Auf dem Fairphone ist die App „Genießen Sie Die Ruhe“ vorinstalliert, mit der man für eine voreingestellte Zeit offline gehen kann.

© Gregor Gruber

Fairphone im Test: Charmantes Handy mit Defiziten
01/31/2014

Fairphone im Test: Charmantes Handy mit Defiziten

Das ambitionierte Projekt, das erste fair produzierte Smartphone der Welt anzubieten, resultiert in einem sympathischen Mittelklasse-Gerät mit mäßigem Display.

von Gregor Gruber

Die niederländische Initiative Fairphone hat ihr erstes Gerät für 325 Euro veröffentlicht und alle 25.000 Stück der ersten Charge verkauft. Im Gegensatz zu den millionenfach produzierten Geräten der großen Hersteller, wird versucht beim Fairphone möglichst viele Komponenten fair zu bauen (die futurezone berichtete).

Dafür wurden nicht nur Fertigungsbetriebe und Zulieferer mit gerechten Arbeitsbedingungen ausgewählt, sondern auch Verträge mit unabhängigen Minen in Afrika abgeschlossen, um „konfliktfreie Rohstoffe“ zu beziehen.

Völlig fair ist das erste Fairphone nicht, wie auch die Initiatoren des Projekts im Vorfeld angekündigt haben. Es sei jedoch ein Schritt in die richtige Richtung und Fairphone wird weiter versuchen, Verträge mit unabhängigen Minen und Herstellern von Komponenten mit guten Arbeitsbedingungen abzuschließen.

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Charmant

Das Fairphone will nicht nur fair zu den Menschen, die an der Produktion beteiligt sind, sein, sondern auch zur Umwelt. Verpackt kommt es im simplen Karton aus Recycling-Material. Auf ein Ladegerät, Kopfhörer oder anderes Zubehör wird standardmäßig verzichtet, da man dies höchstwahrscheinlich ohnehin schon von anderen Handys zuhause hat. Bei der Bestellung konnte man ein optional ein USB-Ladekabel anfordern.

Sehr charmant ist, wie die Fairphone-Macher die Besitzer des Smartphones ansprechen. Schon auf der Verpackung wird man mit „This is Your Phone“ gegrüßt. Nimmt man es aus der Packung, liest man darunter „This is your User Guide“. Die Schutzfolie über dem Display des Smartphones weist darauf hin, dass das Handy nicht nur außen, sondern auch innen schön ist und zeigt mit einem Pfeil, an welcher Stelle man den Akkudeckel abnimmt.

Auf der Innenseite des Akkudeckels der First Edition ist eine Gravur, die den Käufer und 10.185 anderen Personen für die Hilfe beim Verwirklichen des Projekts dankt. Der Akku ist mit „This is your Battery“ ebenso beschriftet, wie die Innenseite des Smartphones. Mit Text und Pfeilen wird auf die zwei SIM-Karten-Slots und den MicroSD-Slot hingewiesen.

Schön und schwer

Mit 170 Gramm und einer Dicke von 10 mm ist das Fairphone für ein aktuelles Mittelklasse-Handy relativ dick und schwer ausgefallen. Dafür kann es aber mit einer Verarbeitung aufwarten, die andere Smartphones in dieser Klasse nicht bieten. Die Spaltmaße sind sehr gering, der weiße Plastikrahmen schließt fast perfekt mit der Verglasung ab.

Es gibt keine scharfen Kanten und kein Material erweckt den Eindruck eines Billig-Produkts. Der abnehmbare, silberne Metall-Deckel an der Rückseite schließt perfekt mit dem Plastik-Gehäuse ab und ist ein zusätzlicher Hingucker, der das Fairphone von anderen Geräten abhebt.

Nicht optimal gelöst ist die Wölbung der Kameralinse und des rückseitigen Lautsprechers. Dadurch liegt das Smartphone nicht flach auf dem Tisch auf und wackelt lautstark, wenn man etwa in dieser Lage eine SMS tippt. Die Lautstärken-Tasten an der linken Seite sind gut zu erreichen.

Aufgrund der Dicke des Fairphones ist die Standby-Taste an der Oberseite bei der einhändigen Bedienung nicht ganz komfortabel zu erreichen. Eine Platzierung auf der Seite wäre besser gewesen.

Schwaches Display

Das Display ist die Schwachstelle des Fairphones. Während aktuelle Mittelklasse-Handys, die teilweise um 100 Euro günstiger sind, auf 720p-Bildschirme setzen, löst das Fairphone mit 960 x 540 Pixel auf. Dadurch sieht alles ein wenig grieselig aus, was man speziell bei größeren, einfärbigen Flächen und den Ecken der App-Icons sieht.

