Netzpolitik
29.11.2011

Microsoft: „Haben bei Open Source dazugelernt“

Die Beziehung zwischen Microsoft und der Open-Source-Community war in der Vergangenheit nicht einfach. Jahrelang setzte Microsoft weitgehend auf eine geschlossene Strategie, um die eigene Marktposition abzusichern. Mittlerweile wittert der Konzern aber auch mit offenen Lösungen - etwa im Bereich Open Data und in der Cloud - ein gutes Geschäft, wie Microsofts Open Software Evangelist Mark Gayler im futurezone-Interview erklärt.

futurezone: Welche Aufgaben hat ein Open Software Evangelist bei Microsoft?
Gayler: Mein Team deckt die Themen Offenheit und Interoperabilität der Microsoft-Plattform ab. Das umfasst PC-Software, Cloud-Lösungen bis hin zu Open Data Tools. Meine Hauptaufgabe ist die Kommunikation mit Regierungen und Behörden, die Open Government und Open Data Projekte umsetzen wollen.

Microsoft wird historisch gesehen nicht wirklich mit offener Software in Verbindung gebracht. Wie ist der Sinneswandel zu erklären? Haben die saftigen EU-Strafen und -Auflagen eine Rolle gespielt?
Wir haben sicher dazugelernt und sind insgesamt ein offeneres Unternehmen geworden. Wir hören mittlerweile besser zu, was die tatsächlichen Anforderungen unserer Kunden und Partner sind. Diese wollen verstärkt interoperable und offene Technologien einsetzen. Wenn Microsoft diese zur Verfügung stellen kann, ist das auch für uns ein gutes Geschäft.

Die jahrelange Streitfrage Open Source vs. proprietäre Software ist also obsolet?
Die Debatte war jahrelang polarisierend. Microsofts Sichtweise hat sich insofern geändert, dass wir erkennen mussten: Die Welt besteht nun einmal aus gemischten Technologie-Umgebungen. Die meisten Kunden verwenden irgendwo Open Source - in ihrer Infrastruktur, in ihren Applikationen oder auch Geräten. Im Gegenzug können wir mit Stolz behaupten, dass unsere Software in dieser gemischten Welt gut funktioniert.

Welche Strategie verfolgt Microsoft beim Thema Open Government und Open Data?
Immer mehr Behörden und Regierungen wollen ihre Daten den Bürgern zur Verfügung stellen. Sie stehen aber vor dem Problem, dass dies oftmals nur mit millionenschweren Investitionen in Hard- und Software durchführbar ist. Mit unserer Open Government Data Initiative (OGDI) verfügen wir über eine Technologie-Plattform, die in Verbindung mit der Cloud dieses Vorhaben enorm vereinfacht.

Wie funktioniert die OGDI-Plattform und wie offen ist sie?
OGDI ist eine komplett offene Programmierschnittstelle, über die Daten in die Cloud geladen und auch wieder abgefragt werden können. Standardmäßig bieten wir OGDI in Kombination mit unserer Cloud-Lösung Azure an. Die Lösung ist aber auch als Open Source Projekt unter ogdi.codeplex.com verfügbar und kann daher auch für eine andere Data-Hosting-Lösung adaptiert werden.

Microsofts Geschäftsmodell basiert in diesem Fall aber beinahe ausschließlich auf der eigenen Cloud. Gerade europäische Behörden stehen der Cloud aber skeptisch gegenüber – erst recht, wenn sie von einem US-Unternehmen gehostet ist.
Der Kunde, in diesem Fall eine Behörde oder eine Regierung, behält die vollständige Kontrolle über seine Daten und Services. Es gibt kein Microsoft-Logo, bis auf die Infrastruktur im Hintergrund kommt alles von den Seitenbetreibern. Gleichzeitig fallen durch die Anbindung an die Microsoft-Cloudlösung Azure teure Investitionen in Zusatzinfrastruktur weg.

Ob die Daten wirklich in Kundenhand bleiben, ist umstritten. Zuletzt musste sogar Microsoft einräumen, dass aufgrund nationaler Gesetze US-Behörden unter Umständen Zugriff auf die Daten erlangen könnten. Wie sieht Microsoft dieses Dilemma?
Das Thema ist natürlich eine Herausforderung für uns und es ist auch verständlich, dass unsere Kunden hier vorsichtig agieren. Daher arbeiten wir intensiv mit Behörden und Regierungen zusammen, um größtmöglichen Datenschutz und Sicherheit gewährleisten zu können. Im Fall von Open Data ist der viel zitierte unerwünschte Zugriff auf Daten aber Nebensache, da es bei diesen Daten ja ohnehin darum geht, sie öffentlich zur Verfügung zu stellen.

In welcher Dimension bewegen sich die Kosten bei der Microsoft-Lösung?

Eine große kanadische Stadt mit zwei Millionen Einwohnern, die den Microsoft-Service nutzt, um all ihre relevanten Daten zur Verfügung zu stellen, kostet der Service etwa 250 US-Dollar im Monat. Um dieses Geld kann man sich definitiv keine Hardware und Software kaufen.

In Österreich und anderen Ländern setzen Open-Government-Initiativen vor allem auf die Lösung CKAN der Open Knowledge Foundation. Was kann OGDI besser?
CKAN und OGDI haben zwar Gemeinsamkeiten, in Wahrheit ergänzen sie sich aber perfekt. Während CKAN schöne Funktionen hat, um Datensätze auf den neuesten Stand zu bringen und zu veröffentlichen, sorgen OGDI und Azure für die Datensicherung in der Cloud. Kombiniert man die beiden, bekommt man eine günstige und flexible Lösung, die unabhängig von der gewählten Front-End-Technologie und der Back-End-Infrastruktur funktioniert. Das kanadische Umwelt-Tool emitter.ca ist so ein Beispiel: Die Daten liegen über OGDI/Windows Azure in der Cloud, die CKAN-Engine zeichnet für die Datenverwaltung und die Datenfeeds verantwortlich und die Seitenoberfläche ist mit Drupal gestaltet.

Während im Bereich Open Data und Open Government offene Schnittstellen die Grundlage bilden, ist in anderen Bereichen – Stichwort mobile Geräte – der Trend zu geschlossenen Systemen derzeit sehr stark. Eine problematische Entwicklung?
Einige würden argumentieren, dass das hervorragende Produkt-Design von Apple nur durch deren geschlossenen Weg erreicht werden kann. Andere Unternehmen fahren einen anderen Weg, wobei man auch diskutieren kann, ob etwa das Android-Modell tatsächlich Open Source ist. Meine Meinung ist: Sowohl der geschlossene, als auch der offene Zugang hat seine Vor- und Nachteile, sei es nun aus Kunden-, Entwickler- oder Herstellersicht. Von daher ist es nicht sinnvoll, einen der beiden Wege kategorisch als richtig oder falsch zu bezeichnen.

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