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09.07.2018

“NFC-Bezahlverfahren funktionieren nicht"

Während Apple Pay auf sich warten lässt, will eine österreichische Bezahl-App nach chinesischem Vorbild die Lücke füllen.

Wer hierzulande auf Apple Pay oder Google Pay wartet, muss sich wohl noch länger in Geduld üben. Wie zahlreiche Nachfragen der futurezone bei den US-Konzernen und heimischen Banken zeigen, gibt es derzeit kaum Bewegung in diesem Bereich. Auch die Tatsache, dass Google Pay kürzlich im Nachbarland Deutschland an den Start ging, änderte wenig an der Situation. Diese Starre wollen nun andere Dienste zu ihrem Vorteil nutzen, allen voran Blue Code.

Der mobile Bezahldienst bietet seine App-Lösung bereits seit 2012 an. Im Gegensatz zur Konkurrenz von Apple und Google setzt man auf Strichcodes statt NFC. An der Kassa wird der am Smartphone angezeigte Strichcode gescannt, der Betrag wird vom verknüpften Bankkonto abgebucht. Der Dienst ging aus dem Tiroler Start-up Secure Payment Technologies hervor, das bereits 2012 mit “VeroPay” in Tiroler Filialen der Supermarktkette MPREIS startete.

“Jetzt haben wir zwischen 70 und 80 Member-Banken. In Österreich sind wir bei 85 Prozent des Lebensmittelhandels, bei dem man mit Blue Code bezahlen kann”, erklärt “Blue Code”-CEO Christian Pirkner im Gespräch mit der futurezone. Künftig will man deutlich schneller wachsen. Dafür hat man sich Zahlungsdienstleister wie Visa und Mastercard als Vorbild genommen und ein sogenanntes “Payment Scheme” ausgearbeitet. Banken und Händler müssen künftig nur mehr das Regelwerk akzeptieren, um Teil des Blue-Code-Netzwerkes zu werden. Zuvor mussten alle Partner miteinander Verträge abschließen, wodurch das Wachstum mit großem Aufwand verbunden war.

“Von diesen Payment Schemes gibt es nur sechs Stück auf der ganzen Welt. Mit den deutschen und österreichischen Banken ist es das einzige Mobile-Payment-System, das grenzübergreifende Bezahlung ermöglicht und nicht in Bankenhand ist”, sagt Pirkner gegenüber der futurezone. “Wenn eine Bank oder eine Händler-Bank mitmachen will, muss sie nur ein Beitrittspapier von drei Seiten unterschreiben und kann in anderen Ländern aufscheinen. Wir haben Aktivitäten in Spanien, Irland, Frankreich, Skandinavien, Italien und Griechenland. Jetzt kann und darf das wachsen, ohne dass die Banken untereinander irgendwelche Verträge brauchen.”

Den Anstoß für die Entwicklung eines “Payment Scheme” lieferte die deutsche Sparkasse, die mit 50 Millionen Kunden die größte Retail-Bankengruppe Deutschlands ist. “Sie haben gesagt, sie würden nur mitmachen, wenn es sich europaweit skalieren lässt. Es muss die Chance haben, ein europäisches Regelwerk zu werden.” Auf das Regelwerk folgte eine achtmonatige Probephase, bei der der Bezahldienst auf dem Oktoberfest, bei Bundesliga-Spielen im Kölner Stadion sowie der Supermarktkette Globus zum Einsatz kam. “Dabei waren die Ergebnisse so gut, dass jetzt der Roll-out erfolgen wird”, sagt Pirkner und verweist darauf, dass Blue Code künftig auch in die Sparkassen-App integriert werden soll. Damit gibt die Sparkasse offenbar Blue Code den Vorzug gegenüber Google Pay, an dem man sich vorerst nicht beteiligt. Auch die Raiffeisenlandesbank Oberösterreich kündigte kürzlich an, dass sie sich am Payment Scheme von Blue Code beteiligen wird.

