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05.08.2018

Apple Airpods im Test: Hässlich, aber gut

Das Aussehen von Apples Drahtlos-Kopfhörer sorgt seit jeher für Spott. Davon abgesehen überzeugen sie fast uneingeschränkt.

Kein Produkt hat seit seiner Vorstellung im September 2016 für derart viel Häme und Spott gesorgt wie Apples Drahtlos-Kopfhörer Airpods. Bilder von Zahnbürsten und Tampons im Ohr machten schnell die Runde. Für Aufregung sorgten damals nicht nur die Anschaffungskosten um 179 Euro, sondern auch der Umstand, dass Apple beim iPhone 7 erstmals den Kopfhörer-Klinkenanschluss strich. Dazu kamen Produktionsprobleme, die den Verkaufsstart verzögerten.

Verkaufsschlager

Gut eineinhalb Jahre nach der Präsentation hat Apple alle Kritiker wieder einmal Lügen gestraft. Die Airpods verkaufen sich hervorragend. Selbst wenn Schätzungen, wonach sie im Jahr 2017 für 85 Prozent der Einnahmen im US-Markt der Drahtloskopfhörer verantwortlich waren, mit Vorsicht zu genießen sind, sprechen auch Apples Quartalszahlen eine deutliche Sprache. Die Produktkategorie, der die Airpods, aber auch die Apple Watch zugerechnet werden, wuchs allein im dritten Quartal 2018 um 37 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Auch ich habe die Kopfhörer aufgrund ihres Aussehens und des hohen Preises bisher gemieden. Im Rahmen eines umfangreichen futurezone-Vergleichstests von Drahtlos-Kopfhörern bekam ich spät, aber doch, nun endlich die Chance, die Airpods ausgiebig zu testen. Sie in der U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder im Zug zu tragen, kostete mich zwar einige Überwindung, was vielleicht mehr über meine Eitelkeit als das fragwürdige Design der Kopfhörer aussagt. Belohnt wurde ich von den Airpods aber mit gutem Klang, hervorragender Akkudauer und perfekter Bluetooth-Verbindung.

Set-up und Verarbeitung

Das Einrichten der Airpods dauert tatsächlich nur wenige Sekunden. Man klappt das schick gestaltete weiße Case auf, in dem die Kopfhörer mit magnetischer Fixierung verstaut werden, und im nächsten Moment zeigt das iPhone Akku-Level von Case und Kopfhörer an. Das Case liegt durch die abgerundeten Kanten angenehm in der Hand und lässt sich gut auf- und zuklappen.

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Die Kopfhörer sind in einer leicht erhöhten Fassung gut geschützt, in der rundherum verlaufenden Rille sammelt sich allerdings leicht Schmutz und Staub an. Auch zerkratzt die weiße Plastikoberfläche des Case leicht, was angesichts der weißen Farbe allerdings nicht so sehr ins Gewicht fällt.

Einer der größten Pluspunkte der Apple-Lösung ist die Verwendung des Apple-eigenen Drahtlos-Chip W1. Dieser garantiert das problemlose Koppeln über Bluetooth. Im Test kam es zudem kein einziges Mal zu einem Aussetzer bei der Verbindung, auch wenn man unterwegs durch die Stadt zu Fuß geht oder mit der U-Bahn fährt und theoretisch vielen Störsignalen ausgesetzt ist. Die Reichweite zum iPhone betrug im offenen Großraumbüro 25 bis 30 Meter.

Guter Klang

Der Sound der Airpods ist ausgewogen. Die Höhen sind klar ausgeprägt. Der Bass ist vorhanden, aber unaufdringlich, was mir persönlich lieber ist als ein starkes Wummern, das alles zudröhnt. Die Abschirmung nach außen ist recht gering, was hilft, um als Fußgänger Autos und Straßenbahnen wahrzunehmen.

In Umgebungen wie im Zug oder Büro muss man allerdings recht laut hören, um die Umgebungsgeräusche zu übertönen. Alles in allem klingen die Airpods auch etwa besser als die herkömmlichen weißen Apple-Kopfhörer - die Sound-Charakteristik ist gleichgeblieben.

Akku-Leistung

Die Akku-Dauer ist tatsächlich ausgezeichnet. Apple verspricht bis zu fünf Stunden Musikhören pro Aufladen und durch Nachladen über das Case über 24 Stunden. Im Test bestätigten sich diese Angaben. Die Kombination mit Akku-Case, wo die Airpods automatisch aufgeladen werden, wenn man sie verstaut, funktioniert perfekt.

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Das garantiert in der Praxis tagelanges Hören, gerade wenn man die Kopfhörer nur auf dem Weg zur Arbeit nutzt. Gut gelöst ist auch, dass die Airpods schon nach wenigen Minuten Aufladen im Case erneut stundenlang verwendet werden können. Nach zehn Minuten im Case zeigten die Airpods knapp über 80 Prozent Ladung. Allein der Umstand, dass man bei der täglichen Benutzung praktisch nie über das Aufladen nachdenkt, zeigt, dass Apple diesen Nachteil zu kabelgebundenen Kopfhörern gut gelöst hat.

Smartness-Faktor und Siri

Die Bewegungserkennung beim Aufsetzen oder Herausnehmen der Airpods funktionierte im Test sehr zuverlässig. Verbesserungsbedarf gibt es aber beim Antippen der Kopfhörer, um Siri zu aktivieren oder die Musik pausieren zu lassen. Nicht immer reagierte der Kopfhörer sofort auf das doppelte Tippen. Gut wäre auch eine haptische Funktion, um die Lautstärke zu regeln. Das geht aktuell nur über das iPhone oder ein anderes mit Bluetooth angebundenes Gerät selbst.

