Netzpolitik
19.03.2013

Asher Wolf: "Nutzt Facebook nicht"

Die australische Internet-Aktivistin Asher Wolf erlangte als Mitbegründern der Cryptopartys weltweite Bekanntheit. Sie setzt sich für Bewegungen wie WikiLeaks und Occupy ein, kämpft für Datenschutz und Privatsphäre und steht in regelmäßigem Kontakt mit Anonymous-Vertretern. Im futurezone-Interview spricht Asher Wolf über staatliche Überwachung, Sexismus und die revolutionäre Kraft von Social Media. Und sie verrät ihren größten Wunsch.

Asher Wolf hat kürzlich ein ausführliches Interview mit einem der prominentesten Anonymous-Accounts auf Twitter geführt und es der futurezone als erstem deutschsprachigen Medium zur Verfügung gestellt. Darin gab der Anonymous-Aktivist Einblicke in das Kollektiv und sprach unter anderem über seine Furcht vor Verfolgung und seine Entscheidung, die USA zu verlassen. Die futurezone hat das spannende Interview der australischen Journalistin zum Anlass genommen, sie selbst einmal über ihren Aktivismus, ihren Einsatz für Datenschutz und Privatsphäre sowie ihre Haltung zu unterschiedlichen Online-Bewegungen zu befragen.

futurezone: Sie wurden im vergangenen Jahr als "Erfinderin der Cryptopartys" einem weltweiten Publikum bekannt. Können Sie ein wenig über die Entstehungsgeschichte und die Idee dahinter erzählen?
Asher Wolf: Ich bevorzuge es, mich nicht als "Begründerin" der Cryptoparty zu bezeichnen - ich habe eher einen Begriff für eine Idee geprägt, die ein Freund von mir hatte - bekannt als @m1k3y auf Twitter. Das Ganze fand zu einer Zeit statt, als die australische Regierung eine neue Gesetzgebung in Verbindung mit Cybercrime beschloss. Es gab ernsthafte Bedenken gegenüber dem Thema der Datenschutzbestimmungen in dem Antrag. Wir haben nach Möglichkeiten gesucht, unsere Privatsphäre zu schützen, @m1k3y hat dann eine "Installiere-all-die-Crypto-Apps"-Party vorgeschlagen (in einer Unterhaltung auf Twitter Anm.) Ich antwortete: "Cryptoparty!" - und so war die Idee geboren.

Wie ging es dann weiter?
Die Leute in den sozialen Medien haben sich dann sofort bei der Idee eingeklinkt. Noch bevor es eine Cryptoparty in Melbourne gab, fanden welche in Deutschland und den USA statt. Nach meinem letzten Stand wurden bereits hunderte solcher Partys auf der ganzen Welt abgehalten.

Nicht jeder, der sich um seine Privatsphäre sorgt, hat die nötigen technischen Kenntnisse, um sich so zu schützen, wie er oder sie vielleicht möchte. Was raten Sie diesen Leuten?
Nutzt Tor, um euch zu schützen. Es ist kostenlos und kann sehr einfach heruntergeladen werden. Achtet auf eure Privatsphäre-Einstellungen, wenn ihr euch bei einem Social Network anmeldet. Nutzt Facebook nicht. Freundet euch mit allen an, aber gebt niemandem eure Adresse. Bildet große soziale Netzwerke, aber gebt keine privaten Informationen an Fremde. Öffnet keine unbekannten Links. Rickrolls sind so lange lustig, bis sich irgendwann ein schädlicher Link dahinter befindet.

Plattformen wie Facebook oder Google+ drängen zunehmend auf die Verwendung von Klarnamen, auch bei vielen Medienseiten werden inzwischen echte Namen in den Foren verlangt. Wie bewerten Sie die Debatte rund um die Anonymität im Netz?
Das Verlangen von Plattformen wie Facebook oder Google+, die Anonymität abzuschaffen, halte ich für gefährlich. Es bringt Aktivisten und Whistleblower in Gefahr. Wir müssen nicht das Recht auf Anonymität abschaffen, um Spielregeln für ein annehmbares Nutzerverhalten zu schaffen.

