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04.03.2012

Hohes Frustpotenzial: Windows 8 Preview im Test

Das Interesse an Microsofts kommendem Betriebssystem Windows 8 ist gigantisch. Innerhalb nur eines Tages nach Freigabe der Consumer Preview vergangenen Mittwoch wurde diese eine über eine Million mal heruntergeladen. Die futurezone hat die Veränderungen seit der Developer Version im September 2011 unter die Lupe genommen. Das Fazit bleibt leider weiterhin zwiespältig.

Wie beim ausführlichen Test der Entwickler-Vorabversion (zum Artikel) kam auch dieses Mal ein Samsung Slate PC der 7er-Serie zum Einsatz. Dieser eignet sich gut zum Testen von Windows 8, da er sowohl als touchbasiertes Windows-Tablet als auch per Maus und Keyboard wie ein kleines Notebook verwendet werden kann. Das Upgrade von Windows 7 auf Windows 8 funktionierte in wenigen Minuten. Aufgrund der nur 64 Gigabyte SSD-Platte wurde auf das Übernehmen von Einstellungen und personalisierten Windows-7-Komponenten verzichtet.

Windows 8 in Bildern

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Windows 8

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Laut Microsoft soll Windows 8 sehr ressourcenschonend arbeiten. Auf dem Samsung Slate, der über einen Intel Core i5 Prozessor (1,6 Ghz, 3MB L3 Cache, Sandy Bridge) und vier Gigabyte RAM (DDR3) verfügt, lief das System jedenfalls flüssig. Die neue Metro-Oberfläche zeigte sich auch bei vielen im Hintergrund geöffneten Apps geschmeidig und ohne Ruckeln, an der Touch-Bedienung auf dem Tablet ist von der System Performance her wie bei Windows Phone 7 kaum etwas auszusetzen.

Oberfläche nahezu unverändert - Desktop als Problem

Seit Freigabe der Entwicklerversion im September 2011 sind laut Microsoft über 100.000 Code-Änderungen in Windows 8 eingeflossen. An der Oberfläche hat sich seit September aber nicht allzu Gravierendes verändert. Der neue Haupt-Screen mit den bunten Kacheln ist geblieben, lediglich das mehrfarbige Windows-Logo im Seitenmenü wurde mit dem schlichten neuen Logo ersetzt.

Auch der alte Desktop-Modus, der praktisch identisch mit der Windows 7-Oberfläche ist, blieb unverändert. Viele hatten bei der Entwicklerversion noch gedacht, Microsoft füge das klassische Desktop-Start-Menü in der Consumer-Beta wieder hinzu. Dass der traditionelle Windows-Start-Button nun aber komplett aus der unteren Programmleiste gestrichen wurde, lässt jedoch das Gegenteil vermuten. Ein tatsächlicher Verzicht auf das Desktop-Startmenü in Windows 8 ist ein radikaler Schritt, der sich in der vorliegenden Version zudem als äußert problematisch erweist.

Denn das Hauptproblem bleibt weiterhin, dass Microsoft mit Windows 8 einen Spagat versucht, der innerhalb eines Versionssprung wohl einfach nicht hinzubekommen ist: Ein Betriebssystem für PCs, Notebooks, Tablets und in leicht abgewandelter Form auch für Smartphones und die Xbox zu schaffen, die auf allen Plattformen gleich funktioniert.

Interessante iOS- und Android-Alternative

Die gute Nachricht zuerst: Mit Windows 8 bekommt die Microsoft-Anhängerschaft erstmals ein Betriebssystem, das auf Tablets nicht nur schön anzuschauen ist, sondern auch Spaß und Lust auf mehr macht. Darüber hinaus kann es wie Windows Phone 7 mit einigen Ideen aufwarten, die eine willkommene Abwechslung zu Apples iOS und Googles Android bedeuten und deren etablierte Konzepte einen Schritt weiterführen. Positiv hervorzuheben ist hierbei die widget-ähnliche Anreicherung der Programm-Kacheln mit Live-Informationen und der Ansatz, dass die verschiedenen Apps durch das Betriebssystem besser und enger zusammenarbeiten sollen.

