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Nordafrika
12/06/2011

"Al Jazeera war wichtiger als Social Media"

Auch auf der re:publica in Berlin sind die vermeintlichen Social-Media-Revolutionen heiß diskutiertes Thema. Skeptiker brachten gewichtige Argumente: So seien nicht Facebook und Twitter, sondern neben dem arabischen TV-Sender auch SMS und die Zivilgeschaft wesentliche Treiber gewesen.

von Jakob Steinschaden

„Moderne Revolutionen sind keine digitalen, sondern von der Zivilgesellschaft getriebene Revolutionen.“ Ludger Schadomsky, Afrika-Experte bei der Deutschen Welle, erteilte den oft als „Facebook-Revolution“ bezeichneten Volksaufständen in Nordafrika im Rahmen der Blogger-Konferenz re:publica eine Abfuhr. „ Al Jazeera war bei der Mobilisierung der Grassroots-Bewegung wichtiger als Social Media“, so Schadomsky. Außerdem dürfe man das Organisationstalent der Menschen selbst sowie „Gadgets“, also in erster Linie Handys, nicht vergessen.

Claire Ulrich vom Blogger-Netzwerk Global Voices, die sich ebenfalls auf Afrika spezialisiert hat, verwies auf die Kraft von SMS. In Westafrika etwa würden die Menschen einander so vor Buschfeuer warnen oder sogar Hochzeiten ausmachen. SMS würden selbst dann funktionieren, wenn es keinen Strom gebe und TV- und Radio-Empfang nicht möglich seien. Gleichzeitig wies sie aber darauf hin, dass Mobilfunker in Afrika eng mit Regierungen bei der Zensur von über Handy-Netze verbreitete Inhalte zusammen arbeiten würden. Bei Social-Media-Diensten könnte die Stimmung schnell umschlagen. „In der Elfenbeinküste haben wir das Beste und das Schlechteste gesehen, was Social Media leisten kann“, sagte Ulrich. Dort wären schnell Beschimpfungen, Drohungen und Videos von Morden verbreitet worden.

Amira Al Hussaini, eine Bloggerin aus Bahrain, relativierte Schamonskys Analyse. „Die Tunesier haben sich darüber aufgeregt, dass die iranischen Aufstände von Al Jazeera mehr Aufmerksamkeit bekamen als ihre eigenen Proteste“, sagte sie. „Das Internet abzudrehen, war Mubaraks größter Fehler. Anstatt die Aufstände in YouTube-Videos anzusehen, mussten die Leute auf die Straße gehen.“ Eine starke Zivilgesellschaft sei Voraussetzung für einen organisierten Aufstand. Man könne nicht, wie etwa in Äthiopien ein Datum (28. Mai) festsetzen für die Revolution festsetzen. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass Social-Media-Kanäle auch intensiv durch Regierungen zu Propaganda-Zwecken verwendet werden.

Solana Larsen, Managerin von Global Voices, wies anschließend darauf hin, dass die Ägypter ihre Revolution spaßhalber als "KFC-Revolution" bezeichneten, weil eine Filiale der US-Kette am Tahrir-Platz von den Demonstranten übernommen und in eine Krankenstation umfunktioniert worden war. Auch seien Botschaften - etwa in Syrien - über an Brot angebrachten Zetteln verbreitet worden.

Larsen sprach ebenfalls die Situation der Elfenbeinküste an, wo über Facebook Videos verbreitet werden würden, die Hass-Lieder oder Steinigungen zum Inhalt haben. Selbst Hashtags auf Twitter würden Hassbotschaften beinhalten.

Global Voices hilft internationalen Bloggern - von Kuba bis China -, ihre Beiträge einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Wichtig sind in diesem Zusammenhang Übersetzungen in andere Sprachen, um mehr Reichweite zu erzielen.

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