Netzpolitik
30.11.2011

„E-Medikation ist ein Rohrkrepierer“

Die Diskussion um die elektronische Gesundheitsakte (ELGA) bleibt aufgeheizt. Während die Ärztekammer seit Tagen mit einer polarisierenden Inseratenkampagne gegen ELGA Stimmung macht, versucht ELGA-Geschäftsführerin Susanne Herbek die Kritik zu entkräften. In der Ärzteschaft ist die Skepsis weiterhin groß, Sportmediziner und „Initiative ELGA“-Gründer Christian Husek bezeichnete das Pilotprojekt E-Medikation im Gespräch mit der futurezone gar als „Rohrkrepierer“.

Während der ELGA-Gesetzesentwurf noch beim zuständigen Gesundheitsminister Stöger zur Überarbeitung liegt, zeichnet sich zwischen Ärztevertretern, ELGA-Verantwortlichen und der Politik weiterhin kein einfacher gemeinsamer Nenner ab. „Im Moment sind die Ideen und der Fokus von Ärzten, Politikern und den technisch Verantwortlichen noch viel zu weit auseinander“, meinte ELGA-Kritiker Husek am Rande einer Conect-E-Health-Tagung am Dienstag in Wien.

Pilotprojekt verunsichert Ärzte

Das in Oberösterreich, Wien und Tirol gestartete Pilotprojekt E-Medikation mit bis dato 7600 Teilnehmern hat Husek zufolge die ELGA-Ablehnung in der Ärzteschaft eher verschärft. „Anstatt auf eine sinnvolle, elektronisch unterstützte Entscheidungsfindung des Arztes war der Fokus des Pilotprojekts in erster Linie auf Überwachung und Kontrolle des Arztes ausgelegt. Wenn ELGA die Arbeit von Ärzten verkompliziert und darüber hinaus von der Sozialversicherung dazu verwendet wird, Ärzte zu bevormunden und zu kontrollieren, kann das Ganze nicht funktionieren“, so Husek. "Leider hat man nicht auf unsere Einwände gehört, das Pilotprojekt ist leider ein Rohrkreprierer geworden."

Auf die während des Pilotprojekts geäußerten Kritikpunkte habe man noch während der Testphase reagiert, entgegnete hingegen ELGA-Geschäftsführerin Herbek im Gespräch mit der futurezone. Sie äußerte zwar Verständnis für die vorgebrachten Ängste und Bedenken rund um die ELGA-Einführung, zeigte sich allerdings über die Schärfe der derzeitigen Diskussion erstaunt. „Die vielerorts geäußerte Befürchtung, dass ELGA den Arzt ersetzen soll, ist völlig unbegründet. Bei ELGA handelt es sich um ein elektronisches Informationssystem, das den Arzt und den Patienten in der medizinischen Entscheidungsfindung unterstützen soll“, so Herbek.

Keine Ärzte-Überwachung

Sowohl im Rahmen des jetzigen Projekts als auch im zukünftigen Betrieb sei keinesfalls geplant, dass ELGA vom Staat oder einer Sozialversicherung eingesetzt werde, um die Leistung von Ärzten zu kontrollieren oder kritisieren, versicherte Herbek. Die Einführung werde zudem nicht mit einem „großen Knall“, sondern schrittweise und transparent für Bürger erfolgen. „Patienten werden selbst Berechtigungen erteilen und entziehen können, wer auf Gesundheitsdaten zugreifen kann. Über einsehbare Protokolle können Patienten zudem genau nachvollziehen, wer auf die Daten wann zugegriffen hat“, so Herbek.

Die Wichtigkeit des transparenten Datenzugriffs unterstrich auch der finnische E-Health-Experte Ilkka Kunnamo. „Wenn ein Patienten-Dossier aufgerufen wird, muss das der Betroffene sehen können. Das beugt Datenmissbrauch vor“, so Kunnamo mit Verweis auf das finnische System. Aus Ärztesicht wiederum müssten die entsprechenden Software-Tools so gestaltet sein, dass die für die Behandlung wichtigsten Informationen überblicksmäßig und automatisiert angezeigt werden. „Geschwindigkeit und eine zuverlässige Zusammenfassung der Patientendaten sind der Schlüssel, um die Abläufe effizienter und gleichzeitig sicherer zu gestalten“, so Kunnamo.

