Netzpolitik
13.11.2012

Gesucht: Ideen für die Verwaltung der Zukunft

Die Donau-Universität Krems sucht gemeinsam mit der futurezone Ideen für die Verwaltung der Zukunft. Zum Start des Ideenwettbewerbs "Government 2027" spricht der E-Government-Experte Peter Parycek im futurezone-Interview über neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Verwaltung.

Wie kann die Verwaltung den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft gerecht werden? Wie können Behörden mit Bürgern zusammenarbeiten? Wie könnte die Verwaltung in 15 Jahre aussehen? Gemeinsam mit der Donau-Universität Krems sucht die futurezone Ideen, Konzepte und Visionen für die Verwaltung der Zukunft. Ob Verwaltungs-Apps am Smartphone oder online, Prozesse zur Bürgerbeteiligung oder neue Formen der Zusammenarbeitzwischen Bürgern, Wirtschaft und Behörden. Ihre Anregungen sind gefragt.

Aus den besten Vorschlägen, die bis 29 . November mit der Betreffzeile „Government 2027“  in der Redaktion (E-Mail: redaktion@futurezone.at) einlangen, wird eine Jury drei Sieger ermitteln. Die Gewinnerprojekte werden mit Preisen prämiert. Als Hauptpreis gibt es eine fünftägige Reise zum Open Knowledge Festival zu gewinnen, das 2013  in Genf stattfinden wird. Die Plätze zwei und drei erhalten Tablets und Smartphones. Die Gewinner des Ideenwettbewerbs werden außerdem  eingeladen,  ihrer Ideen für die Verwaltung im Jahr 2027 bei der 15-Jahres-Jubiläumsgala des Bundesrechenzentrums (BRZ) in der Wiener Hofburg Anfang Dezember zu präsentieren.

Zum Auftakt des Ideenwettbewerbs "Government 2027" hat die futurezone Peter Parycek von der Donau-Universität Krems zur Zukunft der Verwaltung befragt. "Es ist wichtig, dass wir alle daran arbeiten, die Verwaltung zu verbessern", sagt der E-Government-Experte im Gespräch mit der futurezone: "Ich hoffe auf kreative Einreichungen."

futurezone: Die Verwaltung ist zu einem hohen Grad noch nach den Prinzipien des 20. Jahrhunderts organisiert. Durch vernetzte Technologien haben sich die Möglichkeiten der Organisation und die Erwartungshaltung der Bürger verändert. Ist die Verwaltung noch zeitgemäß?
Parycek: Die hierarchische Organisation und Kontrolle war im Industriezeitalter sicherlich eine der besten Organisationsformen. Jetzt haben wir völlig andere Rahmenbedingungen. Informationen sind elektronisch verfügbar. Die Verwaltung muss sich neu organisieren und sich auch fragen, wie sie unter den neuen Rahmenbedingungen kommuniziert.

Welche Antworten gibt es auf diese Fragen?
Die Antworten darauf sind offen. Wir sind mitten in einer Experimentierphase, die noch zehn bis 20 Jahre dauern kann. Das hängt auch sehr stark mit der Kultur in den Organisationen zusammen. Der Kulturwandel ist die größte Herausforderung?

Der niederländische Open Government Experte Ton Zijlstra hat die Verwaltung mit der Unterhaltungsindustire

verglichen
. Droht der Verwaltung ein ähnliches Schicksal. Könnte sie irrelevant werden?
Bei der Unterhaltungsindustrie hat der digitale Wandel die Grundfesten erschüttert. Die Konzerne hatten einen geschlossenen Wertschöpfungsprozess mit hohen Margen. Auch ihre Organisationsformen beruhten auf diesen Margen. Als die wegbrachen war das ganze Modell nicht mehr zu finanzieren. Deshalb wurde auch versucht, diesen Wandel mit aller Vehemenz aufzuhalten. Die Verwaltung hat kein Geschäftsmodell in dem Sinn. In vielen Ländern wird sie aber mit weniger Ressourcen auskommen müssen. Es gibt großen Druck von außen. Für die Verwaltung bietet sich aber die Chance über neue Kooperationsformen ihre Arbeit kostengünstiger und effizienter zu leisten.

