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ONLINE-WELT Cybermobbing: "Jugend testet Grenzen aus".

Foto: keystone
Sieben Prozent der österreichischen Schüler sind bereits Opfer von Cybermobbing-Attacken geworden. Das Problem nimmt an Österreichs Schulen stetig zu und reicht bis zu Morddrohungen per SMS gegen einzelne Mitschüler. Doch Experten warnen vor einer Panikmache. Die meisten Fälle seien "altersbedingte Grenzverletzungen", meint die Safer Internet-Trainerin Brigitta Loucky-Reisner gegenüber der FUTUREZONE.


"Cybermobbing ist Realität", erklärt Loucky-Reisner. Sie wird regelmäßig als Expertin zu Problemschulen gerufen und f´ührt dort eine Art Krisenmanagement durch. Die Fälle reichen von Beschimpfungen per SMS, manipulierten Fotos bis zu gefälschten Profilen und Hassseiten auf Sozialen Netzwerken wie Facebook. Auch Morddrohungen, wie unlängst auf einer Schule in Wien, kommen vor. Doch dies sei eher die Ausnahme als die Regel, fügt Loucky-Reisner hinzu.

"Es gibt einen kleinen Prozentsatz von wirklich gewaltbereiten Tätern, aber die haben die Grenze auch im "echten Leben" bereits überschritten", so die Safer-Internet-Trainerin. Die meisten jugendlichen Täter würden lediglich austesten, was möglich sei. "Ihnen ist nicht bewusst, was erlaubt und verboten ist. Sie überschätzen ihre Kompetenz und ihnen ist nicht klar, dass es auch in der virtuellen Welt Spielregeln gibt, an die sie sich halten müssen", erklärt die Expertin. Oft reiche es schon aus, ihnen diese Grenzen zu zeigen.

Täter und Opfer auch im realen Leben

Auch die Psychologin Petra Gradinger von der Universität Wien warnt vor einer falschen Panikmache. "Das neue Medium ist nicht das Problem. Wenn jemand Täter oder Opfer ist, ist er das meist auch im realen Leben. Das zeigen unsere Studien", so Gradinger. Bei einer repräsentativen Studie der Universität Wien unter 14- und 15-Jährigen mit insgesamt 750 Befragten zeigte sich deutlich, dass die meisten Betroffenen auch "traditionelle Opfer oder Täter" sind. "Das Internet ist oft nur die Spitze des Eisbergs", meint Gradinger.

Falsche Facebook-Profile häufig

Unter sogenannte "altersbedingte Grenzverletzungen" fällt besonders häufig das Anlegen von Facebook-Profilen unter dem Namen eines Lehrers, so Loucky-Reisner. Diese werden manchmal mit einem verzerrten Foto "verziert" und diffamierenden Angaben über sexuelle Vorlieben oder Interessen ausgeschmückt. Bis derartige Profile auf Facebook tatsächlich gelöscht werden, auch wenn sie mehrfach gemeldet werden, vergehen Wochen - manchmal auch Monate.

"Facebook verfolgt für Betroffene von Cybermobbing eine unangenehme Politik, weil sie dem Opfer nicht rückmelden, dass - und wann - sie etwas unternehmen werden. Man muss als Opfer abwarten, ob etwas gelöscht wird oder nicht und das ist extrem belastend", so Loucky-Reisner.

Nur wenn man in solchen Fällen einen Anwalt hinzuzieht, geht die Abwicklung etwas schneller. "Den Namen eines anderen zu verwenden ist grundsätzlich nicht strafbar, aber zivilrechtswidrig. Man verletzt dabei die Namensrechte und kann auf Unterlassung klagen", erklärt Lukas Feiler, Vizedirektor des Europäischen Zentrums für E-Commerce und Internetrecht im Zuge einer Diskussionsveranstaltung der Ärztekammer für Wien.

Kein eigener Straftatbestand

"Einen eigenen Straftatbestand für Cybermobbing gibt es allerdings nicht", erklärt Feiler. Mit den Straftatbeständen der üblen Nachrede, Beleidigung und Stalking habe man bereits viele rechtliche Instrumente. Einen weiteren Straftatbestand einzuführen, hält Feiler nicht für notwendig und würde eine "Gesellschaft der Verbote" schüren. "Wir haben bereits eine Rechtsordnung, in der viel kriminalisiert wird, aber nur wenig vollstreckt wird."

