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BBA: IFPI, IMS Health und Raiffeisen nominiert

Am 25. Oktober werden traditionell die

im Wiener Rabenhof-Theater vergeben. Die Negativpreise werden an Unternehmen, Institutionen, Personen und Behörden vergeben, die sich im Feld der Überwachung, Kontrolle und Bevormundung der Bürger "besonders verdient gemacht" haben. Der futurezone liegen nun diedrei Nominiertenin der Kategorie "Business und Finanzen" vor.

1. Franz Medwenitsch vom Verband der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI)
Die Blockade von Webseiten im Netz hat sich im sogenannten Kampf gegen die Online-Piraterie

. So konnte beispielsweise die Musik- und Filmlobby in Großbritannien eine Sperre von "The Pirate Bay" durchsetzen. Begründet wurde diese damit, dass das Portal die Verbreitung urheberrechtlich geschützter Inhalte unterstützen würde. Doch trotz Sperre ist der durch das Filesharing verursachte Datenverkehr nicht zurückgegangen, wie man von Internet-Dienstanbietern gehört hat. Jeder, der weiß, wie das Internet funktioniert, kann derartige Sperren umgehen.

Trotzdem hält die International Federation of the Phongraphic Industry (IFPI) weiter daran fest. Die Vertreter der Musikindustrie halten Netzsperren, Filter und Blockaden wie berichtet für "adäquate Methoden", um gegen Urheberrechtsverletzungen im Internet vorzugehen. In

, welches von Mo Ali, dem Leiter der Anti-Piraterie-Maßnahmen bei der International Federation of the Phongraphic Industry (IFPI) stammt, wird auch die einstweilige Verfügung gegen den österreichische Internetprovider UPC, der die Website kino.to für seine Kunden unzugänglich machen musste, als positives Beispiel hervorgehoben.

Stellvertretend wird Franz Medwentisch vom Verband der Österreichischen Musikwirtschaft (IFPI) nominiert. Medwenitsch selbst will in Österreich eine Auskunftspflicht für Internet-Provider bei Privatnutzern erzwingen. Diese wurde einem OGH-Urteil zufolge als rechtswidrig erklärt. Ob es künftig einen Auskunftsanspruch geben wird, wird derzeit umfassend in diversen Arbeitsgruppen im Justizministerium im Rahmen einer Novelle des Urheberrechtsgesetzes, die fürs Frühjahr 2013 geplant ist, diskutiert.

2. Frank Wartenberg, Geschäftsführer von IMS Health
Patientendaten sind bei Marketingfirmen heiß begehrt: Um an derartige hochsensible Daten von Arzt-Patienten zu kommen, haben Softwarefirmen im vergangenen Jahr Ärzten Geld angeboten und zwar 432 Euro pro Jahr. Für diesen Betrag sollen Ärzte Daten von Patienten und ihrer eigenen Praxis dem Marktforschungsinstitut IMS Health zur Verfügung stellen. Die Daten werden dabei mithilfe eines Programms vollautomatisch an das Marktforschungsinstitut übermittelt. Dieser weltweit größte Anbieter von Gesundheitsdaten hat nach Eigenangaben Daten von rund 260 Millionen Patienten in seinem Portfolio.

Doch wozu benötigt IMS Health die Patientendaten? Offiziell soll damit eine Studie durchgeführt werden, um die Diagonse- und Therapiegewohnheiten niedergelassener Ärzte in Österreich zu erörtern. Dabei geht es aber keineswegs um Verbesserungen für Patienten. Stattdessen sollen milliardenschwere Pharmafirmen aus den Datensätzen erfahren, welche Ärzte ihre Medikamente verschreiben und welche diese möglicherweise noch nicht kennen - um sie diesen dann mit verbesserten Marketing-Aktivitäten erläutern und nahelegen können.

Die Patientendaten sollen bei der Übertragung laut Datenschützern nur "pseudoanonymisiert" werden. Da es sich um Daten wie Geschlecht, Geburtsjahr, Krankenscheinart, Diagnose, Medikamente, Dosierung, Therapie oder Laborwerte handelt, die an IMS Health geliefert werden, lassen sich allein damit bei vielen Datensätzen Rückschlüsse auf einzelne Personen ziehen. Das Institut selbst verweist allerdings auf sein "strenges Datenschutzprogramm". Die Österreichische Ärztekammer rät aufgrund der rechtliche Unsicherheit ausdrücklich von derartigen Datendeals mit Patientendaten in Artzpraxen ab. Für den "Big Brother Award" nominiert ist nun Dr. Frank Wartenberg, Geschäftsführer von IMS Health. Die Begründung: "Ein möglicher Bruch der ärztlichen Schweigepflicht darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden."

3. Gerhard Kubu, Leiter CardService Raiffeisen Bank International (RBI)
Die Raiffeisen Bank International (RBI) treibt seit mehr als einem Jahr als erste Bank Österreichs das kontaktlose Bezahlen per NFC-Chip voran - sei es mit Kreditkarten oder auch Smartphones. Damit soll der Bezahlvorgang an der Kassa beschleunigt werden. Die RBI hat dazu beispielsweise

Tests am Laufen, bei denen mit einem iPhone (inklusive NFC-Schutzhülle) in ausgewählten Linzer Geschäften sowie per NFC-Kreditkarte in ausgewählten Supermärkten in Wien bezahlt werden kann. Eine Ausweitung der Projekte, unter anderem auf Android-Phones, ist in Planung.

Die "Big Brother Award"-Jury übt nun Kritik daran, dass bei der Entwicklung Vorrang zu haben scheint, dass der Kunde möglichst wenig vom Bezahlvorgang bemerkt. Während das Bezahlen mit Bargeld oder Bankomatkarte ein "bewusster Willensakt" sei, so werde beim Einsatz von NFC schon das "in die Nähe bringen" der Karte an das Lesegerät als Zustimmung gewertet, heißt es. Kunden verlieren dadurch auch schneller den Überblick darüber, wie viel Geld sie tatsächlich ausgegeben haben, wenn sie den bezahlten Betrag nicht mehr per PIN-Code bestätigen müssen. Nominiert ist nun Projektleiter Gerhard Kubu von der RBI für "die totale Entmündigung des Kunden".

Doch nicht nur diese ist der Grund für die Nominierung: Während die Zahl der NFC-fähigen Kreditkarten und Smartphones am Markt permanent wächst, gibt es auch immer mehr Angriffsszenarien. So hat ein

vor kurzem eine Schwachstelle beim Google Wallet entdeckt. Durch diese war es möglich, das jemand anderer das Wallet übers Internet zum Bezahlen nutzen konnte. Zudem ist es möglich, mit einem Smartphone die gesamten Kreditkartendaten inklusive Name und Nummer auszulesen. Bei manchen Online-Shops lassen sich dann damit Einkäufe erledigen. Auch das Aufrufen einer Webseite über einen manipulierten NFC-Tag wurde unlängst auf einer Sicherheitskonferenz aufgezeigt. Die Präsentation lief unter dem Titel "Steh nicht zu nah bei mir". Das könnte man künftig auch Kunden der Wiener Linien empfehlen, meint das Nominierungsteam des "Big Brother Awards". Der Kuschelkurs in der U-Bahn könnte mit NFC-fähigen Handys und -Karten für böse Überraschungen sorgen.

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