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Netzkritik "Das Netz wurde von Konzernen plattgewalzt".

Foto: Stephan Boroviczeny
"Die Versprechungen, die mit dem Internet einhergegangen sind, haben sich nicht erfüllt", sagt der Medienforscher und Künstler Konrad Becker im Gespräch mit der futurezone. Wir werden in virtuellen Einkaufszentren infantilisiert und entmündigt, meint Becker, der am Dienstag im Rahmen der Wiener Vorlesungen über die digitale Kultur des 21. Jahrhunderts sprechen wird: "Das Modell des partizipativen Austausches in der Gesellschaft ist gescheitert."

Google, Facebook und Apple bestimmen zunehmend den sozialen und kulturellen Austausch im Netz. Wird die digitale Kultur des 21. Jahrhunderts ein virtuelles Einkaufszentrum sein, in dem milliardenschwere Konzerne die Regeln vorgeben?
Konrad Becker: Das scheint unaufhaltsam. Das öffentliche Interesse in digitalen Kommunikationsnetzwerken wurde offenbar nicht wirklich wahrgenommen. Die Versprechungen, die mit dem Internet einhergegangen sind, haben sich nicht erfüllt. Ich werte das als ein Poltikversagen. Die Frage ist allerdings, ob wir mit solchen Shopping-Malls eine Umgebung schaffen, die für eine demokratische Gesellschaftsordnung des 21. Jahrhunderts angemessen ist. Wenn wir alle öffentlichen Äußerungen in den Bereich der Ökonomie drängen, dann ist das Modell es partizipativen Austausches in der Gesellschaft gescheitert.

Interview mit Konrad Becker
Foto: Stephan Boroviczeny

Wo konkret orten Sie Politikversagen?
Die Interessen der Öffentlichkeit sind nicht entsprechend vertreten worden. Der öffentliche Raum im Netz wird immer kleiner. Die Zugangsbeschränkungen werden immer komplexer. Die Werkzeuge der Informationsgesellschaft werden einer zivilgesellschaftlichen Nutzung zunehmend entzogen. Das Feld wurde von Großkonzernen plattgewalzt. Jegliche Form von Innovation wird von Kartellen und Oligopolen eingeschränkt. Technische Entwicklungen werden in Patent-Pools eingeschlossen. Große Firmen können sich jeden Blödsinn - von der Progessbar bis zu einfachen Download-Verfahren - patentieren lassen und schalten so jegliche Art von Konkurrenz im Sinne von Vielfalt aus.

Haben Technologien der Vernetzung nicht auch neue Formen der Gemeinschaft, der Produktion und des Austausches hervorgebracht?
Hier stellt sich die Frage nach den Rahmenbedingungen. Wir brauchen Regulative, damit sich solche Dinge entwickeln können. Es gab das Versprechen des ungehinderten, freien Zugangs zu Information. Die Leute sollten durch die Möglichkeiten der Vernetzung auch nicht mehr an ihren Arbeitsplatz gebunden sein. De facto hat sich das Gegenteil bewahrheitet. Man muss heute überall verfügbar sein. Die Leute werden in eine Effizienzlogik hineingezwängt, deren Effizienz zweifelhaft ist. Sie haben immer weniger Spielraum, um Dinge, die ökonomisch nicht bewertet sind, zu tun.

