Selbst Dildos spionieren mittlerweile ihre Nutzer aus

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Netzpolitik
10/13/2016

Wenn der Dildo Daten an Behörden liefert

Im digitalen Zeitalter sind Kunden Firmen völlig ausgeliefert. Was man dagegen tun kann und muss, diskutierten Wissenschaftler und Datenschützer in Zürich.

Wie verändert das Internet der Dinge unser Arbeits- und Privatleben? Müssen die Bürger sich in der digitalen Gesellschaft von Privatsphäre und Anonymität verabschieden? Auf diese und ähnliche Fragen versuchten Branchenvertreter beim alljährlich stattfindenden Zürcher Netzwerktreffen, das vom Future Network und der Schweizer Informatik Gesellschaft organisiert wurde, Antworten zu finden. Das Fazit fiel in einigen Vorträgen erstaunlich pessimistisch aus.

Dildo als Datenspion

Anknüpfend an seinen Vortrag im Vorjahr übte etwa Clemens Cap von der Universität Rostock einmal mehr Kritik an den „feudalen“ Verhältnissen zwischen Nutzern und den Technologiefirmen, die mit den persönlichen Daten ihrer Kunden Geld verdienen, diesen gleichzeitig aber jegliche informationelle Selbstbestimmung absprechen. „Bei all den Diskussionen geht es immer nur um das Geschäftsmodell der Firmen. Doch was ist mit dem Geschäftsmodell der Bürger? Wir befinden uns einfach nicht auf Augenhöhe“, stellte Cap fest.

Das beginne bei Flugbuchungen, wo Algorithmen im Hintergrund praktisch willkürlich Preise ausspucken und ende mit sehr persönlichen Geräten wie einem vernetzten Dildo, der Daten zur Nutzungsdauer und Temperatur sammle und diese laut den Nutzungsbedingungen an Behörden weitergebe, so Cap. „Wenn Privatunternehmen beginnen, im Auftrag der Behörden Menschen auszuspionieren, sind wir von einer Spitzelgesellschaft, wie es sie etwa in der DDR gegeben hat, nicht mehr weit entfernt“, kritisierte Cap. Verstärkt werde das Problem durch soziale Netzwerke wie Facebook, über die man durch die Auswertung der Daten von der politischen Einstellung bis zur sexuellen Orientierung praktisch alles über einen Bürger herausfinden kann.

Cap zufolge sind völlig neue Ansätze gefragt, um das Ungleichgewicht zwischen Nutzern und Firmen bzw. Geräteherstellern wieder ins Lot zu bringen. Warnhinweise wie „das Log-in gefährdet ihre Privatsphäre“ könnten ein erster Schritt zur Bewusstseinsbildung sein. Gleichzeitig sollten Firmen gesetzlich verpflichtet werden, Usern Einsicht in alle gesammelten persönlichen Daten zu gewähren und eine Löschung derselben zu ermöglichen.

Blockchain und Steuererlass

Vorstellbar für Cap sind auch Steuerbegünstigungen für Firmen, die datenschutzfreundliche Produkte anbieten. Hersteller sollten garantieren müssen, dass ihre Geräte auch ohne Nutzung von Services bzw. die Angabe von persönlichen Daten verwendet werden können. Die Verletzung der Privatsphäre, wie etwa auch die geschäftsmäßige Weitergabe von Daten sollte hingegen strafbar sein.

Technisch gesehen ist es für Cap auch denkbar, dass Daten nicht bei der Firma gespeichert werden, sondern von einer dritten, neutralen Anlaufstelle verwaltet werden. Über entsprechende Schnittstellen wird der Service wie gewohnt bereitgestellt. Eine Alternative könne die Verteilung der Daten anhand von Multiparty-Protokollen sein, die ein Missbrauch persönlicher Informationen durch einzelne Unternehmen ebenfalls verhindert oder zumindest erschwert. Blockchain-Technologien würden hier den Weg weisen.

Aufklärung 2.0

„Bürgerinnen und Bürger müssen nicht machtlos sein“, lautete hingegen das optimistischere Fazit von Christof Tschohl. Der Jurist und Datenschützer weiß, wovon er spricht, brachte er doch letztlich die umstrittene Vorratsdatenspeicherung in Österreich zu Fall brachte. Über 11.000 Personen hatten sich 2014 der Massenbeschwerde angeschlossen und erreicht, dass die damit verbundenen Bestimmungen aufgehoben werden mussten.

„Die Unmündigkeit ist teilweise aber auch selbstverschuldet“, sagte Tschohl mit einem Hinweis auf die Freizügigkeit und den vorauseilenden Gehorsam, mit der Daten in sozialen Netzwerken, aber auch mit Technologiefirmen geteilt werden. Angesichts der Entwicklung zu smarten Städten, in denen riesige Datenmengen nicht nur gesammelt, sondern auch ausgewertet werden, müsse man sich auf einen gemeinsamen Nenner verständigen, um Grundrechte wie die Informations- und Meinungsfreiheit, aber auch den Schutz der Privatsphäre nicht dem Fortschritt zu opfern.

