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Interview Tech-Visionär: "Filter müssen freiwillig sein".

Foto: Barbara Wimmer
Social Media bietet viele Möglichkeiten, um Informationen zu filtern. Doch was passiert, wenn der Nutzer nicht mehr frei darüber entscheiden kann, welche Informationen er bekommt? Die futurezone hat auf der CeBIT mit dem wissenschaftlichen Leiter von Salesforce, JP Rangaswami, über die Gefahren von Filter-Blasen und über das Ende der Privatsphäre gesprochen.

Wir leben heutzutage in einer Informationsgesellschaft. Social Media versorgt uns mit noch mehr Informationen. Glauben Sie, dass das eines Tages zu viel für unser Gehirn wird?
Nein, ich denke nicht, dass es so etwas wie einen Überschuss an Informationen gibt, es können lediglich die Filter-Methoden versagen. Wir haben zwar immer mehr Quellen für Informationen, aber es gibt auch immer mehr Filter-Methoden. Wenn man seinen Facebook- oder Google+-Stream verfolgt, signalisieren der "Gefällt Mir"- und der "Plus Eins"-Knopf, welche Nachrichten besonders wichtig sind. Bei Twitter ist das die Retweet-Funktion.

Das heißt, das filtern von Information innerhalb von Sozialen Netzwerken funktioniert bei Ihnen.
Ja. Mein eigenes soziales Netzwerk wird zu meinem Filter, in dem es die Aufmerksamkeit auf die für mich wichtigen Dinge lenkt. Heute Nachmittag habe ich mir auf dem Weg vom Flughafen zur Messe mit einem Tool CeBIT-relevante Suchergebnisse zusammengestellt, um die Daten in meine Präsentation einzubauen. Das sind Möglichkeiten, die wir vor dem Social-Media-Zeitalter nicht hatten.

Wie sieht es mit anderen Medien aus, gibt es hier einen Überfluss an Informationen?
Das klingt ein bisschen wie ein Überfluss an Essen. Niemand muss so viel Essen, dass er sich nicht mehr bewegen kann. Aber die Mäßigung ist ein generelles Konsumproblem. Das gilt auch für Information. Niemand wird dazu gezwungen, acht Stunden am Tag fernzusehen oder Radio zu hören. Natürlich ist es aber wichtig, darüber zu reden, denn es gibt immer mehr Kanäle und jeder neue Kanal ist eine neue potenzielle Quelle der Ablenkung.

Rangaswami
Foto: Barbara Wimmer

Wenn man auf Twitter nur bestimmten Leuten folgt, bekommt man aber immer nur eine bestimmte Art von Meinungen. Im Moment hat man im Netz hier noch alle Freiheiten, zumindest im demokratischen Teil der Welt, wo liegen hier die größten Gefahren?
Zensur ist einfach nur eine andere Art des Filterns. Eli Pariser nennt das die Filter-Blase. Wenn die Regierung kontrolliert, was in die Zeitungen kommt, wird man immer nur das sehen, was die Regierung will. Dasselbe gilt für die gesamte Kommunikation.

Einer meiner Freunde, ein Havard-Professor, hat einen Artikel über das Ende des Internets geschrieben und was passiert, wenn das freie Internet vulkanisiert wird. Wenn ich eine Suchanfrage in Google eingebe, und jemand, der im selben Gebäude neben mir ein anderes Ergebnis auf dieselbe Frage bekommt, würde das all meine Hoffnung zerstören.

Ist das nicht gerade das, was Google plant bzw. umsetzt?
Ich denke, dass dieser Plan, mich mit Dingen zu versorgen, die für mein Profil passen, eine Wahl sein sollte, die ich treffen kann und nicht eine, die Google für mich trifft. Ich bin zufrieden damit, wenn Google mir Filter-Möglichkeiten zur Verfügung stellt und dass beispielsweise wenn ich nach der „Wolke“ suche, ich Ergebnisse zu Cloud Computing bekomme und nicht dazu, wie der Regen aus den Wolken kommt. Aber das muss meine persönliche Entscheidung sein.

Glauben Sie, dass Google mit der Personalisierung der Suchergebnisse Erfolg haben wird?
Wenn wir beide bereits darüber sprechen, dann bedeutet das, dass sich Leute dessen bewusst sind. Auch Google hat in der Vergangenheit schon ein paar Misserfolge hinnehmen müssen, manche Produkte haben nicht funktioniert. Ich glaube, dass der Markt sehr kompetitiv ist und Leute abwandern werden. Unsere Macht als Konsument ist groß. In demokratischen Ländern ist es sehr klar ersichtlich, dass die Leute keine Filter-Blasen wollen und dagegen ankämpfen werden. Zumindest erwarte ich mir das.

Das ist bei Google vielleicht so. Aber was passiert mit anderen Internet-Filtern? Was für eine Rolle spielt hier Social Media?
Hier muss ich etwas ausholen: Während E-Mails in den Händen der Empfänger liegen, liegen soziale Netzwerke in den Händen der Abonnenten. Egal was ich mache, wenn Sie mir nicht folgen wollen auf Twitter, werden Sie meine Tweets nicht sehen. Selbst wenn ich meine Tweets direkt an Sie adressieren würde, könnten Sie mich noch immer blocken. Wenn man dieses Verständnis hat, dann sorgt man sich weniger um die Zukunft des Internets. Selbst wenn Regierungen den Schalter umdrehen würden, das Internet besiegt sämtliche Hürden. Während des arabischen Frühlings haben die Leute Wege gefunden zu kommunizieren z.B. über Meshed Networks. So etwas ist schwierig zu verhindern.

