Meinung
24.01.2015

Wahnsinn mit Methode

Die Macht des Unsinns wird häufig unterschätzt. Beim Crowdsourcing etwa lassen sich mit purem Nonsens ohne weiteres vierstellige Beträge einsammeln.

Es war im Frühjahr, als der New Yorker Hip-Hop-Musiker Jaime Meline - auch bekannt als El-P respektive El Producto - gerade die Arbeit an dem neuesten Album mit seiner Band abgeschlossen hatte. Er habe, wie er der New York Times verriet, einen Joint geraucht und angefangen zu spintisieren, wie man nun die Fans in einen Dialog einbinden könne.

Aus Jux schickte er anschließend eine E-Mail herum, in der er einige etwas überkandidelte Verdienstmöglichkeiten anbot. So würden er und sein Kumpel Michael Render sich beispielsweise für 25.000 Dollar von einem Schulkind in dessen Klasse mitnehmen lassen und Fragen beantworten. Oder für 40.000 Dollar würde er mit seiner Band ein Remake des neuen Albums einspielen, wobei sie diesmal ausschließlich zu Katzen-Sounds rappen würden. ( Melines eigenes Musiklabel heißt übrigens „Definitive Jux“ – das Wort Jux gibt es im Englischen nicht; die bei dem Label unter Vertrag stehende Künstler nennen sich selbst Def Jukies.)

Das mit der Katzenmusik war als Scherz gemeint. Aber dann nahm ein Fan namens Sly Jones die Sache in die Hand und startete eine Crowdfunding-Kampagne auf der Geldsammelplattform Kickstarter. Innerhalb von 41 Tagen waren 65.000 Dollar für das Katzenalbum beisammen. „Mir war nicht wirklich klar, wie mächtig die Katzen und das Internet gemeinsam sind“, sagt Meline, dessen Band „Run the Jewels“ heißt und deren musikalisches Schaffen nun auch noch das Album „Meow the Jewels” umfasst. El-P kategorisiert das neue Produkt als „leicht bescheuert“ und will 50.000 Dollar aus den Einnahmen für wohltätige Zwecke spenden.

Auf Kickstarter finden sich in zunehmendem Maß absurde Ideen, für die beeindruckende Beträge eingesammelt werden. Ursprünglich gedacht war das Ganze als Plattform, auf der sich Erfinder und Unternehmer an die Internet-Öffentlichkeit wenden können, um finanzielle Hilfe für ihre ernsthaften Projekte zu finden und den Gebern dafür spezielle Boni anzubieten. Abzweigungen ins Aberwitzige gibt es aber schon länger. So wurden 2011 zum Beispiel 67.000 Dollar aufgebracht, um in Detroit eine RoboCop-Statue errichten zu lassen.

Vor etwa 30.000 Jahren entwickelte der Mensch jene Technik, die Keramik heißt. Bemerkenswert daran ist, dass er als erstes nicht etwa nützliche Dinge produzierte, wie wir auf Effizienz verengten, zivilisierten Zeitgenossen heute vermuten würden. Ehe die frühen Töpfer darangingen, Nützliches wie den Krug zu erfinden, schufen sie jahrhundertelang korpulente Fruchtbarkeitsgöttinnen. Nützliches herzustellen gelingt sogar Tieren. Sich zum einzigartigen Kulturwesen erheben konnte der Mensch aber erst, als er in der Lage war, Unsinn hervorzubringen.

Immense Kreativität wird freigesetzt, um Zweckfreies zu erzeugen. Besonders auffällig ist das am Computer, einer Maschine, die scheinbar strotzt vor Vernünftigkeit. Seit Jahrzehnten bieten Programmierer das Äußerste an Findigkeit auf, um genialischen Quatsch zu erschaffen. So gab es schon für den Commodore C-64, den Neandertaler unter den Homecomputern, Programme, mit deren Hilfe sich die rote LED an der Diskettenstation dimmen ließ oder mit denen man durch gezielt verändertes Trafosummen und das Schrittmotorgeräusch des Schreib-Lesekopfs Musikstücke wie etwa den Radetzkymarsch spielen konnte. Nun hat das Internet aufgeholt und Marshall McLuhan, dem wir die Wendung vom „globalen Dorf“ verdanken, würde heute eher titeln „Das globale Doof“.