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Netzpolitik
06/06/2019

„Digitalisierung schränkt Autonomie beim Arbeiten ein“

Arbeitsexpertinnen und -experten gingen in einer Diskussion der Frage nach, wie sich Digitalisierung auf die Arbeitswelt auswirkt.

Die Arbeitswelt verändert sich: Crowdworking, die App als Boss, das Entstehen von Unternehmen wie AirBnB, Uber sowie die Roboterisierung. An der Wiener Volkshochschule Penzing haben Expertinnen und Experten über die Auswirkungen gesprochen. Die Diskussion fand unter der Leitung der VHS Direktorin Sylvia Kuba statt.

„Wenn ich als klassischer Fahrradkurier arbeite, habe ich einen höheren Autonomiegrad, als wenn die App mein Chef ist. Durch den digitalen Boss werden meine Arbeitsschritte normiert und genau festgelegt“, sagt Benjamin Herr. Er ist Soziologe an der Universität Wien und hat während seiner Zeit als Stipendiat die Digitalisierung als Fahrradkurier im Bereich Essenszustellung in der Praxis kennengelernt.  

Tricks werden durch Tracking entlarvt

Bei einem Essensdienstzusteller waren die Abläufe alle per App organisiert und automatisiert. „Wir mussten permanent das GPS-Tracking eingeschalten haben und man konnte genau rückverfolgen, wie viel Zeit ich beim Kunden verbracht habe, wie schnell in im Schnitt unterwegs war, und wie oft und wann ich arbeite“, sagt Herr. Statt dass einen der Boss anschnauzt, dass man zu langsam sei, bekäme man abends ein „Performance Review“ zugesendet, erzählt der Soziologe.

Relevant geworden sei die Zeit, die man beim Kunden verbrachte, dann vor allem beim letzten Auftrag. Ein Trick der Fahrradkuriere, sich hier länger Zeit zu lassen, damit man keinen neuen Auftrag mehr reingespielt bekam, wurde so schlichtweg entlarvt und abgedreht.

Im Büro: mehr Kontrolle als früher

Doch auch im Büro, bei sogenannter geistigen Arbeit, verdichtet sich dank der Digitalisierung die Arbeit immer mehr. „Geistige Prozesse sind früher nicht so intensiv kontrolliert worden wie Fabriksarbeit. Jetzt sind aber auch hier die Arbeitsergebnisse extrem kleinteilig messbar geworden. Man schaut nicht mehr nur auf die Anwesenheit, die früher die einzige Form der Kontrolle war, sondern es gibt genaue Regelungen, wie der Output auszusehen hat“, sagt der Arbeitsrechtsexperte Martin Risak von der Universität Wien.

„Ergebnisse werden immer kleinteiliger messbar und es ist zunehmend egal, wo man bei deren Entstehung herumsitzt. Das wird als Freiheitsgewinn dargestellt, aber am Ende wird die Arbeit intensiviert und verdichtet“, so Risak. Das passiere allerdings nicht nur in Büros, sondern auch in Fabriken. Das beste Beispiel dafür seien die Warenhäuser von Amazon, so der Experte.

„Dort wird genau kontrolliert, wo die Menschen sich gerade aufhalten, was sie rausholen. Die Intensität ist enorm“, sagt Risak. Es ist die versuchte Perfektionierung durch Digitalisierung. Dabei wird vergessen, dass sich früher durch Maschinen und technische Innovationen nicht automatisch auch der Output gesteigert hat, so wie es heute vielmals verlangt und gelebt wird.

Neue Organisationsform statt Fortschritt

„Es geht sehr viel um die Frage, ob wir unsere Arbeitswelt so akzeptieren, wie sie ist. Die historische Entstehung der Fabriken war etwa nicht dem technologischen Fortschritt geschuldet, sondern war einfach neue Organisationsform der Arbeit“, sagt Romana Brait, die als Wirtschaftswissenschaftlerin im Buch „Umkämpfte Technologien – Arbeit im digitalen Wandel“ einen Beitrag veröffentlicht hat.

„Für die Arbeiter war der Unterschied, dass sie kein Produkt mehr verkaufen konnten, sondern nur ihre Arbeitszeit. Der Fabriksbesitzer konnte die Arbeitszeit dirigieren. Die Schichten, den Arbeitsbeginn, die Pausen. Da ging es um mehr Output durch mehr Input. Es ging nie darum, mit gleich viel Input mehr Output zu erzeugen, wie es heute verlangt wird“, sagt Brait.

Brait sieht in Angeboten wie Airbnb oder Uber ebenfalls keine neue Arbeit, sondern eine neue Art der Vermittlung. „Die Dienste schneiden sich ein großes Stück vom Kuchen ab und führen zu mehr Konkurrenz“, so Brait.

Niemanden am Weg verlieren

Die Gewerkschafterin Sandra Breiteneder sieht bei der Neugestaltung von Kollektivverträgen regelmäßig, wie sich die Arbeit im Laufe der Zeit verändert. „Es ist wichtig, dass man Systemverlierer im Arbeitsprozess mitnimmt. Das ist eine Frage der Verteilung der Ressourcen. Es wird immer menschliche Arbeit geben. Auch die Verkürzung von Arbeitszeit ist eine alte Forderung der Gewerkschaft, die müssen wir weiter erkämpfen“, sagt Breiteneder.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen futurezone und der VHS entstanden.