Das von der Justizministerin Claudia Bandion-Ortner (ÖVP) für 2011 geplante Mediengesetz, das Strafen für "Happy Slapping" - also das Mitfilmen und darauffolgende Verbreiten von Gewalttätigkeiten unter Jugendlichen übers Internet - vorsieht, hält Feiler für "kaum justiziabel". "Was ist etwa, wenn im Video Polizeibrutalität gezeigt wird?"

"Nicht mit rechtlichen Konsequenzen drohen"

Doch statt Strafen, die ab 14 Jahren auch bei Jugendlichen möglich sind, sollte man laut der Psychologin Gradinger vorwiegend auf Aufklärung und einen respektvollen Umgang miteinander setzen, dann könne man Verletzungen auch offen ansprechen. "Die rechtlichen Konsequenzen sollten nicht als Drohung herangenommen werden", meint auch die Kommunikationswissenschaftlerin Margarita Köhl.

"Natürlich muss bei einer Amok-Drohung an einer Schule mit über 1300 Schülern, die übers Internet verbreitet wird, auch die Polizei hinzugezogen werden", ergänzt Mathilde Zeman, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie des Stadtschulrats für Wien. Hier müsse interdisziplinär gearbeitet werden, aber die Psychologie alleine würde hier nicht mehr ausreichen.

Laut Zeman nimmt Cybermobbing an Österreichs Schulen seit etwa drei Jahren massiv zu. "Es ist ein ernstes Problem", so Zeman, "und es geht durch alle Schularten." Es sei jedoch positiv festzustellen, dass sich immer mehr Betroffene an vertraute Lehrer oder beratende Einrichtungen wenden würden, um Hilfe zu suchen.

Was kann man tun?

Exakte Regeln, wie man in einem Cybermobbing-Fall an Schulen vorgehen soll, gibt es nicht. Von den Safer-Internet-Experten wurden allerdings einige "Best Pratice"-Beispiele erarbeitet, die Ansätze aus verschiedenen Bereichen zusammenfassen. "Das Hauptmotiv der Täter ist oft Wut - und die müssen sie einfach umweltverträglicher rauslassen können", so Loucky-Reisner.

"Als betroffenes Opfer hingegen sollte man ruhig bleiben, nicht auf SMS antworten oder sich verteidigen - und sich vor allem nicht kränken lassen. Daneben sollte man allerdings auch Beweise sammeln und den Missbrauch melden", rät die Safer-Internet-Trainerin.

Mehr zum Thema:

Web-2.0-Nachhilfe für Lehrer
Auch Ärzte von Cybermobbing betroffen

(Barbara Wimmer)

Sieben Prozent betroffen

Laut einer Studie von EU Kids Online aus dem Oktober 2010, bei der 1000 Kinder aus Österreich zwischen neun und 16 befragt wurden, lag Österreich bei Mobbing-Fällen mit 27 Prozent EU-weit an vierter Stelle. Beim Cybermobbing waren es sieben Prozent, der EU-Schnitt lag bei fünf Prozent.

Link:

EU Kids Online-Pressemitteilung

Auch Ärzte betroffen

Die Ärztekammer Wien lud am Donnerstag zur Podiumsdiskussion "Cyber-Mobbing: Realität oder Panikmache?" ins Radiokulturhaus. Dort warnte der Vizepräsident der Ärztekammer für Wien, Thomas Szekeres, vor den Folgen von "medizinischem Cybermobbing".

Mehr dazu lesen Sie hier:

Auch Ärzte von Cybermobbing betroffen

Safer Internet

Die österreichische Informations- und Koordinierungsstelle Saferinternet.at unterstützt Internetnutzer bei der sicheren Nutzung von Internet, Handy und Computerspielen.

Link:

Safer Internet-Tipps bei Cybermobbing

(futurezone) Erstellt am 14.01.2011, 10:52

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