© Robert F. Bukaty

Wissenschaft & Blödsinn
10/20/2015

Stoppt den Orgon-Handel!

Von der Wolkenentfernungsmaschine bis zum Sexspielzeug: Mit dem geheimnisvollen „Orgon“ lassen sich gute Geschäfte machen.

von Florian Aigner

Die Wissenschaft hat Helden wie Einstein, Darwin oder Curie. Doch auch die Pseudowissenschaft bringt immer wieder ganz besondere Stars hervor, deren Ideen sich rasend schnell verbreiten, wie Viren bei einer Masernparty. Einer dieser Anwärter für die Hall-of-Fame des weltweiten Unfugs ist Wilhelm Reich, ein österreichischer Energieschwurbler. Er erfand das „Orgon“ eine Art sexueller Ur-Lebenskraft, mit der sich bis heute eine Menge Geld verdienen lässt.

Freud war dagegen

Wilhelm Reich studierte nach dem ersten Weltkrieg in Wien, stieß dort auf Sigmund Freuds Sexual-Theorien und wurde zum begeisterten Psychoanalytiker und Sexualforscher. Freud war von dem jungen Kollegen nicht besonders begeistert und warf ihn später sogar aus der internationalen psychoanalytischen Vereinigung hinaus.

Davon ließ Reich sich aber nicht stoppen - im Gegenteil. Er verkündete die Entdeckung des „Orgons“, einer speziellen biologischen Energie, und behauptete, die tiefere „Funktion der orgastischen Plasmazuckungen“ erklären zu können. Seine „Orgasmusformel“, die er sich in Bezug auf die menschliche Sexualität ausgedacht hatte, übertrug er auf Dinge, die mit Sex normalerweise eher wenig zu tun haben. Sogar in Watte oder Sand glaubte Wilhelm Reich das geheimnisvolle Orgon finden zu können. Mit verschiedenen Messgeräten bemühte er sich, die allumfassende Lebensenergie sichtbar zu machen.

Großartigerweise lässt sich das Orgon sogar speichern – in einem sogenannten „Orgonakkumulator“. Wilhelm Reich baute einen Kasten aus Stahlblech, verkleidet mit anderen Materialien, und erklärte, dass sich darin Orgonenergie ansammelt. Man kann sich in den Kasten hineinsetzen, die Tür schließen und ganz privat die Orgonenergie genießen. Was Wilhelm Reich in diesem Akkumulator gemacht hat, ist nicht überliefert, doch auch heute noch kann man diese Energiekästen kaufen.

Einstein war dagegen

Besonders faszinierend fand Reich, dass der Akkumulator im Inneren eine höhere Temperatur einstellte als außen – daher trat er in Kontakt mit Albert Einstein, der damals in Princeton forschte, und ließ ihm einen Orgonakkumulator zukommen. Einstein fand die Sache interessant, erkannte allerdings rasch einen entscheidenden Denkfehler und schrieb Wilhelm Reich einen freundlichen Brief: „Ich hoffe, dass dies ihre Skepsis entwickeln wird, dass Sie sich nicht durch eine an sich verständliche Illusion trügen lassen.“

Doch diese Enttäuschung setzte Reichs Arbeit kein Ende – im Gegenteil, er wurde immer kreativer. Reich entwickelte sogenannte „Cloudbuster“, lange Röhren, die man zum Himmel richtet, um mittels Orgonenergie den Wolken zu einem orgiastischen Regenausbruch zu verhelfen. Heute werden diese Geräte manchmal von Chemtrail-Gläubigen nachgebaut, um sich vor den bedrohlichen Wolkenstreifen zu schützen, die dunkle Mächte mit Flugzeugen über unseren Himmel verteilen.

In den Fünfzigerjahren deckte Wilhelm Reich in den USA eine neue Bedrohung auf: Außerirdische entzogen den Menschen Lebensenergie, um sie dann für den Antrieb ihrer Raumfahrzeuge zu benutzen. Reich rief den „kosmischen Krieg“ aus und bemühte sich, mit seinen Wolkenbrechern den außerirdischen Energie-Absorbern ihr Orgon wieder wegzunehmen. Den „Kommunisten und Gangstern“ in der US-Regierung gab er die Schuld daran, dass seine Warnungen nicht ernst genommen wurden.

Dabei gab ihm der Erfolg doch eigentlich recht: In den Sechziger- und Siebzigerjahren war schließlich eine deutliche Zunahme der sexuellen Energie zu spüren. Eine Spätwirkung von Reichs Orgon-Verteidigungsschlag gegen die Außerirdischen? Man weiß es nicht. Aber auf den Fotos von knutschenden Hippies in Woodstock ist keine einzige fliegende Untertasse zu sehen. Das kann doch kein Zufall sein!

Geld bringt es trotzdem

Ein wesentliches Geheimnis von Reichs Orgon-Technologie scheint in einem ganz besonderen Material zu liegen, das er entwickelt hat. Manche Menschen bezeichnen es als Metallschrott, verklebt mit Kunstharz. Doch geschäftstüchtigere Leute nennen es „Orgonit“ und formen es zu hübschen Gegenständen, die man um viel Geld verkaufen kann. Besonders beliebt sind kegelförmige Orgonit-Figuren, die man auch als „Heilige Handgranaten“ bezeichnet. (Kulturell gebildete Menschen wisse, dass das eine Referenz an die Heilige Handgranate von Antiochia ist, mit der man Killerkaninchen zur Strecke bringt.) Orgonit hilft gegen Elektrosmog, Wasseradern, Erdstrahlen und überhaupt gegen alle möglichen Dinge, die es zwar nicht gibt, die man aber trotzdem mit beträchtlichem finanziellen Aufwand bekämpfen kann.

Ob Wilhelm Reich, der 1957 in den USA verstarb, diese Geschäftemacherei mit seinen Ideen gutheißen würde, ist schwer zu sagen. Vielleicht hätte er die bunten, hässlichen Orgonit-Sternzeichenanhänger, die man übers Internet bestellen kann, selbst ziemlich lächerlich gefunden. Doch eines hätte Wilhelm Reich ziemlich sicher gut gefallen: Spezial-Sexspielzeug aus Orgonit mit Kupfer und Kristallen, erhältlich im Versandhandel. Endlich mal ein Orgon-Produkt, das Reichs Grundideen nahekommt!

Florian Aigner

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er beschäftigt sich nicht nur mit spannenden Themen der Naturwissenschaft, sondern oft auch mit Esoterik und Aberglauben, die sich so gerne als Wissenschaft tarnen. Über Wissenschaft, Blödsinn und den Unterschied zwischen diesen beiden Bereichen schreibt er jeden zweiten Dienstag in der futurezone.