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Peter Glaser: Zukunftsreich
06/30/2012

Seid freundlich zu den Maschinen!

Mein Freund, die Maschine: Wie können wir die Rückkehr der Sklavenhalter-Mentalität durch die digitale Hintertür verhindern?

Im Dezember 1865, nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs, wurde mit der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten das Ende des Menschenhandels in der westlichen Welt verkündet. Nun schleicht sich die zugehörige Haltung leise und über technische Annehmlichkeiten wieder ein. Der aristokratische Gestus, der Menschen unterschiedlichen Standes kennt, Dienende und Bediente.

Anrufentgegennehmer
Dienstleistungsgesellschaft schön und gut. Mit dem Anrufentgegennehmer etwa (nein, ein „Anrufbeantworter“ beantwortet keine Anrufe) läßt sich vorzüglich die Ära emulieren, in der man als potentieller Besucher dem Butler seine Visitenkarte aufs Tablett legte – „Ich werde nachsehen, ob der gnädige Herr zu Hause ist..." Angesichts der digitalen Technik aber, die nun tausendfältig in unser Leben einmarschiert, summiert sich ein Verhalten zu neuen Ausmaßen auf, das viele für längst abgelebt gehalten haben: die Herrschsucht und Unduldsamkeit des Sklavenhalters.

Die Idee des Dienenden scheint inzwischen auf den ersten Blick politisch komplett unkorrekt. Europäer etwa neigen dazu, Schuhputzer in Ländern der zweieinhalbten und dritten Welt durch Trinkgelder zu entwürdigen, die so hilflos hoch sind, dass man sie nicht mehr als Lohn, sondern nur noch als Almosen ansehen kann. Auf die Maschine angewandt, ist die Idee der Knechtschaft aber anscheinend plötzlich wieder ok.

Robosapiens als Staubsauger
Enthusiasten sehen die Roboter-Industrie heute auf der selben Stufe wie die PC-Industrie Mitte der Siebzigerjahre, nämlich in einer Pionierzeit. Muntere Robosapiens wandern über den Teppich, autonome Staubsauger rüsseln durch unsere Wohnungen, Algorithmen sprechen uns mit Vornamen an. Und je menschenähnlicher die Anmutung ist, in der sich uns die Maschine präsentiert, desto eher fühlen wir uns veranlaßt, uns ihr auch als Gefühlswesen zuzuwenden. Seit Jahren üben wir so an der Duldsamkeit des Computers die Enttabuisierung des Sklaventreiberischen neu ein. Die Maschine widerspricht nicht und bringt mit unendlicher Geduld Warnungen, Fehlermeldungen und traurige Abstürze hervor.

Nun, da die Maschinen immer verhaltensähnlicher agieren, wird es Zeit, dass wir uns darüber Klarheit verschaffen, wie wir uns ihnen gegenüber benehmen. Ein gewisser Respekt ist unumgänglich. Wenn die Maschinen uns in unserem menschlichen Verhalten herausfordern, müssen wir unbedingt höflich und zivilisiert bleiben, andernfalls das Unrichtige und Barbarische auf uns abfärbt. Seid freundlich zu den Maschinen!

Manche Maschinenbenutzer, ob Autofahrer, Fernzuseher oder Computer-User, haben bereits Formen einer schroffen Unduldsamkeit verinnerlicht, die aus dem verächtlichen Umgang mit Apparaten stammt. Im Innersten der demokratischen Systeme bilden sich auf diesem Weg neue Keimzellen für befehlsgewohnte Arroganz („Los, funktionier jetzt!") und Gutsherrenart.

Rede an die Menschheit
Vor ein paar Jahren habe ich von einem Podest am Äquator eines großen Globus herab, der im Wiener Prater steht, eine Rede an die Menschheit gehalten. Zwar hatte ich als Publikum nur zwei Minderjährige mit ihren Kinderfahrrädern und einen Bauarbeiter, der mit einem Gummihammer Pflastersteine in den Boden trieb, trotzdem war mir wichtig, jene zehn Sätze zusammenzustellen, die ich, sagen wir: anläßlich einer Olympiaden-Eröffnung, an die Menschheit richten würde. Der Auftritt war das Ergebnis eines Gedankenspiels, zu dem mich ein Satz aus einem der Tagebücher von Peter Handke inspiriert hatte: „Abends im Bett eine Rede an die Menschheit gehalten.“ Jeder sollte sich mal fragen, welche zehn Sätze er bei einer solchen Gelegenheit (nicht abends im Bett, sondern bei der Eröffnung der Olympiade o.ä.) an die anderen globalen Dorfbewohner richten würde. Der letzte meiner zehn Sätze lautete: “Und seid freundlich zu den Maschinen.“

Weshalb auch nicht? Was spricht dagegen, sich mit einer Maschine anzufreunden? Spätestens wenn die Gentechniker ihr Können mit dem der Informatiker und Ingenieure zusammenlegen, werden die Apparate uns auf Zuruf entgegenkrabbeln. Man muß sich nur die Evolution des Telefons ansehen, das vor wenigen Jahrzehnten noch in kalten, ungemütlichen Vorzimmern logierte, um nach und nach in die Wohnräume vorzudringen und sich schließlich in der Jackentasche als haustierhaftes Smartphone an uns zu kuscheln. Wir beantworten die Nähe bereits mit Zärtlichkeit, sacht streichen unsere Finger über die Apparaturen und wie dressierte geometrische Delfine schwimmen unter der gläsernen Bildschirmwasseroberfläche Icons und Interfaces an die Fingerspitze. Seid nett zu den Dingern. Don‘t be evil.

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Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm in Berlin und begleitet seit 30 Jahren die Entwicklung der digitalen Welt. Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, Träger des Ingeborg Bachmann-Preises und Blogger. Für die futurezone schreibt er jeden Samstag eine Kolumne.