Die Möglichkeit, Siri über die Kopfhörer zu nutzen, ist ein Verkaufsargument, das Apple selbst auch immer wieder anführt. Das funktioniert nicht schlechter oder besser als am iPhone auch. Wo Siri also aktuell schon versagt, tut sie es über die Airpods auch.

Dass Apples Sprachassistent im Deutschen schon beim Abspielen von „Florence and the Machine“ scheitert, weil er es auf „Florenz Ente Maschinen“ ausbessert, ist tatsächlich ein schlechter Witz. Auch Telefonieren und sonstige Ansagen funktionieren so gut oder schlecht, wie Siri eben funktioniert.

Dabei hat Siri über die Kopfhörer definitiv Potenzial. Denn dadurch, dass Siri im Kopfhörer antwortet und von der Umgebung nicht gehört wird, ist die Überwindung geringer, den Dienst zu nutzen. Problematisch wird es aber, wenn man unterwegs ist, weil Siri die Anweisungen dann noch schlechter versteht als sonst. In einem lauten Regionalzug kapitulierte der Dienst überhaupt komplett. Das deutet darauf hin, dass das von Apple gepriesene Wegfiltern von Umgebungsgeräuschen noch nicht optimal gelöst ist.

Telefonie

Das Unvermögen, Umgebungsgeräusche gut wegzufiltern, wird gerade beim Telefonieren zum Problem. Das ist ein Thema, mit dem alle kabellosen kleinen Kopfhörer zu kämpfen haben. Ist es um einen herum ruhig, ist die Soundqualität akzeptabel. Aber selbst, wenn man die Airpods zuhause nutzen möchte, hat man wenig Spielraum. Entfernt sich der Träger auch nur einen Meter vom iPhone, fällt die Sprachqualität für den Empfänger am anderen Ende extrem schnell ab. Da hat Apple definitiv noch Luft nach oben.

Positiv zu erwähnen ist, dass die Airpods sowohl rechts als auch links ein Mikrofon eingebaut haben. In den Einstellungen kann man feststellen, welche Seite beim Telefonieren auf das Mikrofon zugreift. Durch diese Funktion kann man etwa einen Arbeitskollegen bei einem wichtigen Gespräch über den anderen Kopfhörer mithören lassen.

Design und Passform

Das Aussehen der Airpods ist und bleibt einer der umstrittensten Punkte. So schick und cool das weiße Case, aber auch die Kopfhörer an sich aussehen, so seltsam und unfreiwillig komisch wirken die Airpods an den Ohren ihrer Träger. Kein elektronisches Gadget hat in meinem erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis in den vergangenen Jahren derart negative Reaktionen ausgelöst, wie die weißen kleinen Dinger.

Dass diese lange Zeit nur vereinzelt, nun aber immer häufiger auf offener Straße, in U-Bahn, Flugzeug, Zug oder im Freibad zu sehen sind, deutet darauf hin, dass Apples Strategie dennoch aufgeht. Das eigenwillige Design hat zumindest einen entscheidenden Vorteil: die Airpods fallen – wie schon zu iPod-Zeiten die weißen Kopfhörer – extrem auf und machen die Kopfhörer aktuell zu dem Apple-Produkt mit größtem Wiedererkennungswert.

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Was die Passform der Kopfhörer betrifft, hatte ich diesbezüglich überhaupt keine Probleme. Die Gefahr, dass sie herausfallen, war in meinem Fall nicht gegeben. Wem etwa die kabelgebundenen iPhone-Kopfhörer gut passen, kann bei den Airpods bedenkenlos zugreifen. Auch stundenlanges Musikhören ist ohne Schmerzmittel möglich. Ob die Kopfhörer auch bei Erschütterungen wie beim Joggen problemlos getragen werden können, hängt wohl auch von der Kopfform des Trägers ab.

Fazit

Für Apple-User, die über ein iPhone verfügen, sind die Airpods nicht zuletzt wegen der optimalen Abstimmung durch den Apple-eigenen W1-Chip wohl die geschmeidigste und zuverlässigste Wahl in der Produktkategorie. Die Akkuleistung sowie die Lösung mit dem Case ist vorbildhaft und auch am Sound sowie dem Sitz gibt es wenig auszusetzen. Siri ist ein Bonus, sollte aber nicht der entscheidende Grund für den Kauf sein.

Generell gibt es bei den smarten Funktionen, aber auch bei der Audioqualität während Telefonate noch Luft nach oben. Als größtes Manko empfinde ich auch fast zwei Jahre nach der Präsentation weiterhin das sehr eigenwillige Design. Auch die schlechte Filterung von Außengeräuschen ist ein Thema, das Apple mit der vielleicht schon Ende 2018 erwarteten neuen Airpods-Version ausbessern könnte. Der Preis von 179 Euro ist für die gute Verarbeitungsqualität in Ordnung, wird aber weiterhin einige Käufer abschrecken.

Wer sich überlegt, die Airpods jetzt zuzulegen, muss sich im Klaren sein, dass Apple im Herbst eine Nachfolgerversion präsentieren könnte. Das Case wird dann über Induktion und Ladematte aufladbar werden. Die neuen Airpods sollen zudem spritzwassergeschützt sein. Ob weitere kolportierte Funktionen wie Noise Cancelling tatsächlich auch in den kleinen Airpods umgesetzt werden können, bleibt abzuwarten. Manche Branchenkenner rechnen auch damit, dass Apple erst 2019 eine neue Version auf den Markt bringen wird.