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Interview "Das Patentsystem ist ineffizient".

Das Open-Trials-Projekt will Daten von Medikamententests öffentlich zugänglich machen.
Das Open-Trials-Projekt will Daten von Medikamententests öffentlich zugänglich machen. - Foto: APA/dpa-Zentralbild/Matthias Hie
Open-Knowledge-Gründer Rufus Pollock über Patente, Transparenz bei Medikamententests, den Kampf um die Definitionsmacht im Informationszeitalter und die Zukunft des Internets.

"Die Pharmaindustrie ist nicht unbedingt für ihre Offenheit bekannt", sagt Rufus Pollock. Der britische Ökonom, der 2004 die gemeinnützige Organisation Open Knowledge gründete, will das ändern. Vor einem Jahr startete Open Knowledge die Online-Datenbank Open Trials, die Daten zu Medikamententests öffentlich zugänglich machen will. "Zu wissen, welche Nebenwirkungen Medikamente haben und ob die Pillen gut für uns sind, kann entscheidend sein", sagt Pollock.  Vom Patentsystem, auf dem die Pharmaindustrie aufbaut, hält Pollock nicht viel. "Es ist ineffizient."

Anfang des Jahrzehnts war der Open-Knowledge-Gründer auch maßgeblich daran beteiligt, dass die britische Regierung erste Verwaltungsdaten freigab und  damit eine Vorreiterrolle in Europa einnahm. Mitte März war Pollock zu einem Diskussionsabend bei Open Knowledge Austria in Wien zu Gast. Die futurezone hat mit ihm über Medikamententests, Patente, Open Data und die Zukunft des Internets gesprochen.

Rufus Pollock
Rufus Pollock - Foto: Open Knowledge, (CC BY 2.0) - https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
futurezone: Mr. Pollock, Sie haben im vergangenen Jahr das Projekt Open Trials gestartet, mit dem Sie Ergebnisse von Medikamententests öffentlich zugänglich machen wollen. Wie hat sich das Projekt entwickelt?
Rufus Pollock: Jedes Jahr sterben Hunderttausende Leute an unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten. Zu wissen, welche Nebenwirkungen Medikamente haben und ob die Pillen gut für uns sind, kann entscheidend sein. Informationen über medizinische Tests von Medikamenten sollten also allgemein verfügbar sein. Es ist aber ein Faktum, dass viele dieser Tests zwar den Regulierungsbehörden vorgelegt werden, aber nicht den Weg an die Öffentlichkeit finden, weil sie unterdrückt werden. Wir sind der Meinung, dass jeder Zugang zu diesen Informationen haben sollte.

Auf welche Hindernisse stoßen Sie?
Die Pharmaindustrie ist nicht unbedingt für ihre Offenheit bekannt. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir daran etwas ändern können. Letztlich ist das auch im Interesse der Pharmaunternehmen, denn wenn die Leute das Vertrauen in die Sicherheit von Medikamenten verlieren, wäre es für sie noch schlechter. Das Risiko, dass sich herausstellen könnte, dass ein Blockbuster-Medikament vielleicht gar nicht so toll ist, ist Teil ihres Geschäfts. Heute werden weltweit 374 Milliarden Dollar für Medikamente ausgegeben. Wie viel davon glauben Sie wird in die Forschung und Entwicklung investiert?

Sie werden es mir sagen.
100 Milliarden Dollar. Das bedeutet, dass 274 Milliarden Dollar für andere Dinge verschwendet werden. Der Grund, warum Medikamente so teuer sind, sind die Patente und die werden dadurch gerechtfertigt, dass das Geld für Forschung und Entwicklung benötigt wird.

Was wäre die Alternative?
Die Forschung sollte von der Öffentlichkeit finanziert werden, etwa über Steuern. Dann wären keine Patente mehr nötig. In den USA wird ohnehin schon die Hälfte der medizinischen Forschung von der Regierung finanziert. Die Industrie und das Patentsystem sind ineffizient. 30 Prozent der Einnahmen werden für Marketing und Werbung ausgegeben, um Leute dazu zu überreden Pillen zu kaufen, die sie oft gar nicht brauchen. Die hohen Kosten für die Patente führen auch dazu, dass Leute sich Medikamente nicht leisten können und deshalb vielleicht sterben. Es ist ein verrücktes System.

Mit Open Knowledge haben Sie maßgeblich an der Freigabe von Verwaltungsdaten in Großbritannien und anderen europäischen Ländern mitgewirkt. Was hat sich durch Open Data geändert?
Wir haben in vielen Bereichen Veränderungen gesehen. Hunderte Unternehmen nutzen heute offene Daten und es sind Dutzende Start-ups entstanden, deren Geschäft auf Open Data basiert. Fast jede Verkehrs-App in Europa verwendet heute offene Daten. Open Data ist allgegenwärtig. Auch die Verwaltung profitiert davon, sie kann bessere Entscheidungen treffen. Und auch die Öffentlichkeit hat mehr Einblick in die Verwaltung. Das führt auch dazu, dass besser regiert wird.

