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Interview "Das Internet wird obsolet".

Bruce Sterling: "Wir bewegen uns in Richtung eines Post-Internet-Zustands"
Bruce Sterling: "Wir bewegen uns in Richtung eines Post-Internet-Zustands" - Foto: Robert Scoble über Wikimedia, Creative Commons (CC BY 2.0) - http://creativecommons.org/licenses/by/2.0
Der Science Fiction-Autor Bruce Sterling gilt als Mitbegründer des Cyberpunk. Die futurezone hat mit ihm über die NSA-Überwachung und die Zukunft des Internets gesprochen.

"In 20 Jahren werden wir nostalgisch an die Internet-Überwachung zurückdenken", sagte der Science-Fiction-Autor Bruce Sterling vor kurzem bei der Konferenz net:future, die anlässichlich des 25-jährigen Jubiläums des Internet in Österreich an der Universität Wien stattfand. Die futurezone hat den Science-Fiction-Autor, der auch als Mitbegründer des Cyberpunk-Genres gilt, am Rande der Veranstaltung zum Interview getroffen und ihn zu den Snowden-Enthüllungen, die Entwicklung des Internets und das Internet der Dinge befragt.

futurezone: Vor etwas mehr als zwei Jahren wurden die Snowden-Enthüllungen bekannt. Waren Sie überrascht?
Bruce Sterling: Ich war nicht überrascht, dass es Leaks bei der NSA gibt. Die gab es auch schon davor, sie wurden aber weitgehend ignoriert. Es lag auch nicht wirklich im nationalen Interesse, über die Machenschaften der NSA zu sprechen. Was wirklich etwas verändert hat, war, dass auch Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft darin vorkommen. Das hat einen Machtkampf der Silicon Valley Oligarchen mit den Spionen von der Ostküste ausgelöst. Die Geheimdienste haben dabei nicht gut ausgesehen. Es gibt auch wenig, womit sie prahlen könnten.

Warum nicht?
Die USA verlieren ihre Kriege trotz allem, was die angeblich NSA über den Rest der Welt weiß. Sie werde so gut wie von jeder politischen Entwicklung überrascht. Sie wussten nichts über den Islamischen Staat, sie haben auch nichts über Syrien mitbekommen. Wo liegt also der Nutzen dieser Überwachung? Die USA haben ihr Ansehen verloren und dann dreht sich auch noch alles um Wirtschaftsspionage. Das ist nur noch peinlich und nicht nur für die NSA. Der deutsche BND spioniert Brüssel aus und gibt es an die USA weiter. Und dann kommen die Deutschen und wollen den Griechen sagen, was sie zu tun haben. Wir würden Ihren Ratschlag ja gerne beherzigen, aber seid ihr nicht die Leute, die uns und unsere Wirtschaft ausspioniert und an die Amerikaner verkauft haben? Was soll man dazu sagen?

Bruce Sterling
Foto: Patrick Dax, futurezone
In den 90er Jahren gab es soetwas wie einen Cyberoptimismus. Dem Internet wurde ein großes Potenzial zugeschrieben. War das naiv?
Ich glaube nicht, dass es soetwas jemals gegeben hat, das ist eine Rückprojektion. Ich bin in den frühen 90er Jahren mit vielen dieser Internet-Typen herumgehangen. Es gab immer dieses Element der Bedrohung. Das Internet wurde als Reaktion auf den drohenden Atomkrieg entworfen und es war in gewisserweise großartig, dass dieses finstere und geheimnisvolle Ding plötzlich populär wurde. Am Anfang war es auch nicht kommerziell. Viele Leute waren froh darüber, dass es ein Kommunikationsnetzwerk gibt, dass nicht von großen Konzernen beherrscht wird. Das hat sich geändert, und wie sich das geändert hat.

Wie wird es weitergehen?
Ich denke, wir bewegen uns in Richtung eines Post-Internet-Zustands. Damit meine ich nicht, dass das TCP/IP-Protokoll verschwinden wird. Wenn Sie heute jemanden sagen, ich nehme dir das Internet weg, aber Google, Facebook, iTunes und Microsoft Office kanns du behalten, dann wird das niemanden stören. Es kommt vielleicht TCP/IP zum Einsatz, aber dies Dinge haben nichts mit dem akademischen, wissenschaftlichen, nicht-kommerziellen Netzwerk zu tun, das das Internet früher einmal war. Das Internet wird obsolet. Es wird nicht ganz an Bedeutung verlieren, vielleicht fällt es wieder in die Hände der Wissenschafts-Community. Alle anderen werden die kommerziellen Methoden der Kommunikation nutzen, die sich zunehmend vom Internet entfernen. Es ist wie America Online in den 90er Jahren.

In Europa wird viel über den technoindustriellen Komplex gesprochen. Fast schon ein Dystopie, wie wir sie auch aus Cyberpunk-Romanen kennen. Müssen wir uns fürchten?
Nein. Wir haben es mit ein paar Oligarchen zu tun - Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft, Huawei. Aus Europa gibt es allerdings kaum Beispiele. 

Sie haben zum Bau alternativer Netzwerke aufgerufen. Dabei setzen sie große Hoffnungen in Plattformen wie Arduino und Raspberry Pi.
Ich glaube nicht, dass Arduino die Welt erobern wird. Immerhin sind die Chancen gestiegen, dass sich Alternativen entwickeln werden. Es gibt Leute, die sagen, dass Geräte nicht mehr für uns, sondern gegen uns entwickelt werden. Sie spionieren uns aus, und es gibt dieses Überwachungsmarketing. Das klingt böse und ist auch böse. Es ist auch nicht so, dass die Leute nichts darüber wissen würden, ganz im Gegenteil.

Sie beschäftigen sich auch mit dem Internet der Dinge. Was kommt auf uns zu?
Das  Internet der Dinge ist nicht das Internet und es hat auch mit Dingen nichts zu tun. Wir haben nicht die technischen Kapazitäten um alles zu benennen und es läuft auf vielen unterschiedlichen Protokollen.

Wie sieht es mit der Sicherheit aus?
Die Sicherheit bei PCs ist schlecht, das wird sich auch beim Internet der Dinge nicht ändern. Aber es wird kein elektronisches Pearl Harbour geben. Dafür gibt es zu viele segmentierte Silos von den großen Playern -  Google, Apple, Fujitsu und anderen. Das ist nicht wie im Internet, wo sich ein Virus rasch verbreiten kann. Es könnte schlimm werden, aber es wird nicht dramatisch.

Geschichte

25 Jahre Internet in Österreich

Vor fast 25 Jahren, im August 1990, wurde zwischen der Universität Wien und dem Genfer CERN eine Standleitung realisiert und der Grundstein des Internets in Österreich gelegt. Damals entstand auch das ACOnet (Austrian Academic Computer Network), das österreichische Wissenschafts- und Forschungsnetz. Anlässlich des runden Jubiläums fand Anfang Juni an der Universität Wien die Konferenz net:future statt, bei der unter anderem Bruce Sterling und der PGP-Erfinder Phil Zimmermann (futurezone-Interview) zu Gast waren.

Am Donnerstag, den 25. Juni, gibt es im Wiener MuseumQuartier zum runden Jubliäum noch die Performance "near the distance", bei der über high-speed Übertragungstechnologien vernetzte Künstler an verschiedenen Orten der Welt in Echtzeit miteinander auftreten werden.

(futurezone) Erstellt am 16.06.2015, 06:00

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