Die Farbdarstellung des Displays ist sehr gut – kräftig, ohne Übersättigung. Weiß sieht sauber aus, Schwarz geht, wie bei vielen LCD-Bildschirmen, ins Gräuliche. Die maximale Helligkeit ist gut. Nicht gut ist, dass bei hellen Flächen und direktem Lichteinfall die Punkte des leitfähigen Musters für die Touch-Funktion sichtbar sind. Bei dunklen Flächen fallen diese nicht auf.

Die Betrachtungswinkel des Displays sind weder besonders schlecht noch gut. Für den Alltagsgebrauch reicht es jedenfalls.

Software

Das Fairphone nutzt als Betriebssystem Fairphone OS, eine Oberfläche für Android 4.2.2. Da Fairphone die Lizensierung von Google nicht rechtzeitig erhalten hat, sind keine Google Apps vorinstalliert. Auf dem Homescreen ist ein Installer, der unproblematisch den Play Store und einige andere Apps installiert. Maps, Musik und diverse andere Google-Apps werden nicht automatisch installiert, müssen also extra über den Play Store oder als APK heruntergeladen werden.

Fairphone OS verzichtet auf die App-Shortcut-Leiste, die üblicherweise bei Android am unteren Bildschirmrand ist. Auch auf einen unnötigen „Sicherheitsabstand“ zwischen Status-Leiste und Homescreen wird verzichtet. Dadurch bietet der Homescreen einen Raster für 4 x 6 App-Icons – trotz niedrig-auflösendem 4,3 Zoll Display. Samsungs Galaxy S4 mit FullHD 5 Zoll Display bietet nur Platz für 4 x 4 App-Icons.

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Features und Root

Die Shortcut-Leiste erscheint beim Fairphone, wenn vom linken oder rechten Bildschirmrand nach innen gewischt wird. In der Mitte ist fix der Shortcut für das App-Menü, die vier anderen können frei belegt werden.

Mit „Genießen Sie Die Ruhe“ (als Peace of Mind im Play Store verfügbar) ist eine App vorinstalliert, die das Smartphone in den Flugzeug-Modus versetzt und es nach einer gewählten Zeitspanne von bis zu 3 Stunden wieder online gehen lässt. So soll man sich auch mal eine Auszeit von „immer on“ nehmen können. In eine ähnliche Richtung geht „Ein-/Abschaltung nach Zeitplan“ in den Einstellungen. Hier kann das Smartphone auf Wunsch an bestimmten oder jedem Tag zu einer gewählten Uhrzeit aus- und eingeschaltet werden.

Das „Your Apps“ Widget nimmt einen gesamten Homescreen ein. Es besteht aus einem Shortcut zur Apps-Liste, zeigt die 5 zuletzt genutzten und die 5 meistgenutzten Apps an. Ein weiteres Extra in Fairphone OS verändert die Farbe des Sperrbildschirms je nachdem, wie viel Akkukapazität noch vorhanden ist.

Das Fairphone bietet einen einfachen Zugriff auf Superuser-Rechte, ohne, dass das Gerät gerootet werden muss. Dies kann noch nicht zur Gänze ausgenutzt werden. Noch wurden nicht alle Treiber für den im Fairphone verbauten Mediatek 6589 Chip veröffentlicht, weshalb das Installieren eines anderen Betriebssystems im Moment wenig Sinn macht.

Ausstattung

Das Fairphone hat 16 GB Speicher und einen MicroSD-Slot. Zudem hat es 2 SIM-Karten-Slots. In den Einstellungen kann unter „SIM-Verwaltung“ gewählt werden, welche SIM-Karte für Sprachanrufe, Videoanrufe, SMS/MMS und die Datenverbindung genutzt werden soll.

Auf NFC muss man verzichten, dafür ist aber eine LED-Benachrichtigungsleuchte vorhanden. Diese ist etwas klein ausgefallen, weshalb man das grüne Blinken bei einer eingetroffenen Nachricht schon mal übersieht. Die 3 Softtouch-Tasten sind nicht beleuchtet. Geladen wird das Fairphone über einen Micro-USB-Anschluss.

Der Akku ist austauschbar. Andere Komponenten wurden so gewählt, dass sie einfach repariert bzw. ersetzt werden können. So wurde etwa auf eine Verklebung zwischen Touchscreen und Glas verzichtet. Sollte das Glas brechen, muss nur dieses und nicht das ganze Display ausgetauscht werden.

Leistung

Der Akku hält bei durchschnittlicher Nutzung einen Tag durch. Verzichtet man auf die Kamera und Spiele, sind eineinhalb Tage möglich. Das Fairphone unterstützt kein 4G/LTE. Ein SIM-Karten-Slot beherrscht 3G, der andere nur 2G.