Die Macht der Internet-Nutzer hat man z.B. auch ganz gut bei den Protesten im Netz gegen SOPA und ACTA gesehen.
Als das SOPA-Thema groß aufgegriffen wurde, hat das, was auf Social Media-Kanälen zu lesen war, die Gedanken vieler Menschen verändert. Das hat auch einen Einfluss auf die Bewusstseinsbildung in Europa gehabt. Dass die Ratifizierung von ACTA von Land zu Land gestoppt wurde, zum Beispiel. ACTA wurde enorm geschwächt. Vor einem Jahr wäre dasselbe ACTA sicherlich noch durchgegangen.

Ragaswami
Foto: Barbara Wimmer

Persönliche Nutzerdaten sind heutzutage die neue Währung im Netz. Wie wichtig ist hier die Privatsphäre?
Die Privatsphäre wird immer wichtig sein und berücksichtigt werden, aber man muss das Thema auch in einem größeren Kontext betrachten. Als Beispiel: Wenn ich auf eine Schulveranstaltung gehe und Leute ein Foto machen, es auf Facebook stellen und ich dann sage: „Ich will mein Gesicht rausgelöscht haben“. Das ist aber ein Ereignis, das so passiert ist, wie es passiert ist und da gibt es keine Dinge wie ein „Recht auf Vergessen“. Wenn ein Tag existiert, passiert dasselbe wie in der Vergangenheit auch. In der analogen Welt konnte man zwar sein persönliches Fotoalbum verbrennen, aber das Foto, das der Nachbar in seinem Album hat, konnte man nicht einfach vernichten. So funktioniert das Leben nicht.

Wie dann?
Die Idee ist die, dass man die Eigentumsrechte von manchen Datenarten sammeln muss. Es muss auch bilaterale oder multilaterale Eigentumsrechte geben. Die Privatsphäre des Einzelnen ist hier Teil eines alten Systems, wir müssen uns aber mit neuen Wegen beschäftigen, die Kollaboration und kollektive Intelligenz abbilden.

Die Interaktion von und mit Bürgern ist zum Beispiel immer wichtiger und mächtiger. Wir müssen neue Richtlinien und Gesetze kreieren, die genauso wichtig sind wie der Schutz der Privatsphäre. Die ist kein neues Ding, aber Kollaboration in dieser Form ist das sehr wohl.

Regeln für Kollaborationen sind also wichtiger als der Schutz der Privatsphäre?
Die Probleme, mit denen wir es heuzutage zu tun haben, sind eher global als individuell. Sie haben etwas mit dem Klimawandel zu tun, oder der Wasserqualität. Diese Probleme können aber nicht von einzelnen Ländern gelöst werden, sondern erfordern Kollaborationen über Ländergrenzen hinweg. Dafür brauchen wir Tools für Offenheit und Transparenz sowie Tools für Kollaborationen. Es wird schwierig, diese Tools zu entwickeln, wenn wir die Rechte der Privatperson in dem Ausmaß schützen, wie wir es jetzt tun. In vielen Bereichen verschwimmen die Grenzen, wir haben neben privaten und öffentlichen Daten auch noch Kommunaldaten, die mehr als einer Person gehören.

Sie beschäftigen Sie auch sehr stark mit Themen rund um die Erziehung. Was halten Sie vom iPad im Schuleinsatz? Das iPad basiert ja auf einem geschlossenen Ökosystem und einer Infrastruktur. Würden Sie stattdessen offene Geräte bevorzugen?
Ich glaube in offene Technologien. Über die Zeit hinweg werden offene Technologien und Plattformen immer gewinnen. Wenn ich mir den Bildungsbereich anschaue, ist das iPad sicherlich ein großartiges Instrument und ich habe bisher noch kein Tablet gesehen, das so gut ist wie das iPad. Aber mit der Zeit wird sich trotzdem die Offenheit durchsetzen. Denn nur so lassen sich die Kosten reduzieren und die Geräte werden finanzierbar. Ich möchte nämlich nicht in einer Welt leben, in der es eine digitale Kluft gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ganz Indien oder Afrika ein iPad besitzen wird. Bei offenen Tablets kann ich mir das sehr wohl vorstellen. Natürlich gibt es auch immer Risiken dabei, aber die Risiken der Geschlossenheit sind viel schlimmer.

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Zur Person:
Technologie-Visionär JP Rangaswami wurde in Calcutta in Indien geboren und verbrachte dort sein halbes Leben, bevor er nach Großbritannien emigriert ist. Heute ist er wissenschaftlicher Leiter beim US-Unternehmen Salesforce. Davor war er bei der British Telecom im selben Bereich tätig. Rangaswami gilt als Technologie-Visionär, er ist auch ein aktiver Blogger.

(futurezone) Erstellt am 12.03.2012, 00:00

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