Bei vielen Bewegungen, die auch einen technischen Hintergrund haben, dominieren noch immer die Männer. Was ist ihr Eindruck diesbezüglich im Allgemeinen und ist das bei Cryptopartys, wo es ja auch um gewisse technische Kenntnisse geht, auch der Fall?
Es ist ziemlich offensichtlich, dass die meisten Bereiche im technischen Umfeld noch immer von Männern dominiert werden. Die letzte Hacker-Konferenz, die ich besucht habe, zählte sechs Frauen und 100 Männer. Es macht mich rasend, wenn sogar Gruppen, die bei Genderthemen starke Vorreiterrollen einnehmen, dann erklären: "Oh, es läuft großartig", wenn es gerade einmal ein Frau-Mann-Verhältnis von 1:3 gibt. Das kommt daher, dass sie sich so lange in Räumen bewegt haben, die Frauen komplett ausgeschlossen haben, dass ihnen weibliche Teilnahme - auch wenn sie ungleich ist - schon als radikal vorkommt. Die Leute reden von Revolution oder Veränderung, aber sie machen gar nicht die Augen gegenüber dem auf, was sich direkt vor ihnen befindet. Wenn weibliche Präsenz fehlt - physisch oder online - merken wir es, und bemerken wir die Auswirkungen auf Leben und Karriere? Meistens nicht. Und wenn dann Projekte gestartet werden, die sich an Frauen in der Technik wenden, dann sind das oft Alibiaktionen.

Es ist schon interessant: Ich hab in den vergangenen Jahren unzählige Frauen, oft Mütter, kennengelernt, die online intensiv an Aktivismus-Bewegungen mitgearbeitet haben, wenn es um die Organisation ging. Wenn es dann aber darum geht, ins Rampenlicht zu treten, treten Frauen, die sich bei Online-Bewegungen engagieren viel zu oft zurück. Ich glaube, Frauen fürchten sich oft davor, dass sie zum Subjekt prüfender Blicke werden, wenn sie in die Öffentlichkeit treten. Das ist natürlkich keine kleine Angst.

Welche "prüfenden Blicke" sind damit konkret gemeint, wovor schrecken die Frauen Ihrer Meinung nach so sehr zurück?
Es geht da nicht um all die Arbeit, die sie leisten, die unzähligen Stunden, die sie investieren. Diese öffentliche Prüfung richtet sich an ihr Frausein, mit all den destruktiven, sinnlosen Stereotypen: Wenn du schön bist, hassen sie dich. Wenn du hässlich bist, hassen sie dich. Bist du eine alleinerziehende, berufstätige Mutter, wirst du als herb und unweiblich betrachtet. Bist du eine Mutter mit einer Karriere oder in Aktivismus involviert, bist du offensichtlich nachlässig, was deine Familie betrifft. Als Vollblut-Mutter, die nebenbei hilft, Revolutionen zu unterstützen, kann ich dazu nur raten, dem frontal gegenüberzutreten. Es muss klar auf die lächerliche und inakzeptable Natur solcher Zuschreibungen hingewiesen werden, die Frauen auf den Status ihrer Fickbarkeit reduzieren. Das regt halt manche Menschen auf. Ein schüchternes Pflänzchen zu sein, wird nichts verändern. Also bin ich es nicht.

Wie groß ist das Problem von Sexismus innerhalb der Tech-Community?
Sexismus und Diskriminierung sind ein riesiges Problem, aber nicht nur in der Tech-Community, sondern überall. Wenn Leute aufgrund einer Kultur ausschließenenden Verhaltens von Technik weggesperrt werden, dann bedeutet das, dass jene Stimmen, die man hört, nur einen kleinen Teil der Bevölkerung repräsentieren. Das ist destruktiv.

