Netzpolitik
08/25/2014

Shitstorms: Politische Organisationen ohne Krisenplan

Wie eine neue Studie zeigt, hat zwei Drittel der politischen Institutionen, Kammern, Gewerkschaften und Interessensvertretungen keinen Online-Notfallplan für Shitstorms.

Politische Organisationen haben wenig Zeit für Online-Kommunikation. Sie haben sogar so wenig Zeit, dass die Zuständigen zwar wissen, welche Maßnahmen sie setzen müssten, um Interaktion zu erreichen, aber auf diese Maßnahmen bewusst aus Zeitmangel verzichten. Das erzählt Yussi Pick von der Agentur Pick & Barth, die auf Online-Kampagnen und strategische Kommunikation spezialisiert ist und eine Studie (hier runterladen) unter 13 politischen Organisationen – darunter Interessensvertretungen, politische Institutionen sowie Kammern und Gewerkschaften – durchgeführt hat.

„Die Verantwortlichen sind sich dem im Web liegenden Potential für ihre Kommunikation zwar bewusst, stehen allerdings vor einigen Hindernissen,“ so Pick, der die Interviews geführt hat. Noch immer herrsche ein Konkurrenzverhältnis um Ressourcen und Aufmerksamkeit mit den Mitteln der klassischen Öffentlichkeitsarbeit. Die Größe der Institution spiele, so ein weiteres Ergebnis der Studie, eine größere Rolle, als die Art der Institutionen. Unterschiede zwischen politischen Institutionen wie etwa Ministerien und NGOs konnten nur im Adaptionszeitraum festgestellt werden, nicht etwa in der Schwerfälligkeit des Umgangs.

Statische Facebook-Nutzung

Die politischen Institutionen würden zwar Facebook und Twitter einsetzen, so Pick, aber diese Sozialen Medien vorwiegend statisch nutzen. Das heißt: Auf ein selbst gesetztes Posting herrscht Schweigen statt Diskussion. Das Posting selbst durchläuft vorher sogar noch eine Reihe von Freigabeprozessen, bis es der Masse zugänglich gemacht wird. Twittter wird von manchen überhaupt mehr als "Privatvergnügen" gesehen anstatt als Mittel zum Zweck. So gesehen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass zwei Drittel der politischen Institutionen keinen Plan zur Online-Krisenkommunikation hat. „Ein Drittel hat Pläne, wie mit Shitstorms umgegangen werden soll, ein Drittel hat zumindest vor, einen Plan zu machen und ein Drittel hat gar keine Pläne“, fasst Pick zusammen.

Über das Potential, welches das Web über Kommunikation hinausgehend verfügt, wissen viele der Befragten Verantwortlichen nicht Bescheid. Was andere Kanäle außer Facebook und Twitter angeht sind öffentliche Institutionen wenig experimentierfreudig. Dass bei Online-Kommunikation beispielsweise auch die E-Mail eine wichtige Rolle spielen könnte, denken die meisten Verantwortlichen zudem nicht. Diese werde fast ausschließlich zum Versenden von Newslettern eingesetzt, aber nicht als Kampagnentool für aktuelle Themen.

Als positive Ausnahme nennt Pick hier den Einsatz von Michel Reimon (Grüne) im Irak. Von Reimons Mail-Account aus wurde eine persönliche E-Mail-Nachricht aufgrund eines tagesaktuellen Anlasses an die Unterstützer verschickt.

Verpasste Chancen

„Die Organisationen vergessen dabei, dass öffentliche Meinung im Netz gebildet wird. Sie verpassen die Chance, diese auch online zu beeinflussen.“ Pick fordert daher: Für die Zukunft gilt es auf dem bestehenden Bewusstsein aufzubauen, dieses auch aus den Kommunikationsabteilungen in die Chefbüros zu tragen und die notwendigen Ressourcen an Budget und Personal zu garantieren, um umfangreiche Onlinekommunikation zu ermöglichen.

Dass politische Organisationen es nicht immer verstehen, integriert zu kommunizieren, zeigt ein aktuelles Beispiel der SPÖ. Die Partei steht seit einigen Tagen in der Kritik, ihre selbstaufgelegten frauenpolitischen Maßnahmen nur halbherzig umzusetzen. Am Montag tagt dazu der Bundesparteivorstand. Auf Facebook hat die Partei aber statt Infos zur Tagung des Bundesvorstands Infos zu einer Dialogveranstaltung der SPÖ Bundesfrauen veröffentlicht. Der einzige bisherige Kommentar dazu: „Immer die selbe Scheisse daher reden und immer wieder dann das Gegenteil machen.“