Mutiges Design - Spartanisch zum Quadrat

In puncto Design, ist Microsoft gerade, was ein Desktop-Betriebssystem betrifft, mutig. Den Metro-Kacheln-Look mag man mögen oder nicht. Anzuerkennen ist, dass Microsoft im Vergleich zu früheren Windows-Versionen tatsächlich einen neuen, eigenen Weg geht und alles daran setzt ein durchkomponiertes und aufgeräumtes User Interface anzubieten. Durch die strengen Vorgaben sind auch die nun im App Store verfügbaren Metro-Programme wie aus einem Guss. Hier bleibt abzuwarten, ob auch Entwickler komplexer Programme einen Weg finden werden, diese für die neue Metro-Umgebung anzupassen.

Gleichzeitig beschleicht einen bei manchen der neuen Microsoft-Apps wie dem Kalender, Mail-Programm, Internet Explorer, aber auch der neuen Social-Media-App das Gefühl, dass es Microsoft mit dem Spartanischen etwas übertreibt. Um den Screen von jeglichem Ballast zu befreien, müssen Menüs erst durch Rechtsklick bzw. Ansteuern der oberen oder unteren Ecke (Maus) eingeblendet werden. Das bremst den Arbeitsfluss, zumal unterschiedliche Programmfunktionen auf die beiden skizzierten Optionen aufgeteilt sind. Zusätzlich verwirrend für Windows-8-Neulinge ist, dass die Touch-Bedienung nicht dem gleichen Muster folgt. Hier werden die Menüs mit einer Touchbewegung vom unteren oder seitlichen Bildschirmrand aufgerufen.

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Touch und Maus harmonieren nicht

Dass Microsoft sich für die Bedienung für Touch und Maus unterschiedliche Konzepte überlegt hat, ist im Grunde ein lobenswerter wie logischer Ansatz. Die Lernkurve für Windows-8-User wird dadurch allerdings frustrierend hoch. Im Falle des Slate, der als Tablet wie auch mit Maus und Tastatur verwendet werden kann, klickt und streicht man von einer Ecke zum nächsten Bildschirmrand. Hat man sich an die Steuerung per Maus halbwegs gewöhnt, muss man per Touch im Grunde wieder von vorne anfangen. Hier würde es helfen, wenn Microsoft die Maus- und Touch-Steuerung näher zusammenführen würde.

Darüber hinaus hat das Bedienkonzept sowohl im Maus-Modus als auch per Touch seine Schwächen. Bei der Bedienung per Touchscreen überschneidet sich das Aufrufen des Hauptmenüs vom rechten Bildschirmrand mit dem normalen Weiterblättern. Nicht selten blendet man unabsichtlich das Menü ein, wenn man eigentlich nur von rechts nach links blättern will. Mit der Maus muss man hingegen zum Aufrufen des Hauptmenüs ganz in die Bildschirmecken fahren und einen Moment warten, bis das Menü eingeblendet wird. Im Dauerbetrieb ist das Ansteuern der Ecken und das Warten auf das eingeblendete Menü ermüdend und bremst ebenfalls den Arbeitsfluss.

An praktische Grenzen stößt das spartanische Fullscreen-Konzept der Metro-Oberfläche auch, wenn man zu anderen Programmen wechseln will. Um zu sehen, welche Apps im Hintergrund offen sind, muss man erst wieder mit der Maus in eine der linken Ecken fahren und dann am Rand entlang. Erst dann wird eine Leiste mit den offenen Programmen eingeblendet. Bei der Touch-Bedienung helfen die Ecken nichts, hier streift man vom linken Rand ins Bild und wieder zurück, um denselben Effekt zu bekommen. Das Frustrationspotenzial ist groß, am PC werden Maus-User dadurch abgebremst.

Sorgenkind Desktop

Als Hauptproblem von Windows 8 erweist sich aber wie schon bei der Vorabversion der traditionelle Windows-Desktop. Dass Microsoft seine User zur neuen Metro-Umgebung locken will, liegt auf der Hand. Den klassischen Desktop künstlich zu beschneiden, ohne eine entsprechende Alternative anbieten zu können, erweist sich im Betrieb aber als Bumerang. Denn so schnell, wie Microsoft es User in der Vorabversion weismachen will, kann man sich des alten Desktops nun einmal nicht entledigen. Hunderttausenden, wenn nicht Millionen von Windows-Programmen stehen derzeit 70 verfügbare Metro-Apps gegenüber. Auch wenn sich die Zahl rapide ändern wird – auch in den kommenden Jahren werden User bei der überwiegenden Mehrzahl ihrer Programme auf den alten Desktop-Modus zurückgreifen müssen.