Sie haben sich im Zuge ihres Aktivsimus auch viel mit Anonymous befasst, zuletzt das große Interview mit @AnonyOps geführt. Wie ist Ihre persönliche Haltung zu der Bewegung?
Das ist eine lose Bewegung von Leuten, die unter der Fahne angeblicher Anonymität agieren. Sie sind nicht einer Meinung. Ich persönlich finde, dass Anonymous, wie es heute operiert, ein Schatten dessen ist, was es 2010 war.

In welche Richtung wird sich Anonymous Ihrer Ansicht nach weiter entwickeln?
Es ist seltsam, aber ein Ex-Mitglied von Lulzsec sagte mal zu mir: "Anonymus muss sterben. Aber jeder Versuch, es aufzuhalten, wird es nur stärker machen." Schockierende Aussage. Aber er sagte es mit Liebe. Er will, dass Hacktivismus weiterlebt, aber Anonymous hat einen Punkt erreicht, wo es sich ernsten, andauernden Problemen stellen muss in Bezug auf die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, seitens Regierungen und Gesetzgebung. Solange Anonymous als "eine Gruppe" oder "eine einzige Organisation" gesehen wird, wird Anonymous weiterhin dieser Kritik ausgesetzt sein. Anonymous ist eigentlich nur eine Möglichkeit, eine Masse an Menschen im Netz zu definieren, die keine öffentliche Identität haben. Aber heute ist es mit allen möglichen Stereotypen besetzt. Viele fähige Hacker, die sich mit Anonymous identifiziert haben, verstecken sich, seit es Massen-Verhaftungen in den USA und Europa im Jahr 2011 und 2012 gegeben hat. Das bedeutet leider auch, dass es jetzt weniger Führungsbeispiele gibt, an denen sich jüngere und dümmere Personen ein Beispiel nehmen könnten, die sich mit Anonymous identifizieren.

Was sehen Sie heute generell als die größte Bedrohung für die Privatsphäre der Menschen?
Die größte Bedrohung ist angelernte Hoffnungslosigkeit rund um den Schutz der Privatsphäre - diese Idee, dass es "zwecklos ist, warum also überhaupt versuchen, die eigene Identität geheim zu halten". Wir sollten alle wie wahnsinng um unser Recht auf den Schutz unserer Daten, unsere Identitäten und Privatsphäre kämpfen.

Glauben Sie, dass sich Regierungen vor der Macht des Internets fürchten?
Es gibt nur etwas auf der Welt, wogegen Regierungen keine Handhabe haben, und das ist Humor. Ein Grund warum die Occupy-Bewegung so explodiert ist, war ihre belustigende Antwort auf Brutalität - wir haben uns über die Gewalt seitens der Regierung gegen harmlose, friedliche Menschen, die nur an einem legitimen Protest teilnehmen wollten, lächerlich gemacht.

Glauben Sie, dass Social Media wirklich die Welt verändern kann, etwa wenn wir uns an den Arabischen Frühling zurück erinnern? Oder glauben Sie, Facebook, Twitter und Co wurden in dem Zusammenhang völlig überbewertet?
Ich glaube, wir unterschätzen den Funken der Revolution, der sich in mancher Information befindet. Als Beispiel fallen mir die Änderungen ein, die Islands Regierung und Bankensystem nach den WikiLeaks-Enthüllungen vorgenommen haben. Oder aktuelle Entwicklungen in Bulgarien, nachdem die Bloggingseite Bivol Korrpution in der Regierung aufgedeckt hat. Information kann ein Zünder sein. Was wir dann aus diesen Momenten machen, liegt an uns. Ich glaube, wir bereiten uns zu wenig darauf vor, was nach den Revolutionen kommt. Wenn man Veränderung plant, heißt das auch, dass man Alternativen schaffen muss, für das was danach kommt. Keine Internet-Petition wird diese Arbeit ersetzen.

Wie ist die Situation in Sachen staatliche Überwachung derzeit in Australien? Wie ist sie im Vergleich zu anderen westlichen Ländern?
Die australische Regierung betreibt 20 mal mehr unbefugte Abhörmaßnahmen als die USA. Die Regierung hinkt sowohl beim Zugang zur Informationsfreiheit als auch beim Datenschutz hinterher, vor allem wenn man die Situation mit Europa vergleicht. Unsere Bürokraten sind so verzweifelt darin, den Amerikanern hinterher zu kriechen, dass sie die Privatsphäre der Bürger bei jeder Gelegenheit verkaufen.

