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Peter Glaser: Zukunftsreich
02/15/2014

Tüt! Tüt?

Die Zukunft des Hupens: Eine kleine Geschichte des Verkehrslärms und der Versuche, ihn auf technischem Wege zu verringern.

von Peter Glaser

Die Zukunft des Automobils rollt in Gestalt fahrerloser Fahrzeuge bereits testweise über unsere Straßen. Google hat den Anfang gemacht, große Autohersteller ziehen nach. Wichtige Fragen warten im Zusammenhang damit auf Antworten. Wie kann ich verhindern, dass mein Auto in Zukunft gehackt wird? Wer ist verantwortlich, wenn ein fahrerloser Wagen einen Unfall verursacht? Und es gibt ein paar scheinbar unwichtige, aber um nichts uninteressantere Fragen, etwa: Wie sieht die Zukunft des Hupens aus?

Die Hupe gibt es, seit der Nürnberger Uhrmacher und Zirkelschmied Hans Hautsch 1649 eine Kutsche ohne Pferde baute, die angeblich auf mechanische Weise selbstfahrend war. Kritische Zeitgenossen unterstellten dem Fahrzeug jedoch, es werde von einem in seinem Inneren befindlichen Knaben angetrieben, der dazu eine Kurbel bediene. Dem mit 1,5 Stundenkilometern voraneilenden Gefährt strebten oft neugierige Menschenmassen entgegen. Um sich den Weg freizuhalten, hatte Hautsch zwei Möglichkeiten vorgesehen: einen dekorativen Drachenkopf, der in der Lage war, Wasser zu speien, sowie engelförmige Hörner, aus denen Lärm hervorschmetterte.

Die Anti-Auto-Gesellschaft

Als das Automobil sich Anfang des 20. Jahrhunderts auszubreiten begann, forderten Kraftwagengegner, Autos müßten mit Lärmkanonen ausgerüstet werden – und zwar aus ähnlichen Gründen, aus denen Leprakranke einst gezwungen waren, „Unrein, unrein!" zu rufen, ehe sie ein Dorf betraten. Sie beunruhigten die Pferde und gefährdeten die Fußgänger.

Ein Gesetzesentwurf in Massachusetts sah für alle Fahrzeuge eine Klingel vor, die mit jeder Umdrehung der Räder einmal angeschlagen wurde. Ein anderer Vorschlag ging dahin, dass Autofahrer erst einmal Feuerwerkskörper abschießen sollten, um Pferdefuhrwerke vor einer Annäherung zu warnen. Die Farmers’ Anti-Automobile Society of Pennsylvania verlangte für den Fall, dass ein Pferd sich weigerte, an einem Auto vorbeizutraben, dass der Fahrer letzteres im Gebüsch verstecken müsse.

Wo Hupen ein Verbrechen ist

Der Übergang von Pferd zu Auto reduzierte die städtische Lärmbelastung übrigens nicht unerheblich. Das Geklapper und Geschepper von Hufen und Wagen auf dem Kopfsteinpflaster war in der Zeit vor dem Automobil in Städten offenbar eine dauerhafte Quelle von Stress. Aber die Atempause, die ruhige Gummireifen den gequälten Ohren verschafften, währte nicht lange. Bald waren die Straßen voll mit Autos, die alle mit unglaublich lauten Hupen ausgestattet waren.

Hupen gehören nach wie vor zu den Hauptquellen städtischer Lärmverschmutzung. In Peru ist Hupen seit 2009 nicht einfach nur verboten, sondern wird als Verbrechen geahndet – wer hupt, wo nicht gehupt werden darf, riskiert die Beschlagnahmung seines Autos. Die Weltgesundheitsorganisation WHO präsentierte 2011 eine Studie, wonach jährlich „durch Verkehrslärm in Westeuropa eine Million gesunder Lebensjahre verlorengehen.“

Gesetze haben das Problem noch nicht gelöst. Die Stadt New York hat letztes Jahr sogar resigniert und alle „Hupen verboten“-Schilder wieder abmontieren lassen. Es kostet zwar theoretisch immer noch 350 Dollar, unerlaubt zu hupen, aber das Gesetz wird nur sehr selten angewandt. Mancher Amerikaner setzt Hupfreiheit mit Meinungsfreiheit gleich.

Staus wie himmlische Chöre

Wäre eine technische Lösung des Problems denkbar? Jeff Jonas von der Firma IBM schlägt vor, das Hupen zu rationieren. Man bekommt ein paar Huper pro Monat zugebilligt und wenn die verbraucht sind, wird die Hupe abgeregelt. Wer mehr hupen will, muß dafür bezahlen. In Indien, wo gehupt wird wie verrückt, versucht man es nun mit einer Vorrichtung namens Bleep, die jedesmal, wenn der Fahrer hupt, ein nervtötendes Lämpchen am Armaturenbrett in Gang setzt, das von Hand wieder abgestellt werden muß.

Ein anderer, geradezu ätherischer Vorschlag findet sich in dem Ideen-Aggregator Reddit. Demnach sollten sämtliche Hupen auf unterschiedliche Töne aus einem Akkord gestimmt werden, woraufhin „Staus sich anhören würden wie himmlische Chöre.“

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