© Martin Gnedt

Portrait
11/25/2010

Ältester Internetnutzer feiert 100. Geburtstag

Erwin Martinetz surft mit Laptop, telefoniert mit Handy und recherchiert vor dem Einkauf im Netz. FUTUREZONE erzählte Österreichs ältester Webuser von seiner Technik-Leidenschaft und wie er den technischen Wandel eines ganzen Jahrhunderts miterlebt hat.

von Claudia Zettel

Wir schreiben das Jahr 1910. In Norwegen beginnt Roald Amundsen seine Südpolar-Expedition, in Deutschland startet das Luftschiff LZ7 "Deutschland" zu seiner Jungfernfahrt. Der erste Dieselmotor für Kraftfahrzeuge wird entwickelt, die Manhattan-Brücke in New York eröffnet und Karl May veröffentlicht seinen vierten Winnetou-Band. In Wien wird im dritten Gemeindebezirk Erwin Martinetz geboren. Fernsehen, Handy, Computer, Digicam - weit entfernte Zukunftsmusik.

Zurück in der Gegenwart, genau hundert Jahre später, treffen wir Herrn Martinetz in der Lasallestraße im zweiten Wiener Gemeindebezirk, in einem Seminarraum der A1 Telekom Austria - nur wenige Straßen von seiner Wohnung entfernt.

Er sitzt vor einem Laptop und will an einer Internetschulung für Senioren teilnehmen. Doch wie sich schnell herausstellt, braucht der ehemalige Fernmeldetechniker, Ministerialrat und Diplomingeneur eigentlich gar keine Schulung. Die anderen Schulungsteilnehmer - vielfach könnten es seine Kinder sein - lässt der Jubilar, der heute, am 25. November, seinen 100.Geburtstag feiert, beinahe alt aussehen.

"Erste Schritte ins Internet" steht auf den Unterlagen - Erwin Martinetz hat diese Schritte längst getan und kennt sich mit Computern und Internet bestens aus. Dabei kaufte er sich erst mit 89 Jahren seinen ersten PC. Mit 95 bekam er von seiner Familie einen Laptop geschenkt, das Internet entdeckte er im Jahr 2000.

Lebenslange Technik-Leidenschaft

Die Begeisterung für Technik wurde dem heute 100-Jährigen, dem sein Alter weder körperlich noch geistig anzumerken ist, geradezu in die Wiege gelegt. "Schon mit 14 Jahren, 1924, habe ich mein erstes Detektorgerät angemeldet", erzählt Herr Martinetz, der Ende der 30er-Jahre Nachrichtentechnik studierte und schon währenddessen eine Anstellung bei der "Post und Telegraphenverwaltung" bekam. Zu Kriegszeiten wurde er nach Berlin zur deutschen Reichspost beordert, danach kehrte er wieder nach Wien zurück und kam zum Fernmeldetechnischen Zentralamt, später trat er in die Generaldirektion der Post- und Telegraphenverwaltung ein.

Im Jahr 1967 kaufte sich Herr Martinetz sein erstes Schwarz-Weiß-Fernsehgerät. "1970 kam der erste Farbfernseher ins Haus", erzählt er. Den technischen Fortschritt hat er immer begrüßt, Leute die sich dem verweigern, kann er nicht verstehen: "Natürlich ist es heute besser, das wäre ja gerade so, als würde man sich noch immer mit einem Schwarz-Weiß-Fernseher zufrieden geben", lacht er.

Die Herausforderung, selbst im hohen Alter noch mit dem ständigen Wandel mitzuhalten, nimmt Erwin Martinetz gerne an. "Wenn man eine Liebe zur Technik hat, dann kann gar nichts zu kompliziert und schwierig sein."

Recherche auf Wikipedia

1976 trat er in den Ruhestand, was seiner Aktivität jedoch keinen Abbruch tat. Als Ausgleich zu seiner früheren beruflichen Aufgabe widmet sich der Pensionist bis heute seiner zweiten Leidenschaft, der Kunst. Er sammelt Künstlerpostkarten, hat diese über die Jahre hinweg akribisch archiviert und ganze Kataloge dazu erstellt. Das Internet nutzt er dabei gerne als Recherchequelle. "Auf Wikipedia zum Beispiel schaue ich sehr viel nach", sagt Herr Martinetz. Wobei - so warnt er - man den Artikeln nicht immer vertrauen könne, hin und wieder seien manche Informationen auch falsch. Seine Archive legt er in Word- und Excel-Dateien an und geht dabei stets auf Nummer Sicher. "Ich mache immer Duplikate", sagt er, die speichere er dann meist auf einem USB-Stick.

Nicht alles im Internet interessiert ihn, was ihm nicht nützlich ist, das lässt der rüstige 100-Jährige lieber bleiben. "eMail benutze ich nicht, wenn ich etwas sagen will, nehme ich das Telefon." Herr Martinetz zieht sein Handy, ein Emporia-Modell, aus der Jackentasche. Auch Zeitung liest er nach wie vor lieber in gedruckter Form.

Preisvergleich im Netz

Dass er in seinem Alter noch außerordentlich technisch versiert ist, beweist der Ansichtskartensammler nicht nur mit seinen Word- und Excel-Kenntnissen, die er sich selbst angeeignet hat. Ob das Betriebssystem Windows 7 etwas taugt, will er wissen, denn derzeit arbeite er noch auf Windows XP. Auch von der Entwicklung des Nachfolgers (Windows 8) hat er schon gelesen. "Vielleicht werde ich das aktuelle Betriebssystem einfach auslassen", überlegt er.

Zurzeit sucht Erwin Martinetz nach einer neuen Waschmaschine - im Internet. Eine bestimmte Marke habe er zwar schon im Kopf, vor dem Kauf wolle er sich aber noch genauer informieren. Dazu ist ihm das Netz gerade recht. "Kaufen werde ich das Gerät dann aber im Geschäft." 

(Claudia Zettel)

Internetschulungen für Senioren
Der Österreichische Seniorenrat betreibt seit 2003 gemeinsam mit der A1 Telekom Austria die Initiative "Seniorkom.at". Damit soll älteren Menschen das Internet nähergebracht werden. Auf der Plattform können sich Senioren über aktuelle Themen informieren und in einem Forum untereinander austauschen.
Begleitend werden laufend Internet-Schulungen angeboten. Dabei stehen den Teilnehmern junge Mitarbeiter von A1 zur Seite und begleiten sie beim Einstieg in die Online-Welt. Die Schulungen sind kostenlos und behandeln unterschiedliche Themen - von Einsteigerkursen bis hin zu speziellen Einheiten wie "Reise & Freizeit im Internet" oder "Geistig fit: Spiel & Spaß im Internet". Beide Seiten sollen profitieren. Die Jungen erweitern im Rahmen ihrer Lehrlingsausbildung ihre sozialen Kompetenzen, die Älteren profitieren vom fachlichen Know-how der Digital Natives.
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