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Interview "Es gibt keinen Knopf zur Abschaltung des Internets".

ICANN
ICANN - Foto: dapd(c) AP
Die ICANN sorgt dafür, dass die Adress- und Domainvergabe im Internet funktioniert. Vizedirektor Cherine Chalaby erklärt, wieso die ICANN keine Internetregierung ist.

Cherine Chelaby ist Vizedirektor der ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), jener Non-Profit-Organisation, die für die Vergabe von eindeutigen Namen und Adressen im Internet zuständig ist und den Bestand der Top-Level-Domains verwaltet. Seit Ende 2016 hat die ICANN auch die Aufsicht über die IANA-Funktion (Internet Assigned Names and Numbers) vom US-Handelsministerium übernommen und ist damit für die Vergabe von IP-Adressen zuständig. Chelaby war am Donnerstag bei der Domain pulse in Wien als Vortragender zu Gast und hat der futurezone im Interview erklärt, wie die ICANN mit Beeinflussungsversuchen umgeht und warum ihr Einfluss auf die Struktur des Internets relativ begrenzt ist. Der Vizedirektor legt Wert darauf, dass seine hier abgedruckten Aussagen seine Privatmeinung sind und nicht notwendigerweise die Positionen der ICANN wiederspiegeln.

Können Sie in einfachen Worten erklären, was die ICANN tut?
Um eine andere Person oder Organisation im Internet zu erreichen, muss dem Computer eine Adresse mitgeteilt werden, in Form eines Namens oder einer Nummer. Diese Adresse muss eindeutig sein, damit Computer wissen, wo sie sich finden können. Die ICANN koordiniert diese einzigartigen Identifikationsadressen für die ganze Welt. Ohne diese Koordination hätten wir kein einheitliches, globales Internet.

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Cherine Chalaby - Foto: ICANN
Das klingt zahm. Ihre Organisation wurde auch schon als "Internetregierung" bezeichnet.
Vielleicht gibt es diesen Begriff aus historischen Gründen. Die Aufgaben der ICANN sind klar definiert und eingeschränkt. Die ICANN hat ein Multi-Stakeholder-Modell implementiert, das allen Interessensgruppen gleiches Mitspracherecht garantiert.

Wieso gab es Widerstand bei der Übertragung der Aufsicht über die Funktion der IANA (Internet Assigned Numbers Authority) vom US-Handelsministerium auf die ICANN?
Es gab keinen Widerstand gegen das Multi-Stakeholder-Modell. Die US-Regierung hatte eine eingeschränkte und sehr eng definierte Aufsichtsfunktion über die IANA. Das haben viele Menschen nicht verstanden. Die US-Regierung hatte schon seit langer Zeit vor, diese Aufgabe abzutreten und hat reagiert, als die ICANN bereit war. Dass die US-Regierung je Kontrolle über die IANA ausgeübt hat, ist ein Missverständnis.

Es wurde spekuliert, dass die Snowden-Enthüllungen Einfluss auf den Zeitpunkt der Übergabe hatten?
Es ging hier nicht um eine Übertragung der Kontrolle. Die ICANN ist unabhängig und die IANA wurde von der US-Regierung überwacht, ein Zustand, der nie als langfristige Lösung gesehen wurde. Ich weiß nicht, welche Katalysatoren die Entscheidung beeinflusst haben. Die US-Regierung hat jedenfalls entschieden, dass die relevanten Kriterien erfüllt waren und deshalb gehandelt.

Auch große US-Tech-Konzerne haben versucht, die Übertragung der IANA-Aufsicht zu verhindern. Warum?
Über die Rolle des Silicon Valley in dieser Sache möchte ich nichts sagen. Die Kriterien für die Übertragung wurden, wie erwähnt, von der US-Regierung festgesetzt.

Wer sind die ICANN-Stakeholder?
Regierungen, technische Experten, die nationalen Domainvergabestellen (in Österreich das NIC) und deren Partner, Zusammenschlüsse von Nutzern und die Zivilgesellschaft sind beteiligt. In der ICANN ist kein Stakeholder wichtiger als ein anderer. Es gibt keine zentrale Kontrolle und auch keinen Knopf zur Abschaltung des Internets.

Wie wird politische Einflussnahme verhindert?
Das ist ein Grund, weshalb es ein Multi-Stakeholder-Modell gibt. Die ICANN setzt auf Zusammenarbeit, die Richtlinien werden von der Basis vorgeschlagen. Das Präsidium beaufsichtigt nur und trifft keine eigenmächtigen Entscheidungen. Die Entscheidungsfindung kann so zwar länger dauern, dafür ist das Ergebnis besser und nachhaltiger. Die anderen Stakeholder können jederzeit neben den Regierungen an Entscheidungen mitwirken.

