Edward Snowden und Lindsay Mills in "Snowden".

© Universal Film

Kritik
09/24/2016

Snowden-Film: Gelungener, emotionaler Thriller

Die Verfilmung der Geschichte des Whistleblowers Edward Snowden von Hollywood-Regisseur Oliver Stone bewegt einen vor allem emotional. Für wen sich das Ansehen auszahlt.

von Barbara Wimmer

Wie erzählt man eine Geschichte, die die ganze Welt live mitverfolgen konnte, ohne, dass sie langweilig wird? Ein wahrlich schwieriges Unterfangen, welches dem Hollywood-Kult-Regisseur Oliver Stone mit „Snowden“ nur teilweise geglückt ist.

Oliver Stone hat mit dem Film rund um den US-Whistleblower einen insgesamt gelungenen, emotionalen und vor allem politisch wichtigen Thriller geschaffen. Die im Film gezeigten Überwachungsmethoden sind keineswegs überdramatisiert dargestellt, wie manche Kritiker behaupten. Das ausführlich beschriebene Programm XKeyscore existiert(e) in der Realität genauso wie die Überwachung der Mikrophone, die Edward Snowden, der im Film von Joseph Gordon-Levitt gespielt wird, dazu veranlassen, wie in „Real Life“ auch Tech-Größen Mark Zuckerberg, das Mikrophon des Laptops seiner Freundin abzukleben.

Los geht es in Hongkong am 3. Juni 2013. Und zwar an dem Ort, an dem Edward Snowden die Dokumentarfilmerin Laura Poitras und den Journalisten Glenn Greenwald zum ersten Mal getroffen hatte. Aber der Großteil des Films dreht sich um das "vorher". Wie wurde Edward Snowden eigentlich zum Whistleblower? Was erlebte er, wie veränderte sich der US-Patriot unter dem Einfluss seiner liberalen Freundin Lindsay Mills?

Identifikation und Held

Die Liebesgeschichte der beiden, so wie sie dargestellt wird, bewegt. Durch sie, mit all ihren Höhen und Tiefen, wird Edward Snowden sympathisch. Man identifiziert sich mit ihm, wenn er drauf kommt, wie staatliche Behörden unkontrolliert auf die Privatdaten sämtlicher US-Bürger zugreifen können – und das sogar häufiger tun, als auf Daten von Russen. Der Gefühlspart ist auch für all diejenigen neu, die den ganzen Fall und die Enthüllungen des US-Whistleblowers live mitverfolgt haben. Aber natürlich ist das auch genau der Teil, bei dem am meisten erfunden wurde.

Oliver Stone setzt Edward Snowden mit „Snowden“ ein Denkmal. Der Film stellt ihn ganz und gar als Helden dar – und das baut er massiv über die emotionale Schiene auf. Stone war sich vor allem von Anfang an der Brisanz bewusst, der politischen Sprengkraft, die ein derartiges Werk mit sich bringen würde. Deshalb engagierte der Kult-Regisseur auch einen Hacker, um sich und sein Werk zu schützen. Dieser trackte etwa die PDFs, die an die Schauspieler geschickt wurden. Es ließ sich genau nachvollziehen, wann sie von wem geöffnet oder gespeichert wurden. Das war keine Paranoia, sondern ein simples „sich Bewusst sein“ mit wem man sich hier anlegt.

In der in Österreich gezeigten Version des Films wird auch Österreich als eines der Länder erwähnt, dessen Infrastruktur vom US-Geheimdienst infiltriert wurde. Dargestellt wird das Land mit Kühen, die auf einer Weide stehen, der blaue Himmel und die Berge sind im Hintergrund zu sehen. Ein Klischee-Bild eines Landes mit durchwachsener Spionage-Vergangenheit.

Zauberwürfel und Mikrowelle

Vom Film „Snowden“ in Erinnerung bleiben jedoch weniger die beklemmenden Momente in den Hallen des US-Geheimdienstes, sondern vielmehr die zwischenmenschlichen Momente zwischen Edward, seinem Vorgesetzten und seiner großen Liebe. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Lindsay mit Shailene Woodley einfach großartig besetzt wurde. In Erinnerung bleibt aber auch der Zauberwürfel. Den hatte Snowden tatsächlich in der Hand, als er Laura Poitras und Glenn Greenwald traf, so die Überlieferungen. Anders ist das hingegen mit der im Film dargestellten Mikrowelle, in der die Smartphones im Hotelzimmer gelagert werden. Die waren in Wahrheit in einem Kühlschrank gebunkert.

Die Dokumentarfilmerin Laura Poitras, gespielt von Melissa Leo, kommt im Film im Gegensatz zu ihrem eigenen, Oscar-gekrönten Werk „Citizenfour“, wo sie ausschließlich hinter der Kamera bleibt, auch als tragende Figur vor. Für Menschen, die ihren Dokumentarfilm „Citizenfour“ gesehen haben und sich auch mit den Enthüllungen des Whistleblowers auseinandergesetzt haben, ist der Film – vor allem das Ende - des Hollywood-Kult-Regisseurs nicht so spannend wie für Menschen, die bisher eher weniger mit der Thematik zu tun hatten.

Wiederholung von "Citizenfour"

Die letzten 15 Minuten des Films sind eine Wiederholung all dessen, was man brühwarm live in sämtlichen internationalen Medien länderübergreifend mitverfolgen konnte und was auch in "Citizenfour" zu sehen war. Allerdings kommen einem dann doch fast die Tränen, als der "Schauspieler"-Snowden dann kurz vor dem Ende durch eine Video-Schaltung des "Original"-Snowden ersetzt wird.

Das Erzählen der Geschichte in dieser Reihenfolge, wie es Stone getan hat, funktioniert nur bedingt für alle Interessierten gleichermaßen. Trotzdem ist Stones Film insgesamt ein gelungenes Werk im selben Stil wie „JFK“. Ob er damit wie Laura Poitras einen Oscar gewinnen kann, wird sich freilich erst zeigen.

Disclaimer: Die Vorpremiere wurde von der futurezone auf Einladung des IT-Dienstleisters "adesso" besucht.