Interview mit Konrad Becker
Foto: Stephan Boroviczeny

Welche Auswirkungen hat das auf die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren?
Die Methoden und Techniken, das Medium selbst hat einen großen Einfluss darauf, wie mit Information umgegangen und wie sie strukturiert, gefunden und aufbereitet wird. Das ist in seinen Auswirkungen nicht zu unterschätzen. Es wird ein bestimmtes Sozialverhalten produziert. Es gibt einen Grund, warum die Kommunikation auf Facebook einen Hang zum Infantilen hat. Die Nutzer werden entmündigt, wenn sie den Nutzungsbedingungen zustimmen. Dazu kommt der Zeitfaktor. Durch den hohen Anstieg von Interaktionen entwickeln sich Standardroutinen in der Kommmunikation, die weitgehend darauf angewiesen sind, symbolische Indikatoren zu übernehmen, die von Maschinensystemen angeboten werden. Das Profil, das Google oder Facebook produziert, ist ausschlaggebend. Es entsteht eine Art gespenstischer Doppelgänger eines Datenkörpers, der unsere Identität übernimmt und viel wirklicher wird als wir selbst.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, dem entgegenzuwirken?
Um den gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen, wäre es wünschenswert viele kleine Schiffe zu haben. Es gibt aber nur monolithisch zusammengeschlossene Monopole, wie wir es im Bereich der Suche oder bei Facebook kennen. Es wäre Aufgabe der Politik dem entgegenzutreten. Ihr hat aber lange Zeit das Verständnis dazu gefehlt. Inzwischen sind so große Wirtschaftsinteressen damit verbunden, dass der Faktor der Korruption und der Einflussnahme bedeutender geworden ist. In Österreich wird auf patscherte Weise von Telekomfirmen auf Politiker Einfluss genommen. In der großen weiten Welt wird mit eleganteren Methoden und mit noch viel Mehr Geld die Gesetzgebung beeinflusst.

Im Bereich der Suche gibt es ja Vorschläge, die zu mehr Vielfalt führen könnten.
Es gibt die Forderung, dass Google seinen Index frei geben soll. Das würde die Möglichkeit eröffnen, diesen Index in einer anderen Reihenfolge darzustellen und andere Ergebnisse zu produzieren. Verschiedene gesellschaftliche Gruppen könnten dieses Datenmaterial aus ihrer Perspektive bearbeiten. Die Datenbestände, die Google sammelt, sind Informationen die von uns kommen. Das ist vergleichbar mit den Daten der öffentlichen Verwaltung. Auch hier wird die Freigabe gefordert und manche Politiker haben das auch verstanden. Jeder Firmenchef nutzt Google, auf Basis der Daten werden auch politische Entscheidungen getroffen. Es ist zwingend, diese Regulatorien, die für öffentliche Daten eingefordert werden, auch auf den privaten Sektor zu übertragen.

Das von Ihnen gegründete World-Information Institute hat vor kurzem das Buch "Vergessene Zukunft: Radikale Netzkulturen in Europa" publiziert. Was ist aus diesen Visionen geworden?
In den 90er-Jahren war das Netz offen, jeder hatte die Möglichkeit einzugreifen. Es gab die Möglichkeit, sich etwas zu wünschen und es erschien nicht absurd, sich alternative Visionen über den Nutzen, den solche niedrigschwelligen, dezentralisierten Netzwerke für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung haben könnten, zu machen. Aber auch damals war vielen klar, dass es eine gegenläufige Entwicklung gibt. Dass diese Technologie nicht nur für freien Zugang zu Wissen stehen, sondern auch als Repressionswerkzeug und Mittel zur Ausgrenzung eingesetzt werden kann.

Positive Effekte sehen Sie keine?
Die positiven Effekte sind kaum, oder nur punktuell eingetreten. Wenn gefragt wird, was uns als positive Errungenschaft des Internet-Zeitalters geblieben ist, dann wird die Wikipedia in Stellung gebracht. In den vergangenen Jahren wurden Milliarden verschoben. Die Dividende, die der Gesellschaft geblieben ist, ist aber nicht mehr als ein kleines, durchaus zweifelhaftes Nachschlagewerk.

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Zur Person:
Der Medienforscher, Aktivist und Künstler Konrad Becker ist Gründer der mittlerweile eingestellten Wiener Netzkulturinstituion Public Netbase und des Word-Information Institute. Am Dienstag, den 19. Juni um 19.00 Uhr, spricht Becker im Rahmen der Wiener Vorlesungen im Festsaal des Wiener Rathauses über die "Herausforderung Internet und die digitale Kultur des 21. Jahrhunderts".

"Vergessene Zukunft. Radikale Netzkulturen in Europa", das von Clemens Apprich und Felix Stalder herausgegeben wurde, ist Ende März im transcript Verlag erschienen.

(futurezone) Erstellt am 18.06.2012, 00:00

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