Bemerken Sie schon einen Kulturwandel in der Verwaltung?
Er wird eintreten, weil es immer wieder Personen gibt, die diese Potenziale sehen und Neues ausprobieren. Wenn es funktioniert, ziehen auch andere nach. Es braucht Pioniere, die sich auf dieses Spielfeld trauen. Es kann aber durchaus sein, dass sich der Umfang der Verwaltung verringert. Vielleicht aus deswegen, weil sich die Gesellschaft gewisse Dinge selbst organisieren kann, weil ihre Organisationsfähigkeit durch technologische Rahmenbedingungen wesentlich größer ist, als das vor zehn oder 20 Jahren der Fall war.

Als Grundlage für eine moderne Verwaltung gilt die Transparenz. In Österreich haben in den vergangenen eineinhalb Jahren Verwaltungen begonnen, im Rahmen von Open-Data-Initiativen ihre Daten freizugeben. Sind das die ersten Schritte zu einem solchen Kulturwandel?
Open Data ist eines dieser Leuchttürme. Es gibt ein paar Pioniere unter den Verwaltungsverantwortlichen, die, sobald sie gesehen haben, dass es aus der Politik zumindest kein rotes Licht gibt, diese Projekte schnell umgesetzt haben. In der Stadt Wien, wo Open Data im Regierungsprogramm steht, gab es auch einen politischen Auftrag. Wenn diese Projekte erfolgreich sind, bekommen sie eine Zugkraft. Nach Wien und Linz folgten bald andere Städte und Gemeinden und Länder. Damit haben wir jetzt fast schon eine kritische Masse an Datensätzen online. Es ist ein fortlaufender Prozess. Wichtig ist es, dass die Verwaltung sieht, dass etwas mit den Daten passiert und auch Mehrwert generiert wird. Wenn das der Fall ist, bin ich sehr optimistisch, dass dieser Zug weiterfährt.

Wie sehen Sie die Rolle der Verwaltung? Soll sie selbst Apps und Anwendungen auf Basis dieser Daten veröffentlichen oder soll das ausschließlich der Wirtschaft und Drittanbietern überlassen werden?
Ich bin da sehr pragmatisch. Jeder soll damit arbeiten, also auch die Verwaltung. Ich seh das nicht als eine Einbahnstraße. Die Verwaltung wird langfristig zu einer Plattform, die Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der Kooperation schafft. Ihre Rolle wird sich flexibel und dynamisch in Bezug auf die jeweilige Problemstellung definieren. Die Diskussion, wie weit der Staat gehen soll, ist uralt. Für die Zukunft sehe ich die Möglichkeit, diese Diskussion auf einer völlig neuen Ebene zu führen. Heute sind Dinge möglich, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren, weil die Transaktions- und Distributionskosten viel zu hoch waren. Das macht die Sache spannend.

Wie kann die Beteiligung der Bürger forciert werden?
Ich sehe das sehr differenziert. Mit Bürgerbeteiligung verbindet man üblicherweise die Beteiligung der Öffentlichkeit an politischen Prozessen. Elektronische Medien bieten dabei sicher ein größeres Potenzial, als das früher der Fall war. Man kann On- und Offline-Diskussionen kombinieren. Informationen können besser aufbereitet werden. Damit kann auch eine qualitative Diskussion gefördert werden. Die Gestaltung dieser Prozesse ist eine große Herausforderung.

Worauf sollte dabei geachtet werden?
Dass ein qualitativ hochwertiger Diskurs entsteht und nicht Bashing oder Ja-Nein-Fragen. Derzeit ist viel von direkter Demokratie die Rede. Ja-Nein-Abstimmungen führen aber zu keiner qualitativen Verbesserung des poltischen Diskurses. Im Gegenteil, sie polarisieren. Bürgerbeteiligung hat hohes Potenzial - in beide Richtungen. Wenn man es gut macht, führt es zu einem hochwertigeren politischen Diskurs. Wenn man es schlecht macht, führt es zur absoluten Polarisierung bei wertebesetzen Fragen. Die größeren Chancen sehe ich in der Zusammenarbeit zwischen Bürgern, Wirtschaft und Verwaltung.  