Welche Länder bereiten Ihnen in Bezug auf Überwachung die meisten Sorgen?
Die Länder, die mich am meisten sorgen, sind in erster Linie westlich, weil sie die Realität sind, von der aus mein ganzes Tun in Bezug auf Online-Repression stattfindet. Es ist ziemlich heuchlerisch von den USA, China in Bezug auf Freiheit anzukläffen, wenn sie selbst Leute wie Bradley Manning wegsperren - ohne Zugang zu einem UN-Vertreter, ihn für über 1000 Tage ohne Prozess ins Gefängnis stecken.

Was ist mit repressiven Staaten, China, Iran, Syrien?
Ich arbeite in den Medien. Auf meinem Bildschirm habe ich YouTube-Channels aus Syrien, Bahrain, Tibet, Myanmar - tote Kinder, gefolterte Männer, Buben mit Waffen, die Ältere belästigen. Wenn die westlichen Medien sich weigern, diese Bilder in den Mainstream zu bringen, müssen wir uns fragen, warum wir es uns erlauben von so einer Realität "geschützt zu werden". Leute wie Bradley Manning, das mutmaßliche Lulzsec-Mitglied Jeremy Hammond und Barret Brown, der Anonymous zugerechnet wird, sie alle sitzen im Gefängnis. Sie alle haben etwas gemeinsam: Sie haben versucht uns ein wenig aus der Welt zu zeigen, von der unsere Regierungen nicht wollten, dass wir sie sehen. Die Occupy-Bewegung hat uns gezeigt, dass Freiheit im Westen ein Konzept hinter Schloss und Riegel ist. Manchmal aber gibt uns das Internet die Möglichkeit, Zensur zu umschiffen.

Zum Schluss würde ich Sie gerne noch ein paar persönlich Dinge fragen. Ihr Gesicht ist mittlerweile auf der ganzen Welt bekannt, wieso nutzen Sie dennoch ein Pseudonym?
Mein Pseudonym ist ein Name, den ich mir ausgesucht habe, als ich noch ein Teenager war. Es war eine Identität, die ich angenommen habe, als ich verzweifelt jemand anderes sein wollte als eine 15-Jährige, die ihren Kopf in einer Toilette dafür gewaschen bekam, dass sie im Englischunterreicht eine Meinung hatte. Also habe ich diese Idee einer Person erschaffen, die ich sein wollte. Mutiger als das Kind, das verprügelt wurde. Mutig genug, immer zu sagen, was ich dachte, egal was. Und dann bin ich sie geworden. Ich wurde vom Kind, das mit verschränkten Armen um Ecken geschlichen ist, zu Asher Wolf, die sich von niemandem etwas gefallen hat lassen und Geschichten quer durchs Internet nachgejagt ist. Das war irgendwie großartig. Klar, mein lustiges Gesicht ist jetzt überall im Netz, aber daran hab ich mich auch gewöhnt.

Wenn Sie einen freien Wunsch hätten, die Macht hätten, eine Sache, über die wir gesprochen haben, für immer zu verändern, was wäre das?
Die eine Sache, die ich so gerne in Bezug auf den Umgang mit Technik verändern würde, ist, wie wir Informatik in Schulen unterrichten. Alle Kinder sollten schon in der Grundschule Programmieren lernen. In der Oberstufe ist es zu spät, da haben sich Geschlechterrollen bereits fest verwurzelt.

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Asher Wolf ist eine australische Internetaktivistin, Feministin, Bloggerin und Journalistin. Sie publiziert unter Pseudonym und ist unter anderem als Erfindern der Crypto-Partys bekannt. Sie unterstützt die Occupy-Bewegung ebenso wie WikiLeaks, kämpft gegen staatliche Überwachung und setzt sich für den Schutz der Privatsphäre ein.