Für ein aktuelles Smartphone ist die Empfangsleistung des Fairphones ausgesprochen gut. In den getesteten Orten in Wien ist sie besser als mit dem HTC One und Samsung Galaxy S4. Die Sprachqualität ist in Ordnung. Zwar gibt es keine Störungen, dafür klingt die Stimme des Gesprächspartners etwas dumpf.

Vor dem ersten Software-Update, welches Ende Jänner veröffentlicht wurde, litt das Fairphone unter vielen Fehlern. So konnten etwa Schaltflächen nicht mehr angetippt werden, bis das Smartphone neu gestartet wurde und in der Mail-App kam es regelmäßig zu System Freezes. Mit dem Update sind viele dieser Fehler nicht mehr aufgetreten.

Das Fairphone ist überraschend schnell. Google Maps und Surfen auf aufwendigen Websites ist kein Problem, auch die Ladezeiten von Apps sind nicht übermäßig lang. Nur das Wechseln von einer aufwendigen App zum Homescreen kann schon mal 2 Sekunden dauern. Wunder darf man sich von der Hardware aber nicht erwarten: So ruckelt etwa Real Racing 3 unschön. Hingegen ist Angry Birds Go mit reduzierter Grafikqualität flüssig spielbar.

Benchmarks

Die Benchmarks liefern folgende Ergebnisse:

AnTuTu: 13221 Quadrant: 4890 Vellamo HTML5: 1480 Vellamo Metal: 425

Kamera

Die Kamera-App ist vorbildlich. Sie bietet folgende Modi: HDR, Beauty, Panorama, Szenen und eine Art Wackelbild. Bei Letzterem bewegt man das Smartphone rund um das Motiv. Ist die Aufnahme fertig, kann man in der Galerie durch Kippen des Smartphones nach links oder rechts virtuell um das Motiv herumgehen. Leider ist der Winkel nur eingeschränkt, man kann sich also nicht komplett um das Motiv bewegen – dennoch ist es eine nette Spielerei.

Eine Serienbilder-Funktion ist ebenfalls vorhanden. Im schnellen Modus werden bis zu 40 Bilder in kurzer Folge gemacht, wenn man mit dem Finger am Auslöser bleibt. Weiters gibt es eine Gesichts- und Lächelerkennung, Belichtungskorrektur, Farbeffekte, Weißabgleich und einige Bildparameter, wie Schärfe und Kontrast, in drei Stufen einzustellen.

Die Resultate der 8 Megapixel-Kamera können nicht gänzlich überzeugen. Viele Fotos sind unscharf, zu dunkel und weisen Kompressionsartefakte auf, was die Details reduziert. Immerhin tritt nach dem Software-Update der Rotstich bei Fotos nicht mehr auf.

Videos werden in 720p aufgenommen. Auch hier gibt es gelegentlich ein Schärfe/Fokusproblem. In der Kamera-App können verschiedene Effekte für Videos gewählt werden, die aber entweder nicht richtig funktionieren oder die App zum Absturz bringen.

Fazit

Das Fairphone ist sympathisch, kann aber gelegentlich auch nerven. Es wirkt, als wäre es zu früh veröffentlicht worden. Das erste Software-Update behebt zwar einige, aber nicht alle Fehler. Weitere Updates werden hoffentlich auch die noch vorhandenen Bugs eliminieren.

Abgesehen davon ist das Fairphone ein gutes Mittelklasse-Handy mit mäßigem Display, das auch das Gewissen von Globalisierungs-Kritikern etwas erleichtert. Die erste Charge der Fairphones ist ausverkauft, auf der Website kann man Interesse für die nächste Produktionsreihe bekunden. Ob dasselbe Gerät noch einmal produziert wird oder bereits an einem Nachfolgemodell mit besserem Display gearbeitet wird, ist noch nicht bekannt.

Technische Daten

Modell: Fairphone FP1Display: 4,3 Zoll LCD - 960 x 540 Pixel (256 ppi)Prozessor: Mediatek MT6589M, Quad Core, 1,2 GHzRAM: 1 GBSpeicher: 16 GB intern, MicroSD-Karte für bis zu 64 GBBetriebssystem: Android 4.2.2 mit Fairphone OS OberflächeAnschlüsse/Extras: Micro-USB, 3,5mm Klinke, WLAN (b/g/n), Bluetooth 4.0, Dual SIM SlotAkku: 2.000 mAhKamera: 8 Megapixel (Hauptkamera), 1,3 MP (Frontkamera)Videos: Aufnahme in 720pMaße: 126 x 63,5 x 10 mm, 170 GrammPreis: 325 Euro (UVP)Link:Technische Daten auf der Website des Herstellers

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