Welche Möglichkeiten haben Regierungen, am Entscheidungsprozess teilzunehmen?
Es gibt ein beratendes Komitee, in dem die Regierungen vertreten sind, das hat es vor der Übergabe gegeben und gibt es auch weiterhin. Die Regierungen können so Vorschläge an das Präsidium machen und stimmen sich dabei schon früh mit anderen Stakeholdern ab. Unsere Satzung hält genau fest, wie das Führungsgremium mit dem Regierungsbeirat umgeht, das nehmen wir sehr ernst. So haben wir ein stabiles System. In keinem dieser Vorschläge geht es um die Ausübung von Kontrolle.

Mit neuen Top-Level-Domains kann viel Geld gemacht werden. Wie geht die ICANN mit kommerziellen Interessen um?
Entscheidungen über neue TLD werden von der Community getroffen, nicht vom Präsidium. Derzeit arbeitet unsere Community an Auswertungen der letzten Vergaberunde und sieht sich die Ergebnisse weltweit an. Auf dieser Basis werden Empfehlungen für künftige Vergaberunden an das Präsidium übergeben.

Welche Schutzmechanismen gibt es?
Wir haben eine Reihe an Schutzmechanismen implementiert, ohne die die IANA-Aufsicht nie an uns weitergegeben worden wäre. Es gibt beispielsweise eine eigene Non-Profit-Organisation, die PTI (Public Technical Identifiers), die mit einer unabhängigen Struktur für die IANA-Funktionen zuständig ist. Die PTI hat einen Vertrag mit der ICANN. Die PTI wiederum wird durch das CSC (Customer Standing Committee), ein separates Gremium mit multiplen Stakeholdern, kontrolliert. Das sind exakt die Sicherheitsmechanismen, die die US-Regierung überzeugt haben.

Es gab zuletzt Kritik an der Vergabe generischer TLD, die für Firmen teuer werden können, wenn sie ihre Markenrechte schützen wollen.
Die Community hat sieben Jahre damit verbracht, Strategien zu entwickeln und einen Leitfaden für die vergangenen TLD-Vergaberunden. Die Entscheidungen wurden gemeinschaftlich gefällt. Wir haben nur den Prozess beaufsichtigt.

Wird es hier Änderungen geben?
Derzeit laufen mehrere Überprüfungen, die dazu führen sollen, dass wir aus der Vergangenheit lernen können.

Ist eine mögliche Fragmentierung des Internets durch Staaten oder kommerzielle Interessen Thema für die ICANN?
Die ICANN arbeitet weiterhin daran, ein einziges, offenes und interoperables Internet zu garantieren. Mit Wachstum kommen aber neue Herausforderungen. Es gibt Druck in Richtung einer Fragmentierung. Dafür haben wir keine Lösung, aber unsere Community ist sehr sensibel für solche Einflüsse.

Versuchen Länder wie China, Russland oder anderer autoritäre Regierungen hier Einfluss zu nehmen?
Die Länder im Regierungskomitee haben eigene Mechanismen, um Konsens herzustellen. Gelingt das nicht, werden die einzelnen Positionen weitergeleitet.

Die ICANN wird immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert, meist geht es um mangelnde Transparenz in der Organisation.
In einem Umfeld wie diesem ist es normal, dass Leute Fragen stellen. Das ist sogar gesund. So ist das seit 20 Jahren und so wird es auch in Zukunft sein. Unser Modell entwickelt sich weiter, ich bin von solchen Kommentaren nicht überrascht. Die Community und das Präsidium werden reagieren und an Verbesserungen arbeiten.

Die ICANN liegt als in Kalifornien gelistete Körperschaft US-Recht. Gibt es Bestrebungen, das zu ändern?
Die ICANN wird nicht umziehen. Das war Teil der Vereinbarung mit der US-Regierung. Es gibt Diskussionen um den Rechtsrahmen, aber nicht um die Lage des Hauptquartiers.  

Hat die jüngste Verwirrung um die Einreisebestimmungen der USA Auswirkungen auf die Arbeit der IANA als international besetzte Organisation?
Wir beobachten die Reisesituation genau und versuchen zu ermitteln, welche Auswirkungen das auf die Community und das Präsidium hat. Wir sind Offenheit und der Gemeinschaft verpflichtet und werden eventuelle Probleme bei der Festsetzung von Treffen und Reisen berücksichtigen. Wir sind auf Mitwirkung, Offenheit und Freiheit angewiesen und halten das im Auge.

(futurezone) Erstellt am 17.02.2017, 06:00

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