Elektronische Entscheidungshilfe

Dass ein IT-gestützter Ablauf den ärztlichen Alltag erleichtern und die Qualität medizinischer Diagnosen und Behandlungen verbessern kann, stellte bei der Tagung ohnehin kaum jemand in Abrede. So plädierte Andreas Sönnichsen von der Paracelsus Medizinische Privatuniversität unabhängig von ELGA für den stärkeren Einsatz von elektronischen Entscheidungshilfen, die eine Behandlung von Patienten nach „evidenzbasierten Leitlinien“, sprich dem neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisstand garantieren sollen.

„Bei etwa 70.000 neuen Publikationen monatlich, die allein auf der Forschungsplattform pubmed eingepflegt werden, kann kein Arzt der Welt auf dem neuesten Stand bleiben“, erklärt Sönnichsen. Erschwerdend für den Praxisalltag in der Allgemeinmedizin komme zudem hinzu, dass der Arzt im Schnitt etwa fünf bis sechs Minuten Zeit pro Patient habe. „Der Computer sorgt dafür, dass auch bei komplexen Problemen auf keine für die Diagnose und Behandlung wichtigen Punkt vergessen wird. Das Abwägen von Vor- und Nachteilen einer medizinischen Maßnahme sowie die Entscheidungsfindung gemeinsam mit dem Patienten obliege aber weiterhin dem Arzt“, so Sönnichsen.

Informationspflicht gefordert
Auch ELGA-Kritiker Husek glaubt, dass eine elektronische Unterstützung den Ärzte-Alltag erleichtern und auch Vorteile für Patienten bedeuten kann. Den Informationsaustausch und die heftigen Diskussion rund um die ELGA erachtet Husek als positiv. Insgesamt müssten alle Betroffenen – sowohl Ärzte, aber auch Bürger und politische Entscheidungsträger – noch besser informiert werden. „Man muss das Bewusstsein entwickeln, dass gewisse Daten zum Beispiel nicht 100-prozentig geschützt werden können, man dafür aber von anderen Prozessen als Patient profitiert“, so Husek.

Die Gefahr des Datenmissbrauchs hängt seit Anbeginn wie ein Damoklesschwert über ELGA. Ein Ende September publik gewordenes Datenleck der Tiroler Gebietskrankenkasse hat die Befürchtungen der Kritiker nicht gerade geringer werden lassen. „Es ist ganz klar, dass wir bei ELGA den höchstmöglichen Sicherheitsstandard gewährleisten müssen. Die Bürger müssen dem System vertrauen können. Über technische Vorkehrungen, wie die Verschlüsselung von Daten, und entsprechende gesetzliche Strafbestimmungen muss gewährleistet sein, dass kein Missbrauch mit Daten betrieben wird“, so ELGA-Geschäftsführerin Herbek.

Der neue Entwurf sehe zudem vor, dass Patienten dem behandelnden Arzt bzw. Krankenhaus eine zeitlich begrenzte Einwilligung erteilen, die auch widerrufen werden kann. Eine generelle Berechtigung, ungefragt auf die elektronischen Gesundheitsdaten zugreifen zu können, sei nicht vorgesehen. Auch sollen Arbeitsmediziner keinen Zugriff auf die Daten bekommen, so Herbek.

Weiterer Fahrplan

Der weitere Fahrplan zur ELGA-Einführung hängt nun vom parlamentarischen Gesetzwerdungsprozess ab. Kann sich das Parlament über die Eckpunkte der Einführung einigen, wird es laut Herbek noch etwa zwei Jahre dauern, bis das ELGA-System tatsächlich ausgerollt wird. Bereits einige Monate vor dem offiziellen Start sollen Bürger bereits auf einem neu erstellten ELGA-Webportal sich über das System informieren können und dort der elektronischen Gesundheitsdaten-Erfassung zustimmen oder diese ablehnen können.

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