Facebook ist im Grunde eine Singlebörse

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Personalisierung
06/06/2011

Heile Facebook-Welt wird zur Zensurfalle

„Personalisierung“ lautet das Credo der größten Webseiten wie Google, Amazon oder Facebook. Damit User schneller zu den gewünschten Informationen gelangen, werden auf Basis des eigenen Surfverhaltens Inhalte einfach ausgeblendet. Der amerikanische Netzaktivist Eli Paris hat in seinem neuen Buch "The Filter Bubble" beschrieben, wie dieser „Service“ schnell zu einer dramatischen Zensur der Inhalte ausarten kann.

"Wir haben neue Vorschläge für Sie“ oder „Das könnte Sie auch interessieren“: Wer mehr als einmal die Webseite des Buchhändlers Amazon besucht hat, wird überrascht sein, wie genau das System über die eigenen Vorlieben Bescheid weiß. Die Seite registriert jeden Klick und jede Suchanfrage der User und generiert so ein persönliches Profil, auf dessen Grundlage neue Kaufvorschläge getätigt werden. Viele User sehen diese „Personalisierung“ der Web-Nutzung als praktisches Service an. Amazon reagiert auf die Vorlieben seiner Käufer – Vorschläge anderer Art werden ausgeblendet. Doch wie wirkt sich dieses Prinzip bei Nachrichtenseiten, bei Suchmaschinen oder bei Facebook aus?

Wie man ins Netz hineinruft
Eli Pariser, ein US-amerikanischer Netzaktivist, versucht in seinem Buch „The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You“ („Die Filter-Blase: Was das Internet vor dir verbirgt“) die Auswirkungen des „maßgeschneiderten“ Netzes zu analysieren. Die Idee dazu kam ihm bei einer simplen Google-Recherche: Pariser stellte fest, dass Suchanfragen auf seinem Computer nicht zu denselben Ergebnissen führten wie auf den Rechnern seiner Freunde. Während er auf der Suche nach dem Wort „Ägypten“ zuerst auf Informationen zur politischen Lage stieß, bekamen viele seiner Freunde zuerst Reise- und Urlaubsangebote zu Gesicht. Da die meisten User auf die ersten drei Ergebnisse bei Google klicken (und zumeist nur die erste Seite der Suchergebnisse beachten), führt die Personalisierung des Google-Robots also dazu, den Usern nur das vor Augen zu führen, nach dem sie ohnehin am häufigsten suchen.

Noch drastischer erlebte Pariser diesen Mechanismus auf seiner eigenen Facebook-Seite. „Ich habe eine kleine Kampagne durchgeführt, um anders denkende Leute zu treffen und mich mit ihnen zu ‚befreunden‘. Ich wollte wirklich wissen, was konservative Menschen denken, also habe ich sie als Facebook-Freunde hinzugefügt.“ Doch Pariser bekam ihre Statements nie zu Gesicht. Denn Facebook blendet jene Einträge und „Freunde“ aus, denen man normalerweise wenig Beachtung schenkt – also nicht auf ihre Links klickt oder Kommentare zu ihnen verfasst. Jeder, der über mehr als ein paar Facebook-Freunde verfügt, wird diesen Effekt nachprüfen können: Wer wenig Aufmerksamkeit erhält, wird auch nicht mehr angezeigt.

Das Internet als Spiegel
Für Pariser ist diese Entwicklung vor allem demokratiepolitisch bedenklich. Denn wer immer weniger mit den Meinungen der anderen Seite konfrontiert wird, der verlernt auch die Diskussion und die Akzeptanz anderer Standpunkte. Die heile Welt von Facebook, in der man niemals „gefällt mir nicht“ sagen darf, ist ein Paradebeispiel für so einen Internet-Filter. Aber auch Nachrichtenseiten, wie etwa Yahoo News, arbeiten nach dem Verfahren und setzen Usern nur mehr jene Inhalte vor, auf die sie ohnehin am häufigsten klicken.

Wer sich allzu oft dazu hinreißen lässt, Promi-News und ähnliche Gehaltlosigkeiten durchzulesen, dem könnten beim nächsten Internet-Besuch wichtige Meldungen aus Politik und Wirtschaft abhandenkommen. Statt umfassend zu informieren, schränken die Nachrichtenseiten daher die Informationen immer weiter ein - in Zeiten überbordender Boulevard-Berichterstattung eine bedenkliche Entwicklung.

Die „New York Times“ illustrierte die Thematik von Parisers Buch mit einer Zeichnung, in der ein Internet-User nichts anderes im Monitor sieht als sich selbst. Pariser selbst spricht von einem „echo chamber“, einem sogenannten „Hallraum“, in dem man nur mehr die eigene Stimme vernimmt. Aus der Filter-Falle herauszukommen ist übrigens kaum möglich: Denn bei jedem Besuch einer großen Webseite werden die Daten zur Personalisierung, wie IP-Adresse, MAC-Adresse oder etwa  verwendetes Betriebssystem automatisch übertragen – und die Informationen danach aufbereitet.

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