Pirkner versteht die Skepsis heimischer Banken gegenüber Apple und Google. Die US-Konzerne würden auf diesem Weg einfach an wertvolle Zahlungsdaten und Kundenbeziehungen gelangen und könnten langfristig den Mittelsmann – die Bank oder den Kartenanbieter – ausschalten. „Die Amerikaner machen es schon richtig, sie spielen Europa richtig an die Wand“, sagt Pirkner, der auch vor der US-Regierung warnt. „Seit Donald Trump Präsident ist, ist der Zuspruch für europäische Lösungen enorm gewachsen. Er betreibt Wirtschaftskriege mit Zöllen, da können wir noch zurückschlagen. Aber wenn er zum Beispiel eine Executive Order verhängt, wonach für alle US-Zahlsysteme ein Cent "America First"-Fee fällig wird, sind wir fertig. Da hat Europa keine Chance und wir zahlen die nächsten paar Jahrzehnte Milliarden über den Teich.“

Erschwerend kommen die seit Jänner gültigen EU-Zahlungsrichtlinien PSD2 hinzu, die Banken vorschreiben, Schnittstellen für Zahlungsdienstleister einzurichten. Obwohl damit eigentlich FinTechs wie Blue Code gestärkt werden sollten, sieht Pirkner die Maßnahme kritisch. “Damit dürfen diese Drittparteien ohne Zustimmung der Bank einfach aufs Konto schauen. Da muss der Kunde nur noch das Log-in für das Online-Banking eingeben, und schon dürften Apple oder Google 90 Tage Zahlungshistorie begutachten. Das ist für die Amerikaner natürlich Gold wert.” Derzeit haben die Banken für die Umsetzung noch Schonfrist bis September 2019. Pirkner will die Zeit bis dahin nutzen, um eine “europäische Alternative” zu den US-Bezahldiensten aufzubauen.

China dominiert Mobile Payment

Dabei setzt man weiterhin auf das simple Strichcode-Verfahren. “Ich kenne kein NFC-Verfahren, das irgendwie wirklich funktioniert”, sagt Pirkner und verweist vor allem auf den chinesischen Markt. Dort hat sich Mobile Payment dank der QR-Code-basierten AliPay und WeChat Pay innerhalb weniger Jahre vom Nischenprodukt zur bevorzugten Bezahlmethode entwickelt. “Die einzigen erfolgreichen mobilen Bezahlverfahren auf dieser Welt sind Systeme mit Strichcode am Smartphone, die mit Kundenprogrammen und Mehrwerten verknüpft sind, wie Starbucks Pay, Alipay, WeChat Pay, Chase Pay und Walmart Pay.” Allein von Jänner bis Oktober 2017 wurden laut chinesischer Behörden über mobile Bezahldienste mehr als 10,5 Billionen Euro umgesetzt. Zum Vergleich: In den USA bewegt sich der Umsatz mit mobilen Bezahldiensten, je nach Schätzungen, zwischen 50 und 100 Milliarden US-Dollar.

CHINA-ROAD-ALIPAY

Deswegen orientiert sich Blue Code nun verstärkt an den chinesischen Vorbildern, die mehr als nur Bezahldienste sind. Die über das Bezahlverhalten gesammelten Daten werden genutzt, um gezielt Dienstleistungen und Produkte anzubieten. Auch Blue Code will langfristig zu “einer Art App Store werden, wo das Payment so gut verpackt ist, dass es fast untergeht”. Den Anfang sollen vor allem Kundenkarten und Stempelkarten für den Einzelhandel machen, zudem soll Blue Code auch als White-Label-Lösung in Apps von Partnern eingebaut werden.

Zuletzt suchte man auch die Nähe zur Konkurrenz aus China. Im Mai wurde verkündet, dass Blue Code offizieller “Systemintegrator” für Alipay wird. “Beide Systeme setzen auf einen Strichcode am Mobiltelefon, der an der Kasse eingescannt wird. Wenn Blue Code bei einem Händler ins Kassenystem integriert ist, haben wir alles so aufbereitet, dass wir, wenn es der Händler es möchte, auch AliPay-Codes aufsaugen können”, erklärt Pirkner. So sollen Touristen aus China auch in Österreich bezahlen können. “Wien ist die drittwichtigste Destination in Europa für chinesische Touristen, nach London und Paris.” Diese würden im Durchschnitt “pro Shopping-Tour 120 Euro” ausgeben, weswegen sich die Integration für Händler durchaus lohnen kann. Mit diesem Nebengeschäft soll auch die internationale Expansion von Blue Code vorangetrieben werden.

“In Spanien, Italien und anderen Ländern gibt es Blue Code zwar noch nicht, aber wir bauen AliPay dort bereits als Systemintegrator in die Kassen ein. Damit wird dort auch Blue Code möglich.” Laut Pirkner wird noch dieses Jahr “mindestens eines der Länder live gehen, vielleicht auch zwei”.