„Ich hoffe sehr, dass wir in ein Aufklärungszeitalter 2.0 kommen, das neben der Smart City auch den smarten Bürger hervorbringt“, sagte Tschohl. Als Werterahmen für technologische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft schlug Tschohl eine Orientierung an den Menschenrechten vor. Diese seien global und auch online gültig und würden den Rechtsrahmen sowie die ethischen Grundsätze liefern, um die Digitalisierung der Gesellschaft weiterzutreiben und gleichzeitig die soziale Verantwortung und Wahrung der Menschenwürde zu gewährleisten.

Cognitive Computing als Hilfe

Wie intelligente Computersysteme der Menschheit künftig dienen und einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gesellschaft leisten können, führte Peter Buhler vom IBM Forschungslabor Rüschlikon aus. Damit aus der enormen Datenflut auch die richtigen Schlüsse gezogen werden können – etwa, um den Verkehr sicherer zu gestalten oder die medizinische Forschung voranzutreiben – seien selbstlernende, kognitive Computersysteme unumgänglich.

„Auf Facebook werden 55 Millionen Updates täglich gepostet, in New York fallen allein 520 Terabyte an Daten täglich durch Überwachungskameras an. Das Problem daran ist, dass diese Daten aus Informatikperspektive unstrukturiert sind und damit für herkömmliche Computersysteme nicht oder nur sehr schwer zum Verarbeiten geeignet sind“, erklärt Buhler. Über kognitiv agierende Systeme, die quasi menschliche Tugenden kopieren, und innerhalb gewisser Parameter eigenständig nach Lösungen für Probleme suchen, könne dieses Problem gelöst werden.

Mensch vs. Maschine

Damit etwa auch Roboter komplexe Aufgaben besser bewältigen können – Stichwort Industrie 4.0 – müsse die Interaktion mit Menschen besser funktionieren. Als Beispiel führte der IBM-Forscher einen Roboter an, der eine bislang unbekannte Tätigkeit lernt, indem er seinem menschlichen Gegenüber einige Fragen dazu stellt. In dem gezeigten Video handelte es sich zwar nur um den vermeintlich einfachen Befehl, der Roboterarm möge den Gegenstand vor ihm anstoßen. Dass Computer mittlerweile Anweisungen in natürlicher Sprache verstehen und auch im Kontext interpretieren können, war aber faszinierend und unheimlich zugleich.

Dass kognitive Computersysteme in absehbarer Zeit eine Bedrohung für den Menschen werden könnten, glaubt Buhler hingegen nicht. „Das Chaos in unseren Köpfen, das gleichzeitig auch unsere enorme Kreativität verursacht, konnte man bisher nicht in Computersystemen nachbilden oder durch diese ersetzen. Von daher denke ich nicht, dass kognitive Systeme uns als Menschheit gefährlich werden können. Vielmehr werden wir als Gesellschaft von ihnen profitieren, da wir durch sie Entscheidungen besser und intelligenter treffen können“, erklärte Buhler.

"Probleme der Menschheit ungelöst"

Auch Universitätsprofessor Dirk Helbing von der ETH Zürich zeigte sich in seiner Keynote davon überzeugt, dass intelligente Computersysteme uns helfen werden, die anstehenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen besser zu bewältigen. Wer jedoch glaube, dass Künstliche Intelligenz oder auch Big Data bzw. das Internet der Dinge alle Probleme lösen werde, liege falsch. „Allem technologischen Fortschritt zum Trotz sind sämtliche existenzielle Herausforderungen vom Klimawandel zur Finanz- und Wirtschaftskrise, von Kriegen, Massenflucht, Terrorismus bis zum generellen Mangel an nachhaltiger Entwicklung ungelöst“, lautete Helbings düsteres Fazit.

Während das Leben in den digitalen Filterblasen und die Aufbereitung personalisierter Inhalte durch Handy- und Computer-Dienste uns ein Stück weit ferngesteuert und unkreativ agieren lassen, sorgen scheinbar objektive Algorithmen dafür, dass diskriminierende Muster durch Technologie legitimiert werden. Zielführender als ein kontrollierender Top-down-Zugang seien folglich dezentrale Ansätze, in denen sich Systeme selber organisieren können. Helbing nannte als Beispiel das Ampelsystem einer Stadt. Um möglichst flüssige Verkehrsströme zu garantieren, sollten Ampeln folglich nicht von einer zentralen Stelle geschaltet werden, sondern sich der lokalen Verkehrssituation anpassen.

„Wir brauchen ein partizipatives Finanzsystem, in dem die Sharing Economy eine wichtige Rolle spielt, wie auch eine Verwaltung – Stichwort Governance 4.0 – wo Ideen und Lösungen auf Plattformen gesammelt, geteilt und in bestehende Prozesse integriert werden“, sagte Helbing. Als größte Herausforderungen neben dem Finanzsystem wertete Helbing die Situation auf dem Arbeitsmarkt, wo in absehbarer Zeit durch die digitale Transformation und die damit einhergehende Automatisierung 50 Prozent der heutigen Jobs wegfallen werden könnten. Auch eine ökologische Produktionswende sei angesichts der begrenzten Ressourcen auf der Erde unabdingbar.