Global Open Data Index
Österreich liegt im Global Open Data Index auf Rang 23 - Foto: Open Knowledge, Screenshot futurezone
Viele Daten werden nach wie vor unter Verschluss gehalten.
Wir sind gerade erst am Anfang. Viele Länder, darunter auch Österreich, geben etwa keine detaillierten Budgetzahlen frei. Auch das Firmenbuch ist in Österreich nicht frei zugänglich. Dasselbe gilt etwa auch für Daten zur Wasserqualität und für Wetterdaten. Es gibt also noch viel zu tun.

Die Open-Data-Bewegung ist sehr vielfältig und reicht von der Zivilgesellschaft, die sich für mehr Transparenz einsetzt, bis zu Unternehmen, die mit den Daten Geld verdienen wollen. Birgt das Konfliktpotenzial?
Ich glaube nicht, dass es ein Konfliktpotenzial gibt. Ich sehe eine Vielfalt an Interessen. Aber allen Beteiligten ist gemein, dass sie eine klare Vorstellung davon haben, wie das Informationszeitalter gestaltet werden soll. Wir befinden uns mitten in einer fundamentalen gesellschaftlichen Wandel. Es gibt auf der einen Seite Leute, die glauben, dass das Informationszeitalter nach den alten Gesetzmäßigkeiten des Eigentums, der Patente und des Urheberrechts funktionieren sollte. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die sagen, dass das Informationszeitalter neue Regeln braucht. Information ist nicht wie Brot oder Autos, es ist kein Gut, dass auf Besitz oder Patenten basiert. Wenn Sie einmal in der Welt ist, reproduziert sie sich fast magisch. Die Regeln des Informationszeitalters müssen also andere sein als jene der Industrialisierung.

Es geht um die Definitionsmacht über das Informationszeitalter?
Es findet gerade ein gesellschaftlicher Kampf statt, bei dem es darum geht, wie unsere Gesellschaft in Zukunft gestaltet werden soll. Die Bewegung, die sich für mehr Offenheit einsetzt, kann man durchaus mit der Umweltbewegung der 1970er und 1980er Jahre vergleichen. Vor 40  Jahren hatte diese Themen niemand auf der Agenda, heute sind sie zentral.

Wo sehen Sie die Grenzen der Offenheit?
Offenheit hört bei privaten Informationen auf. Was Sie Ihren Freunden schreiben, geht niemanden etwas an. Aber ich bin der Meinung, dass alle öffentlich verfügbaren Informationen frei sein sollten, das gilt für Forschungsergebnisse, Oracle Datenbanken,  für Musik und Filme und auch für den Facebook-Code.

THEMENBILD-PAKET: FACEBOOK / GOOGLE PLUS / SOCIAL
Rufus Pollock über Facebook und Google: Sie haben das Netz zugepflastert - Foto: APA/HELMUT FOHRINGER
Auf ihrer Website vergleichen Sie das Internet mit dem Radio in den 1910er und 1920er Jahren. Heute wird das Radio in vielen Ländern von großen Unternehmen kontrolliert. Wird es mit dem Internet anders sein?
Es gibt viele Leute, die das Internet mit mehr Demokratie und Freiheit gleichsetzen. Das ist aber leider nicht der Fall. Das Internet ist keine Religion. Wenn wir Gleichheit und Freiheit wollen, dann müssen wir die Technologie offen gestalten.

Derzeit wird das Netz von einigen wenigen Konzernen, allen voran Facebook und Google, dominiert.
Sie haben das Netz zugepflastert. Der Traum vom Internet als Mittel der Freiheit, der Demokratie und der dezentralen Kontrolle stirbt gerade. Viele Leute erfahren das Internet heute nicht mehr als eine Welt, in der sich jeder mit jedem verbinden kann, sondern als eine Welt in der man sich mit Facebook verbinden kann. Es sind auch immer mehr Informationen in den Google-Suchergebnissen anstatt auf Websiten zu sehen.

Sind Sie optimistisch, dass sich das ändern könnte?
Ich bin ein bisschen pessimistisch was die nächsten fünf bis zehn Jahre betrifft, aber ich bin optimistisch, dass sich Offenheit am Ende durchsetzen wird. Stellen Sie sich vor, Facebook wäre Open Source, die gesamte Plattform, wie es auch das Web war. Es würde nicht lange dauern, bis andere Online-Netzwerke entstehen, über die man sich mit Facebook verbinden kann. Der Grund, warum Facebooks Monopol so mächtig und auch gefährlich ist, ist der Mangel an Offenheit.

(futurezone) Erstellt am 30.03.2016, 06:00

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