Meinung
15.05.2018

Sauer macht unlustig? Der Übersäuerungs-Mythos

Falsche Ernährung übersäuert unseren Körper, behaupten Basendiät-Ratgeber. Wissenschaftliche Belege für die aktuelle Angst vor der bösen Säure gibt es allerdings nicht.

Es klingt wunderbar wissenschaftlich, ist aber ziemlicher Blödsinn: Angeblich bringt unsere moderne, künstliche Ernährung den pH-Wert unseres Körpers durcheinander, und das soll der Grund für fast alle Krankheiten sein. Von Kopfschmerzen bis Asthma, von Allergien bis zu Hämorrhoiden – Schuld ist eine gefährliche Übersäuerung des Körpers. Zumindest wollen uns das schlaue Gesundheitsratgeber einreden, die zur wissenschaftlichen Faktenlage ein eher distanziertes Verhältnis pflegen. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht gibt es für solche Behauptungen nämlich keine echten Anhaltspunkte.

Der Körper reguliert sich selbst

Tatsächlich ist der richtige pH-Wert wichtig für den Körper. Unser Blut ist leicht basisch, mit einem pH-Wert zwischen 7,35 und 7,45. Nur in diesem engen Bereich geht es uns gut. Wenn wir hyperventilieren oder zu viele Luftballons aufblasen und davon Schwindelgefühle bekommen, dann liegt das daran, dass wir zu viel Kohlendioxid ausatmen, Kohlensäure abbauen und unser Blut dadurch kurzfristig zu basisch wird.

Zum Glück ist unser Körper aber ziemlich gut darin, den pH-Wert des Blutes zu regulieren und im erwünschten Bereich zu halten. Säuren werden von den Nieren neutralisiert oder ausgeschieden. Wenn das nicht funktioniert, etwa bei Nierenversagen, dann sinkt der pH-Wert ab, das Blut wird zu sauer, man spricht von einer Azidose.

Doch mit einer solchen Azidose hat der aktuelle Basen-Ernährungs-Boom nichts zu tun. Behauptet wird stattdessen, dass bestimmte Nahrungsmittel unsere Körperzellen übersäuern. Einen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt es nicht. Grundsätzlich ist es richtig, dass verschiedene Nahrungsmittel im Körper zu Säuren- oder Basenbildung führen können. Verwirrenderweise gehören gerade die stark säurehaltigen Zitrusfrüchte zu den „Basenlieferanten“. Fleisch, Brot und Eier sind eher säurebildend. Doch warum das für den Körper ein Problem sein sollte, kann niemand so genau erklären.

Überlegenswert erscheint allenfalls die Idee, dass Säuren vielleicht schlecht für die Knochen sind, weil sie eventuell Kalzium herauslösen könnten. Das wurde wissenschaftlich untersucht, und auch hier konnte Entwarnung gegeben werden: Selbst protein- und getreidereiche Ernährung, die zu Säurebildung führt, hat keine schädliche Auswirkung auf unsere Knochen.

Wissenschaftlicher Anstrich für banale Aussagen

Daher liegt der Verdacht nahe: Die wissenschaftlich klingenden Begriffe wie „pH-Wert“, „Säure“ und „Base“ werden hier bloß missbraucht, um einer simplen Theorie einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen und mehr Ernährungsratgeber-Bücher zu verkaufen. Tatsächlich sind die Tipps dieser Ernährungsratgeber ziemlich banal: Wir sollen viel Obst und Gemüse essen, kann man dort lesen. Bei Fleisch und Süßigkeiten sollten wir uns eher zurückhalten. Alkohol und Nikotin sind zu meiden. Ach wirklich? Welch großartige Erkenntnis!

Es stimmt schon: Wenn man von einer konsequenten Bratwurstdiät auf abwechslungsreiche Gemüseküche umstellt, wird sich das tatsächlich positiv auf die Gesundheit auswirken. Aber das hat nichts mit dem Säure- und Basenhaushalt unseres Körpers zu tun. Man sollte ihn daher auch nicht als scheinwissenschaftliches Argument missbrauchen.

Doch plötzlich gilt die böse Säure als gefährlicher Feind – und damit lässt sich wunderbare Geschäftemacherei betreiben: Säurehemmende Nahrungsergänzungsmittel werden verkauft, die in Wirklichkeit niemand braucht. Spezielle Seifen und Badezusätze werden angeboten, die besonders basisch wirken sollen – obwohl der pH-Wert der Haut, der pH-Wert des Blutes und der pH-Wert in verschiedenen Organen in Wirklichkeit ganz unterschiedliche Angelegenheiten sind. Man kann sich die Zähne mit basischer „Heilkreide“ putzen, mit einem pH-Wert von 8,5.

Und die wohl skurrilste Geschäftsidee sind „Basenstrümpfe“, die man in einer basischen Lösung tränkt und dann über Nacht an den Füßen trägt. Die Füße sollen nämlich angeblich ein Entgiftungsorgan sein. Das ist eigentlich eine grobe Beleidigung unserer Nieren, die tatsächlich permanent an der Entgiftung unseres Körpers arbeiten. Unsere Füße haben damit nichts zu tun.

Dass eine vitaminreiche Ernährung gut ist, wird niemand bestreiten. Aber ohne wissenschaftliche Begründung einfach die „Säure“ zum Angstgegner zu erklären, ist Unsinn. Wenn jemand behauptet, die Ursache für „praktisch alle Krankheiten“ gefunden zu haben und sie in einem schlanken Büchlein mit vielen Bildern zu erklären, dann sollte man von vornherein skeptisch bleiben. Und wenn man dann unsinnige Basenkapseln oder Basenstrümpfe angeboten bekommt, dann hat man guten Grund, sauer zu sein. Ganz unabhängig von irgendwelchen pH-Werten.

Zur Person

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen.