Freie Daten für eine freie Gesellschaft

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Open Data
04/29/2011

"Weniger Politikverdrossenheit, mehr Demokratie"

Die vor etwas mehr als einem Jahr gegründete Initiative Open Goverment Data Austria (OGD Austria) setzt sich dafür ein, dass öffentliche Daten in menschen- und maschinenlesbarer Form frei verfügbar gemacht werden um mehr Bürgerbeteiligung und innovative Anwendungen durch die Wirtschaft zu ermöglichen. Die futurezone hat Martin Kaltenböck von OGD Austria zur Entwicklung von Open Data in Österreich befragt.

von Patrick Dax

Futurezone: Was versprechen Sie sich von der Öffnung von Regierungs- und Verwaltungsdaten?
Martin Kaltenböck: Die OGD Austria fordert, dass die seitens der öffentlichen Hand erhobenen (nicht personenbezogenen) Daten des öffentlichen Sektors in menschen- und maschinenlesbarer Form verfügbar gemacht werden, um eine Wiederverwendbarkeit möglichst breit und möglichst einfach zu gewährleisten.
Die Initiative soll in Kooperation mit der öffentlichen Hand und diversen Bundesämtern und Organisationen sowie der Politik erfolgen. Die Allgemeinheit soll diese Daten, die auf Basis von Steuergeldern erstellt worden sind, analysieren und hinterfragen können. Daneben soll auch Anwendungen und Apps darauf aufsetzen können. Verschiedene Datenbestände können zueinander in Beziehung gesetzt werden. So wird neues Wissen generiert. Das betrifft nicht nur die Bürger, sondern auch die Wirtschaft. Sie kann auf Basis dieser Daten neue Geschäftsmodelle entwickeln oder eigene Datenbestände mit offenen Regierungsdaten anreichern.

Offene Daten führen auch zu mehr Transparenz und letztlich zu weniger Politikverdrossenheit und mehr Demokratie. Sie zeigen, wie Entscheidungsgrundlagen im Bereich der Politik und der Verwaltung zustande gekommen sind. Diese Daten stärken darüber hinaus die Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung, den Bürgern und der Wirtschaft. Bürger und Wirtschaft können hier auch wieder etwas an die Verwaltung und Politik zurückgeben, etwa durch Crowd-Sourcing und ähnlichem.

Open Goverment Data Austria wurde vor etwas mehr als einem Jahr gegründet. Was hat sich seither getan?
Die Initiative wurde vor etwas über einem Jahr von Personen aus dem akademischen Umfeld gegründet und ist mittlerweile auf rund 100 bis 150 aktiv beteiligte Personen angewachsen. Diese kommen aus der Politik, aus der öffentlichen Verwaltung, aus der Wirtschaft und aus der Zivilgesellschaft. Wir haben sehr viele Gespräche mit Stakeholdern geführt, um zu sehen, wie der Stand und die Anforderungen zu Open Data in Österreich sind und haben uns auch international mit Initiativen aus Großbritannien, Holland, Spanien und Deutschland vernetzt. Wir haben uns angesehen, wie diese Prozesse dort ablaufen, was wir davon lernen und was wir gemeinsam auf die Beine stellen können. Am 16. Juni 2011 wird auch die erste österreichische Konferenz zu Open Government Data in Wien, die OGD2011, stattfinden. Im Sommer werden wir auch ein Weissbuch zum Thema Open Government Data in Österreich veröffentlichen.

In Österreich haben mittlerweile die Städte Wien und Linz Open Data Portale angekündigt. In einer ersten Phase sollen dabei Daten an zentralen Einstiegspunkten aufgemacht werden, die bereits vorhanden sind. Später sollen weitere Datenbestände dazu kommen und auch umfassende Angaben zur Weiterverwendung sowie auch verschiedene Formate und Schnittstellen und ähnliches bereitgestellt werden.

Was erwarten Sie sich von diesen Initiativen?
Ich finde es sehr schön, dass man unsere Anregung aufnimmt und bereits vorhandene Daten nimmt und schnell öffnet. Das ist ein wichtiges erstes Zeichen. Es geht aber auch darum, wie die Bevölkerung und die Wirtschaft eingeladen werden, diese Daten zu nutzen. Ich hoffe, dass möglichst rasch erste Anwendungen und Visualisierungen entstehen werden, die das Nutzungspotenzial dieser Daten aufzeigen.

Wie könnten solche Anwendungen aussehen?
Interessant wäre es etwa mit Gemeinderatsprotokollen und Wahlergebnissen eine App aufzusetzen, mit der sich überprüfen lässt, welche Abgeordneten sich wie oft für welche Themen einsetzen. Es gibt auch viele Möglichkeiten im Bereich der Infrastruktur, sus Geodaten und Statistiken können beispielsweise interessante Anwendungen entstehen. Etwa neuartige Veranstaltungskalender oder neue Immobilienanwendungen. Ich könnte auf Basis vorhandener Daten etwa erheben, wie es in einer Gegend, in der ich gerne wohnen würde, mit der Versorgung mit Kindergärten, Apotheken oder Ärzten steht. Ebenso können Umweltdaten mit Wetterdaten und Gesundheitsdaten in Anwendungen zielführend zusammengeführt werden, wie beispielsweise Vorsorgesysteme bei Ozonwerten oder Feinstaub und vieles mehr.

