RTR zur Netzneutralität: "Ja, aber..."

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Telenor
11/08/2011

„Das freie Internet ist eine Illusion“

Mit über 130 Millionen Mobilfunkkunden in elf Ländern und 31.000 Beschäftigten weltweit sowie einer über 30-prozentigen Beteiligung an VimpelCom zählt die norwegische Telenor zu den größten Telekom-Konzernen weltweit. Die futurezone sprach in Oslo mit Chief Technology Officer Rolv-Erik Spilling über die Zukunft der Netzbetreiber, mobile Breitbandtechnologien wie LTE und die Neutralität des Internets.

von Martin Stepanek

Skandinavien gilt nicht zuletzt durch die Pioniere Nokia und Ericsson als Vorreiter im Mobilfunksektor. Mit Telenor verfügt auch Norwegen seit Jahrzehnten über ein Schwergewicht der Branche, das neben europäischen Märkten wie Schweden, Dänemark, Ungarn und Serbien auch Asien (Indien, Pakistan, Thailand, Malaysien, Pakistan) bearbeitet. In Österreich war Telenor bis 2007 am Orange-Vorgänger One beteiligt.

In Norwegen hat Telenor im Oktober die Aufrüstung aller 9.000 Basisstationen abgeschlossen und damit den Grundstein für die HSPA+ und LTE-Zukunft gelegt. „Das Besondere an den Stationen ist, dass die Module mit allen gängigen Mobilfunk-Frequenzspektren zurecht kommen. Ziel ist es 95 Prozent der norwegischen Bevölkerung mit HSPA+ oder LTE auszurüsten“, so CTO Spilling im futurezone-Interview. Nach dem Netzupgrade sind nun etwa die Hälfte der Stationen auf 14,4 Mb/s und 21 Mb/s ausgelegt.

LTE in Ballungsräumen kein Widerspruch
Wie hierzulande konzentrieren sich die LTE-Bemühungen zunächst auf die größeren 20 Städte. Den Einwand, dass in den Städten mit Glasfaser und schnellen Kupferleitungen ohnehin genügend Breitband verfügbar ist, lässt Spilling nicht gelten: „Die 3G-Leitungen stoßen gerade in den Ballungsräumen an ihre Kapazitätsgrenzen. Mit LTE kann man hier für Entlastung sorgen.“ Die seligmachende Lösung für den digitalen Datenhunger sei LTE aber natürlich nicht. „Wenn man multiple HD-Channels auf dem Riesenfernseher sehen will und vier und mehr Breitband-fähige Geräte im Wohnzimmer stehen hat, ist LTE keine Option. Da führt kein Weg an Standleitungen vorbei“, so Spilling.

Die Gefahr, dass die Telcos aufgrund der übermächtigen Services von Google, Facebook, Apple und Co zu reinen Infrastrukturbetreibern degradiert werden, sieht auch Spilling. Die größte Herausforderung für die Telcos sei dabei ihre eigene Denkweise und Unbeweglichkeit. „Jahrelang haben sie an alten Geschäftsmodellen festgehalten, neue Services nicht Ernst genommen bzw. aufgrund von Kannibalisierungs-Ängsten den Wettbewerb gescheut“, so Spilling. Wenn man auch als Service-Provider relevant bleiben wolle, müsse man sich der Herausforderung von VoIP oder kostenlosen Messaging-Diensten eben stellen, auch wenn es das traditionelle Telefonie- oder SMS-Geschäft bedrohe.

HTML5-Apps als Ausweg aus der Android- und iOS-Misere

Aber auch im Bereich Musik und Videos, Gaming, Cloud- und Streaming-Diensten wittern die großen Telcos ihre Chance, wenngleich sich selbst Webgiganten wie Google bisweilen schwer tun, mit der Unterhaltungsindustrie auf einen grünen Zweig zu kommen. Hoffnung, außerhalb der „monolithischen Systeme“ von Android oder Apple zu punkten, wie Spilling das formuliert, bietet die Entwicklung in Richtung HTML5, wodurch komplexe, webbasierte Applikationen über den umgebungsfreien Browser möglich werden.

Die alte Denkweise der Telekom-Provider, das die Verfügbarkeit von Services an erster Stelle stehen, könnte diesen laut Telenor-CTO Spilling in anderer Hinsicht aber zugute kommen. „Im Internet ist es paradoxerweise ja so, dass man halt das bekommt, was das Netz bzw. der Dienst gerade hergibt. Manchmal funktioniert Skype, manchmal nicht – und das ist eigentlich bei fast allen Internet-Angeboten so. Wenn sich die Telcos auf ihre alten Qualitäten besinnen und diese bei ihren Services auf das Web übertragen können, verfügen sie über ein Angebot, das sie vom Wettbewerb abhebt“, ist Spilling überzeugt.

Netzneutralität auch in Norwegen Streitfrage
Bei der Diskussion über die Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit des Netzes landet man früher oder später beim emotional besetzten Thema der Netzneutralität, bei dem die Netzbetreiber mit ihrer Ansicht in der Öffentlichkeit meist auf verlorenem Posten stehen. Sie argumentieren, dass der Datenhunger enorme Investitionen vonseiten der Betreiber in die Netze notwendig macht, von dem Geschäft aber überwiegend Internetkonzerne wie Google und Facebook profitieren. Gleichzeitig seien hochqualitative Services, wie von Kunden gewünscht, angesichts der allgemeinen Netzüberlastung immer

.

Befürworter der Netzneutralität, unter ihnen auch Tim Berners-Lee, der Begründer des World Wide Web,

. Diese würden die Innovationskraft des Internets behindern und die Meinungsfreiheit in Gefahr bringen. Die Technologien, die zum Einsatz kommen, um verschiedene Serviceklassen zu ermöglichen, seien dieselben, mit denen auch politische Inhalte herausgefiltert werden können. In der EU und ihren Mitgliedsstaaten wird das Thema weiterhin
.

Illusion freies Internet

„Das freie Internet ist doch längst eine Illusion“, meint auch Telenor-CTO Spilling. Seien es nun die Google- oder Facebook-Angebote oder der Video-Streaming-Service von Netflix – in erster Linie gehe es dabei um kommerzielle Angebote. „Fakt ist auch, dass viele Netzbetreiber, aber auch andere Unternehmen, enorm viel investiert haben, und kaum etwas dafür zurückbekommen. Wenn ein einzelner kommerzieller Dienst wie Facebook 50 Prozent der Netzkapazität auffrisst, ohne einen Beitrag für die Infrastruktur zu leisten, ist das vom Geschäftsmodell her schon ein Problem“, so Spilling.

Neben der Diskussion, ob Milliarden-schwere Internetkonzerne ihren Beitrag zum Infrastruktur-Ausbau der Provider leisten sollten, müsse es auch erlaubt sein, neue Geschäftsmodelle für Kunden zu diskutieren. „Die Bereitschaft von Kunden für guten Service zu bezahlen ist definitiv da. Warum soll es verboten sein, dass Kunden, die für das Premium-Angebot eines Streaming-Services zehn Euro zahlen, nicht eine bessere Leistung garantiert bekommen dürfen als die, die den Service gratis nutzen“, meint Spilling. Faktum sei nun einmal, dass sich der Datenverkehr bis 2015 verfünfzehnfachen werde. "Um mit diesen Anforderungen mithalten zu können, ist ein Umdenken gefragt."

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