© ap

ONLINE-TV
12/20/2010

Google TV: Nächster Bauchfleck droht

Für den Suchmaschinen-Giganten bleibt 2010 ein durchwachsenes Jahr. Nach dem Aus von Google Wave, Protesten rund um Street View und den Startverzögerungen beim Betriebssystems ChromeOS kommt auch Google TV nicht vom Fleck. Nun bat der Konzern TV-Gerätehersteller gar, auf der Elektronikfachmesse CES auf neue Produktpräsentationen mit Google TV an Bord zu verzichten.

von Martin Stepanek

Wie US-Medien aktuell berichten, hat Google Geräteherstellern wie Toshiba, LG und Sharp davon abgeraten im Jänner neue Google-TV-fähige Geräte zu präsentieren. Nach negativen Rückmeldungen hinsichtlich fehlender Inhalte und schlechter Usability will der Konzern die Google-TV-Plattform offensichtlich weiter überarbeiten. Bisher sind nur Sony und Logitech mit entsprechenden Geräten auf dem Markt vertreten.

Probleme bereits abgezeichnet

"Dass Google mit Problemen kämpft, hat sich schon in den vergangenen Wochen abgezeichnet", sagt Mathias Birkel, Senior Consultant beim Beratungsunternehmen Goldmedia, im Gespräch mit der FUTUREZONE. Birkel spricht damit den Boykott der großen US-Sender an, die Google TV den Zugang zu ihren im Internet verfügbaren Serien verwehrten . "Ohne Zusammenarbeit mit den großen TV-Networks wird Google aber nicht den Fernseher erobern können", meint Birkel.

Dass sich die klassischen Sendeanstalten mit allen Mitteln gegen webbasierte Medienplattformen wie Google TV wehren, ist wenig überraschend. Denn durch die Popularität von Online-Videos und kostenlosen Streaming-Angeboten bricht den TV-Sendern langsam aber sicher das klassische lineare Broadcasting-Modell weg. Um eine möglichst große Kontrolle über ihre Inhalte zu behalten, setzen die Sender und Networks folglich lieber auf eigene Mediatheken oder den neuen HbbTV-Standard, der ihr Sendersignal um einen von ihnen kontrollierten Internetzugriff erweitert.

"Luftraum der Sender muss akzeptiert werden"=

"Google hat wie auch Yahoo bei deren früheren Versuchen nicht verstanden, dass der Luftraum der TV-Sender bei einem derartigen Angebot respektiert werden muss", erklärt Jan Wendt, Geschäftsführer des Service- und Plattformproviders Netrange MMH , im Gespräch mit der FUTUREZONE. Dass die Fernsehsender niemals einwilligen würden, ihr TV-Signal mit Google-eigenen Widgets oder einer Google-Suchleiste zu überblenden, sei vorhersehbar gewesen.

Als Fehleinschätzung wertet Wendt auch Googles ursprüngliche Strategie, das auf PCs funktionierende offene Webbrowsing 1:1 auf den Fernseher zu übertragen. "Damit Internet auf dem Fernseher funktioniert, sind vordefinierte Applikationen notwendig", so Wendt, dessen Unternehmen unter anderem für entsprechende Plattform-Lösungen von Philips, Sharp und Loewe verantwortlich zeichnet.

Die geringe Verbreitung, die durch die hohen technischen Hardware-Anforderungen für Gerätehersteller noch verschärft worden sei, habe Entwickler bisher jedoch davon abgehalten Apps zu programmieren, so Wendt. Google selbst hat diesbezüglich bereits angekündigt, dass über Google TV zukünftig auch auf den Android Market zugegriffen werden kann. Damit könnte zumindest die fehlende App-Landschaft beseitigt werden.

Abschreiben sollte man den Plattform-Konkurrenten aus Wendts Sicht jedoch nicht. "Google TV ist für die nächsten zwölf Monate zwar gescheitert. Google wird aber sicher in einem neuen Anlauf zurückkommen und etwas ordentliches auf die Beine stellen", meint der Netrange-Geschäftsführer.

Android-Erfolg kaum wiederholbar

Wenig optimistisch, dass Google den Android-Erfolg in der TV-Welt wiederholen kann, zeigt sich hingegen Screen-Digest-Analyst Tom Morrod. "Im TV-Bereich spielt das Betriebssystem der Geräte eine weitaus geringere Rolle als bei Mobiltelefonen. Hier geht es in erster Linie um verfügbaren Content und die komfortable Nutzung", meint Morrod im Gespräch mit der FUTUREZONE.

Betriebssystem-Experimente seien allein schon durch den langen Lebenszyklus der Geräte für die Hersteller problematisch. Dazu komme, dass Sendeanstalten, aber auch Serviceanbieter wie Hulu kein Interesse daran hätten, Google als Content-Verwalter dazwischen zu schalten. "Google wird zukünftig sowohl den Content-Providern als auch den Hardware-Herstellern besser erklären müssen, warum Google TV eine gute Idee ist und welche Rolle der Konzern einnimmt", meint Morrod.

Zwei Drittel aller Geräte hybridfähig

Marktforscher rechnen damit, dass bis 2012 zwei Drittel aller TV-Geräte und Settop-Boxen hybridfähig, sprich mit Internetzugang ausgestattet sind. Während die TV-Anstalten und Sender-Networks noch auf der Suche nach der besten Strategie sind, um den drohenden Geschäftsverlust durch hybride Fernsehmodelle abzuwenden, haben die großen Gerätehersteller bereits damit begonnen, entsprechende Plattformen in ihre Geräte einzubauen.

Ob Google mit dem verordneten Rückzieher die großen Elektronikkonzerne vor den Kopf stößt, bleibt abzuwarten. Zumindest Sony, das im Oktober mit einem Google-TV-fähigen Fernseher auf den Markt kam, glaubt laut der New York Times noch an den Erfolg der Plattform. Samsung, Marktführer bei Flat-TVs, hingegen soll gut informierten Kreisen zufolge 2011 gar kein Google-TV-fähiges Fernsehgerät in Planung haben und ganz auf eine eigene Plattform mit sehr ähnlicher Funktionalität setzen. Kooperationen mit Content-Provider seien hierfür schon weit gediehen.

Mehr zum Thema

US-Fernsehgiganten wehren sich gegen GoogleTV
Deutsche Privatsender über Google TV besorgt
Google TV bekommt erstes großes Update

(Martin Stepanek)