Wie wird es auf Bundesebene weitergehen?
Dort ist die Situation komplexer, weil die Datenhoheit auf die Bundesländer und die Gemeinden verteilt ist. Eine Stadt, die die Daten selbst erhoben hat, tut sich leichter. Ich sehe aber eine starke Sogwirkung. Das von der Bundesregierung gegründete Kompetenzzentrum Internetgesellschaft (KIG) hat als ersten wichtigen Schritt mittels Ministerratsbeschluss Offene Regierungsdaten als eines der Hauptthemen identifiziert und auch bereits eine Arbeitsgruppe zum Thema gebildet. Im Bund wird es länger dauern, aber ich hoffe, dass wir erste Ansätze des Bundes noch bis zum Jahresende sehen werden.

Welches wirtschaftliche Potenzial sehen Sie in Open Data?
Es gibt einerseits direkte wirtschaftliche Auswirkungen. Open Data kann man durchaus als Wirtschaftsförderung sehen, die zu Wirtschaftswachstum, Umsatzsteigerungen von Unternehmen und neuen Arbeitsplätzen führt. Wien ist laut einer Erhebung von 2010 nach London und München die drittgrößte IT-Stadt in Europa. Wir haben hier ein starkes Potenzial.

Ich sehe aber auch sehr stark indirekte wirtschaftliche Auswirkungen, wenn man etwa volkswirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. Nehmen wir zum Beispiel eine Applikation, die in Wien oder Linz Fahrradwege und Unfallstatistiken zusammenbringt und etwa visualisiert, welche Fahrradwege gefährlich sind. Das kann auch, als ein Beispiel von vielen, positive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem haben. Präventions-Anwendungen in den Bereichen Sicherheit, Verkehr oder Gesundheit können hier ebenso genannt werden...

Diese Daten sind aber nicht nur für die Bevölkerung und die Wirtschaft von Interesse. Es gibt auch in der Verwaltung, wie in jeder Organisation, viele Datensilos. Wenn die Verwaltung offene Standards verwendet, die es ermöglichen, die Daten in einen Kontext zu setzen, kann auch die Verwaltung mittel- und langfristig sehr viel Geld einsparen. Das ist ein durchaus ernstzunehmender wirtschaftlicher Aspekt.

Wo sehen Sie offene Punkte oder Hindernisse für Open Data in Österreich?
Dabei geht es vor allem um rechtliche Aspekte und die Frage, inwieweit in gesetzliche Rahmenbedingungen eingegriffen werden soll. Es gibt in Österreich etwa das Informationsweiterverwendungsgesetz (IWG). Momentan wird Information nur auf Anfrage bereitgestellt. Möglicherweise kann gesetzlich verankert werden, dass die Bereitstellung pro-aktiv erfolgen muss. Es geht aber auch um Haftungsausschlüsse und Haftungsbeschränkungen auf diese Daten, die ja vom öffentlichen Sektor erstellt und weitergegeben werden. Es ist auch zu diskutieren, was passiert, wenn die Daten fehlerhaft sind oder wenn Dritte Dinge mit den Daten machen, die nicht korrekt sind.

Es ist auch ganz wichtig soziale und gesellschaftliche Aspekte zu diskutieren, etwa das Wissen, Daten zu interpretieren und zu analysieren. Da gibt es sicherlich Nachholbedarf. Das ist auch eine Frage der Medienpädagogik. Die Datenanalyse ist im Bildungssystem ja noch nicht sehr stark verhaftet. In Großbritannien wollen etwa fünf Universitäten im Sommer 2011 Lehrgänge für Open Data Analysen anbieten. Auch die Lizenzierung der freigegebenen Daten muss noch besprochen werden.

Sehen Sie ein Spannungsverhältnis zum Datenschutz?
Das ist ein wichtiges Thema. Wenn man verschiedene nicht personenbezogene Daten zusammenbringt, kann man auch auf personenbezogene Daten Rückschlüsse ziehen. Wir arbeiten deshalb auch mit Datenschutzexperten zusammen und wollen der Verwaltung auch anbieten, bei der Lösung dieses Problems mitzuarbeiten.

Das muss zum Teil schon beim Sammeln der Daten und beim Aufbau der Datenbanken bedacht werden. Ich bin aber sicher, dass sich das Problem lösen lässt. Wir wollen mit der Öffnung von Verwaltungsdaten ganz sicher nicht nicht den Datenschutz hintergehen.

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Martin Kaltenböck ist CFO bei der Semantic Web Company Wien (SWC) und Mitbegründer und Mitglied im Executive Board der OGD Austria. Die Initiative setzt sich dafür ein öffentliche Daten in Menschen- und maschinenlesbarer Form der Bevölkerung und der Wirtschaft frei verfügbar zu machen. Am 16. Juni findet dazu in Wien die Konferenz OGD 2011 statt.

Links:
Open Government Data Austria
OGD 2011

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