Viele Kosmetikprodukte halten nicht was sie versprechen, die superteure Luxuscreme kann meistens auch nicht mehr als das Billigprodukt in der Großpackung. Oft ist Kosmetik nichts als Schönheits-Esoterik, ein Placeboprodukt im hübschen Döschen.

Verdünnt und wirkungslos

Eine Hautcreme hat eine ganz entscheidende Aufgabe: Sie soll der Haut Feuchtigkeit zuführen. Das ist tatsächlich sinnvoll, doch dazu braucht man bloß eine Emulsion aus Wasser und Öl. Jede Creme, egal ob billig oder teuer, erfüllt diesen Zweck. Alle anderen Substanzen, die in die Hautcreme gemischt werden, um die Tiegelchen mit  eindrucksvollen, werbewirksamen Fachvokabeln verzieren zu können, sind im besten Fall ziemlich nutzlos, im schlechtesten Fall sogar schädlich.

Versprechungen wie „sichtbare Faltenreduktion in 14 Tagen“ kann keine Hautcreme erfüllen, meint Bernhard Matuschak vom Verein für Konsumenteninformation. „Es gibt zwar tatsächlich wirksame Chemikalien, die kleine Hautfalten temporär beseitigen können, etwa die sogenannten Alpha-Hydroxy-Säuren, Vitamin C oder gewisse Vitamin-A-Verbindungen, doch damit sich ein Erfolg einstellt müssten sie in so hohen Konzentrationen und mit so hohem Säuregehalt aufgetragen werden, dass die Haut unweigerlich Schaden nehmen muss.“

Kein Zweifel: Wer sich die Haut wegätzt, hat keine Falten mehr. Allerdings ist das nicht unbedingt ein Geschäftsmodell, das dauerhaft hohe Umsätze verspricht. Daher werden die Wirkstoffe sehr stark verdünnt, sonst würden die Präparate gar keine Zulassung erhalten. Man kann dann mit einem Wirkstoff werben, der in hoher Konzentration einen spürbaren Effekt hat, verkauft ihn aber in einer Verdünnung, bei der die Wirkung allerhöchstens unter dem Mikroskop erkennbar ist.

Naiver Aberglaube

Überhaupt ist die Vorstellung falsch, dass unser Körper beliebige Substanzen über die Haut aufnehmen und verarbeiten kann. Die Haut ist eigentlich eher dazu da, fremde Substanzen draußen zu halten. Wenn man einen Diabetiker nackt in eine riesengroße Schokotorte steckt, wird er davon weder satt noch bekommt er einen Zuckerschock. Ebenso ist es sinnlos, sich Stammzellen oder DNA auf die Haut zu schmieren – sie werden nicht aufgenommen. Ein Auto fährt auch nicht besser, wenn ich das Dach mit  Superbenzin einreibe.

Die Situation ist kurios: Gentechnik und Stammzelltherapie werden oft auf recht irrationale Weise verteufelt, doch in der Kosmetik, wo sie tatsächlich nichts verloren haben, findet man sie offenbar irgendwie spannend, modern und innovativ. Und so gibt es tatsächlich Leute, die sich hoffnungsvoll DNA oder Stammzellen besonders glatthäutiger, runzelfreier Apfelsorten ins Gesicht schmieren, um selber runzelfrei zu werden.

Dabei geht es natürlich längst nicht mehr um Wissenschaft, sondern um klassischen Aberglauben. Man erkennt irgendwo positive Eigenschaften und versucht, sie ganz naiv auf den eigenen Körper zu übertragen: Wer sich mit Seidenproteinen eincremt, wird seidig, wer Edelweißextrakte verwendet, wird samtigweich – das ist genau die verquere Logik, nach der auch Tiger oder Nashörner zu Potenzmitteln verarbeitet werden.

Hier hat man jede wissenschaftliche Argumentationslinie längst aus den Augen verloren und verheddert sich in tiefster voraufklärerischer Alchemie. Nein, so funktioniert das nicht: Wer das Gehirn eines Mathematikprofessors aufisst, wird dadurch nicht klüger, wer sich nachts ein Stück Pferdefleisch in die Hose steckt, kann dadurch nicht schneller über die Steppe laufen, und wer sich mit Pfirsichextrakten eincremt, bekommt dadurch keine pfirsichweiche Haut.

Vielleicht ist es die beste Hautpflege, sich über Hautpflege ein bisschen weniger Sorgen zu machen. Stress dürfte nämlich tatsächlich schlecht für die Haut sein. Wer also möglichst viele Überstunden macht, um sich die teuren Luxus-Kosmetiktiegelchen leisten zu können, sollte seine Strategie noch einmal überdenken. Entspannen wir uns. Die allerwichtigste Grundregel der Kosmetik wird uns in den Fernsehwerbungen immer verschwiegen: Lachfalten sind hübscher als Sorgenfalten.

Der Autor

Florian Aigner

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Foto: Florian Aigner
Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.

(futurezone) Erstellt am 20.09.2016, 06:00

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