Da das Start-Menü mit den Programm-Ordnern geopfert wurde, muss man zum Aufrufen und Suchen von Desktop-Programmen immer den Umweg über die Metro-Oberfläche gehen. Verknüpfungen können zwar am Desktop abgelegt werden, beim Aufrufen der Dateienstruktur findet sich jedoch kein Ordner, in dem die Programm-Icons übersichtlich aufgelistet sind. Computer-Enthusiasten können sich natürlich durch Unterordner quälen, um an die entsprechende Anwendungsdatei zu gelangen. Massentauglich ist dieser Weg aber keinesfalls. Aus heutiger Sicht ist es daher nur schwer vorstellbar, dass Microsoft dies für die Finalversion so belässt.

Microsofts Umgang mit dem alten Desktop ist in zweierlei Hinsicht unbefriedigend. Zum einen behindert es PC- und Desktop-User, die auf traditionelle Programme angewiesen sind. Zum anderen erweist sich die gegenüber Windows 7 unveränderte Desktop-Oberfläche für Touchscreens weiterhin als wenig brauchbar. Hier hat Microsoft verabsäumt, die alten Menüs touchfreundlicher zu gestalten oder etwa Zoom-Funktionen einzubauen. Völlig unverständlich ist, dass der neu gestaltete Task-Manager im alten Windows-Stil gebaut wurde und somit für Tablets praktisch unbrauchbar ist.

Fazit: Charmantes Scheitern

Völlig Microsoft-untypisch wählt der sonst recht konservativ agierende Konzern bei Windows 8 eine verblüffend radikale und lobenswert frische Strategie. Die Metro-Oberfläche ist ein stark visuell geprägter Zugang, der selbst Apples Mac-Betriebssystem alt aussehen lässt und enormes Potenzial bietet. Denn gerade auf großen Bildschirmen bietet die neue Kachel-Oberfläche mehr als genügend Platz, um auch zig Programme mit Live-Informationen übersichtlich darzustellen. Auch die neue Suchfunktion in der Metro-Umgebung ist intuitiv und leistungsstark zugleich.

Bei all der Aufbruchsstimmung läuft Microsoft mit Windows 8 jedoch Gefahr, dass der neue Mut in Übermut ausartet. Die Grenzen zwischen Smartphones, Tablets und PCs lassen sich nun einmal nicht von heute auf morgen einreißen – und schon gar nicht in der Business-geprägten Windows-Welt. Es bleibt daher abzuwarten, ob Microsoft vor der Einführung noch einmal kalte Füße bekommt und gerade in puncto Desktop-Einbindung zurückrudert.

Da Microsoft den Zug auf dem Tablet-Markt fast schon verpasst hat, muss Windows 8 eher früher als später erscheinen. Für eine geplante Veröffentlichung im Herbst 2012 wirkt die nun frei gegebene Consumer Preview und die angebotenen Programme in vielerlei Hinsicht aber verblüffend unausgegoren und experimentell. Doch auch das mag bewusste Strategie sein. Durch das Zuspitzen der Vorabversion und das bewusste Weglassen bereits fertiger Features kann Microsoft das Feedback der Millionen Test-User bündeln. Vorstellbar ist auch, dass Microsoft das Scheitern von Windows 8 gewissermaßen in Kauf nimmt, um mit Windows 9 und 10 zum ultimativen Befreiungsschlag gegen Apple und Co anzusetzen. Es bleibt spannend.

Download-Link zur Windows 8 Consumer Preview Version: http://windows.microsoft.com/de-DE/windows-8/consumer-preview

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Installation
Bevor man die „Consumer Preview“ von Windows 8 installiert, sollte man überprüfen, ob der Computer die Anforderungen erfüllt: CPU mit 1 GHz, 1 GB RAM und eine Display-Auflösung von mindestens 1024x768 Pixel. Der Installationsprozess wird, je nach Einstellungen und Downloadgeschwindigkeit, zwischen wenigen Minuten und ein, zwei Stunden dauern.

Auf der Microsoft-Webseite wird zunächst die Installationsdatei heruntergeladen, die nur wenige Megabyte groß ist. Nach dem Start kann zwischen 32-Bit- oder 64-Bit-Version (empfohlen bei 4 GB RAM oder mehr) gewählt werden. Es gibt die Möglichkeit, das bestehende Windows-System aufzurüsten oder Windows 8 neu zu installieren. Da es sich um eine unfertige Version handelt, sollte Windows 8 auf einer eigenen Partition oder einem Testgerät installiert werden, da viele Funktionen noch stark eingeschränkt  sind. Auch eine virtuelle Installation ist möglich.