Meinung
11.04.2015

Saurier und Sadomaso

Zeitreisen rücken näher - mit Computerhilfe kann man zumindest schon mal reinhören, wie sich alte Philosophen und Dinosaurier angehört haben.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Artikel über wissenschaftliche Studien, die mit der Formulierung „Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass...“ beginnen, für glaubwürdiger gehalten werden. Ein Scherz. Ernsthafte Artikel über wissenschaftliche Studien fangen nicht so an, Studien schon gar nicht.

Ernsthafte wissenschaftliche Studien tragen Titel wie „Überschall-Saurier? Schwanzdynamik bei den Diplodocidae“. Dieser Sauriergattung gehört, was jedes Kind mit einer Plastikdinosammlung weiß, unter anderem die „Donnerechse“ an – der gewaltige Brontosaurus. Die 1997 in der Fachzeitschrift „Paleobiology“ veröffentlichte Studie wurde von Nathan Myhrvold verfasst, einem Hobby-Dinosaurierforscher und damals Forschungsleiter bei Microsoft (der heute mit der von ihm mitgegründeten Firma Intellectual Ventures eher als Patent-Troll auffällt).

Myhrvold wollte wissen, ob die Schallmauer eventuell schon von einem Dinosaurier durchbrochen wurde. Er nahm an, dass die Schwanzspitze eines Brontosaurus beim Ausschwingen Überschallgeschwindigkeit erreichte und es mit etwa 200 Dezibel ziemlich laut schnalzte. Bei seinen Forschungen kam Myhrvold mit klassischen Schweizer Peitschenmachern ebenso in Kontakt wie mit Sado-Maso-Material, Sauriereien sozusagen. Schließlich konnte man das resultierende Geräusch eines knallenden Saurieschwanzes sogar hören. Myhrvold hatte es mit Hilfe eines biomechanischen Computermodells errechnet und als Hörprobe darstellen lassen. Er nannte das Verfahren „Cyberpaläontologie“.

Nun gibt es einen weiteren biocomputerisierten Klang aus der Vergangenheit, diesmal spektakulärer, denn es ist eine menschliche Stimme, nämlich die (vermutete) Stimme des im Jahr 1900 in Weimar verstorbenen Philosophen Friedrich Nietzsche. In dieser „auf einer DNA-Analyse basierenden Prognose von Nietzsches Stimme“ - so der Titel der wissenschaftlichen Studie - spricht Nietzsche ein paar Sätze aus seinen Werken. Eine erstaulich unbeschwerte, jungenhafte Stimme angesichts des immensen Schnauzbarts, den der Verfasser von „Also sprach Zarathustra“ und „Jenseits von Gut und Böse“ wie einen haarigen Niagarafall von seiner Oberlippe hatte wuchern lassen.

Es ist der erste Versuch, die Stimme eines Toten wiedererstehen zu lassen. Das in der renommierten Fachzeitschrift „Investigative Genetics“ publizierte Paper beschreibt die interessante Methode. Die drei Autoren der Studie, Flavia und Patricia Montaggio und Imp Kerr, hatten DNA-Proben, die Nietzsche dort im Papier hinterlassen habe, aus den Büchern seiner Handbibliothek entnommen. Daraus wurden biologisch verwertbare Daten gewonnen, die es ermöglichten, mit Hilfe eines 3D-Druckers einen funktionsfähigen Kehlkopf herzustellen, mit dessen Hilfe die Stimme auf quasi organische Weise erzeugt wurde.

Klingt etwas fantastisch, aber plausibel, oder? Fantastisch nur in dem Sinne, in dem viele Ergebnisse moderner naturwissenschaftlicher Forschung auf erstaunliche Weise bemerkenswert sind. Einzig der Name Imp Kerr klingt ein bisschen übererstaunlich bemerkenswert.

Ein Blick in die englischsprachige Wikipedia verrät, dass es sich um das Pseudonym einer schwedisch-französischen Künstlerin handelt, die in New York lebt und die 2008 mit einem Doppel-Fake für Aufsehen gesorgt hatte. Erst waren Fotos von nachgemachten Werbeplakaten der Bekleidungsfirma American Apparel auf New Yorker Werbeflächen aufgetaucht, die es mit ihren sexuell getönten Inhalten in sich hatten und sich rasch verbreiteten; einige Zeit danach stellte sich heraus, dass die Fotos mit Photoshop manipuliert waren und es die Guerilla-Kampagne in Wirklichkeit nie gegeben hatte.

Nun weiß man natürlich nicht, was an dem Wikipedia-Artikel über Imp Kerr wahr ist und was nicht. Ziemlich sicher richtig ist, dass das Paper über die Stimme von Friedrich Nietsche (im Gegensatz zu dem Überschallsaurierschwanz) ein kunstvolles Stück Performance Art ist, ein eleganter akademischer Aprilscherz, der zeigt, wie amüsant es sein kann, gefoppt zu werden – und wie unaufhörlich wichtig es ist, skeptisch zu bleiben bei allem, was uns da aus den Suchmaschinensuchschlitzen und journalistischen Schnellschussanlagen der Welt entgegenquillt.