Wie können solche Szenarien der Zusammenarbeit aussehen?
Offene Daten führen etwa zur Zusammenarbeit. Ich habe offene Daten und jemand programmiert eine Applikation, die der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird. Das ist Zusammenarbeit. Man könnte etwa auch Crowdsourcing-Methoden einsetzen, um Probleme zu lösen oder um Verwaltungsverfahren zu beschleunigen. Nehmen Sie etwa den Rechnungshof. Dort müssen sich die Beamten durch hunderttausende Papiere durcharbeiten, um einen Abschlussbericht zu erstellen. Warum kann der Rechnungshof nicht Interessierte einladen, bei der Auswertung zu helfen? Dabei könnten völlig neue Formen der Zusammenarbeit entstehen.

Im zivilgesellschaftlichen Bereich hat etwa der "Guardian" vor drei Jahren ähnliches versucht. Tausende Leser beteiligten sich an der Auswertung von Belegen von britischen Parlamentariern.
Die " Guardian"-Aktion war Bottom-up. Die Daten wurden - nicht ganz rechtmäßig - dem "Guardian" zugespielt, der sie dann gemeinsam mit seinen Lesern auswertete. Die Frage, die ich mir stelle ist: Wie würde ein solcher Prozess aussehen, wenn das der Rechnungshof macht? Man kann diese Dinge nicht ignorieren. Denn sie werden passieren. Es geht darum, sich mit solchen Prozessen auseinanderzusetzen und versuchen sie ein bisschen zu steuern. Ich kann diesen Prozess nicht kontrollieren, aber ich kann mir überlegen, wie ich die Leute einbinden kann.

Was ist die Motivation sich daran zu beteiligen?
Warum die Menschen das machen? Das fragt sich die Wirtschaft auch. Die klassischen Enzyklopädien fragen sich angesichts der Wikipedia: Warum haben die Menschen nichts anderes zu tun als unser Geschäftsmodell zu vernichten? Menschen haben unterschiedliche Fähigkeiten, die sie in ihrem Arbeitsumfeld aus welchen Gründen auch immer nicht ausleben können. Deshalb verwirklichen sie sich in ihrer Freizeit, etwa auf Vereinsebene. Das ist nichts Neues. Das gab es schon immer. Jetzt gibt es neben den klassischen Formen auch neue Möglchkeiten. Es gibt auch Menschen, die haben sehr viel Zeit. Etwa Pensionisten, die über große Erfahrung in verschiedenen Bereichen verfügen. Die Menschen machen das auch, weil es spannend ist, etwas zu finden. Das ist fast ein Urtrieb in uns. Auf die Suche zu gehen, Spuren zu lesen und zu finden. Gerade beim Rechnungshof sollte das kein Problem sein. Da würden Sie sehr schnell Menschen finden, die ein großes Vergnügen daran hätten, in ihrer Freizeit Dokumente zu durchforsten und den Rechnungshof bei seiner Arbeit zu unterstützen.

In welchen Bereichen sind solche Szenarien der Zusammenarbeit vorstellbar?
In allen Bereichen. Der Fantasie sind eigentlich kaum Grenzen gesetzt. Es gibt keinen Bereich, wo man nicht darüber nachdenken könnte.

Wie wird die Verwaltung der Zukunft aussehen?
Die Verwaltung wird wesentlich offener werden. Der Bürger hat mehr Einblick in die Verwaltung, auch in die Prozesse, die dadurch nachvollziehbarer werden. Das Vertrauen wird gestärkt, auch in das politische Umfeld. Das ist für demokratiepolitische Institutionen eines der wesentlichen Elemente. Aufbauend auf dieser Offenheit und diesem Vertrauen werden wir verstärkte Zusammenarbeit in allen Bereichen sehen.

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Zur Person:
Peter Parycek ist Leiter des Zentrums für E-Governance der Donau-Universität Krems und E-Government Projektleiter im Präsidium des Bundeskanzleramtes.