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25.07.2018

HTC U12+ im Test: Smartphone mit dem Potenzial zum Sargnagel

Pseudo-Tasten und Pseudo-Geräuschunterdrückung: Das HTC U12+ will innovativ sein, schneidet sich aber ins eigene Fleisch.

Der taiwanische Smartphone-Pionier kämpft bekanntlich ums Überleben. Sein letztes erfolgreiches Spitzenmodell liegt Jahre zurück: Das HTC 10 war zwar ein solides Smartphone, es fehlte allerdings das gewisse Etwas. Vergangenes Jahr hat sich HTC dann von seiner Modellreihen-Bezeichnung verabschiedet und mit dem U11 einen Neustart gewagt. Mit dem neuen Quetsch-Feature sollten Neukunden gefunden werden. Doch HTC hat sich wieder einmal verzockt und das U11 floppte erneut.

Nun startet mit dem U12+ ein neuer Versuch unter schlechten Vorzeichen: Erst Anfang Juli musste der Smartphone-Hersteller jeden vierten Mitarbeiter kündigen. Zwei Tage später wurde bekannt, dass der Umsatz im Juni im Vergleich zum Vorjahr um 68 Prozent eingebrochen ist. Mit weniger als zwei Millionen produzierten Geräte droht der einstige Smartphone-Vorreiter in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Ob das HTC U12+ an dem Abwärtstrend etwas ändern kann, haben wir uns näher angesehen.

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Erster Eindruck

Als ich das U12+ zum ersten Mal in die Hand nahm, kam es mir wuchtig und schwer vor. Gerade im Vergleich zu anderen Spitzenmodellen wirkt das HTC-Handy klobig und groß. Tatsächlich ist es nicht wesentlich schwerer, dicker oder größer als etwa das Samsung Galaxy S9+. Das HTC-Handy ist tadellos verarbeitet und fühlt sich hochwertig und robust an. 

Mit seinem 6-Zoll-Display kommt das U12+ auf folgende Maße: 156,6 x 73,9 x 8,7 Millimeter - das Kameramodul steht dann noch einen zusätzlichen Millimeter hervor. Mit 188 Gramm ist das U12+ kein Leichtgewicht.

Das Gehäuse ist derart glatt, dass es sehr leicht aus der Hand rutscht. Sollte es dabei ins Wasser fallen, wäre es nicht so tragisch, da das Smartphone wasser- und staubgeschützt nach IP68 ist.

Bildschirm

Das LC-Display im 18:9-Format wird von Corning Gorilla Glass 3 geschützt und löst mit 2880 x 1440 Pixel auf, woraus sich eine Pixeldichte von 537 ppi ergibt. An der Farbdarstellung beziehungsweise am Bildschirm selbst gibt es kaum etwas auszusetzen: Farben werden satt aber nicht übersättigt dargestellt, der Farbton ist insgesamt kräftig und die Helligkeit ist angemessen, auch bei Sonneneinstrahlung. Allerdings verliert das Display relativ schnell an Glanz und Farbe wenn der Betrachtungswinkel flacher wird.

Android-Version

HTC setzt auf Android 8.0. Als Oberfläche kommt, wie gewohnt, HTCs Sense UI zum Einsatz. Dabei ist auch der smarte Assistent HTC Sense Companion vorinstalliert, der es bis zum Ende des Testzeitraums nicht geschafft hat, mir irgendwelche relevanten Benachrichtigungen zukommen zu lassen.

Das Highlights-Feature, zu dem man mit einem Rechtswisch kommt, ist ähnlich sinnentleert und zeigt wenig Interessantes, was wohl hauptsächlich daran liegt, dass die verfügbaren Quellen kaum etwas hergeben. Darüber hinaus wirken die vorinstallierten Features behäbig und träge: Die Ladezeiten könnten wesentlich kürzer sein, zumal ja die Prozessorleistung ausreichend vorhanden ist. Dass sich HTC bei der Bloatware zurückhält, ist sehr angenehm.

Face Unlock

Wie bei den meisten Android-Phones möglich, kann man auch das U12+ mittels Face Unlock entsperren. Ein schnelles Selfie reicht und die Funktion ist aktiviert. Schaut man nun gerade in die Frontkamera wird das Smartphone entsperrt.

Das funktioniert in Sekundenschnelle und in der Regel einwandfrei. Allzu schief darf man das Smartphone jedoch nicht halten. Probleme hat Face Unlock auch mit Sonnenbrillen, hier versagt das Entsperren per Gesichtsscan. Hält man der Frontkamera ein Foto vor die Linse, wird das Handy nicht entsperrt.

Kamera

Die Hauptkamera auf der Rückseite besteht aus einer 12-MP-Weitwinkel-Kamera (f/1.75 Blende) sowie einer 16-MP-Tele-Kamera (f/2.6 Blende). Den zweifachen optischen Zoom finde ich sehr praktisch, auch der dafür ausgewiesene Button in der Kamera-App.

Der Schieberegler für den Zoom, der bis zum 10-fachen Digitalzoom reicht, ist allerdings kaum zu gebrauchen: Er reagiert zu sensibel und ist daher für Feineinstellungen nicht geeignet. Der digitale Zoom ist wie bei allen anderen Kameras unbrauchbar. Und wer unbedingt einen Bildausschnitt hervorheben will, kann das im Nachhinein immer noch tun.

Übertriebene Unschärfe

Auch der Bokeh-Effekt wird von HTC groß angepriesen. In der Tat führt er ab und zu zu Bildern, die spektakulär aussehen. Manchmal sind die Bilder aber völlig für die Tonne, da sich die Kamera-App schwer tut, die Grenzen des Objekts im Vordergrund richtig zu erkennen.

Bei Portrait-Fotos können etwa Sonnenbrillen, Hüte, Schals oder Kapuzen die App verwirren. In der Folge wird beispielsweise die Kapuze ähnlich unscharf dargestellt, wie der eigentliche Hintergrund. Bei der Doppel-Selfie-Kamera macht sich der Bokeh-Effekt ziemlich lächerlich: Hier werden bereits abstehende Haare unscharf dargestellt, was zu einem unbrauchbaren Ergebnis führt.

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Ohne Zoom

2x optischer Zoom

Ohne Zoom

2x optischer Zoom

10x digitaler Zoom

Die besten Bokeh-Aufnahmen erzielt man, wenn man auf die automatischen Einstellungen verzichtet und die Stärke des Unschärfeeffekts selbst reguliert. Dann lassen sich auch mithilfe der Software tolle Aufnahmen anfertigen.

Abgesehen von den Spezialeffekten, machen beide Kameras durchaus brauchbare Bilder. Vor allem bei Tageslicht können die Kameras ihre Stärken ausspielen und hochwertige Bilder fabrizieren. Dazu trägt auch die kurze Reaktionszeit der Kamera bei.  

Edge Sense und Pseudo-Tasten

Mit dem berührungsempfindlichen Rahmen hätte das HTC U11 eine neue Ära der Einhandbedienung einläuten sollen. Doch das neue Feature kam weder bei Testern noch bei den Kunden gut an.

Beim U12+ rudert der Smartphone-Hersteller jedoch nicht zurück, sondern legt noch eines drauf. Die Lautstärkenwippe und die Power-Taste können nicht mehr wie gewohnt gedrückt werden, sondern sind in den berührungsempfindlichen Rahmen integriert worden.

Das ist äußerst gewöhnungsbedürftig: Beim Drücken der Tasten erhält man zwar ein Vibrationsfeedback, mit einer beweglichen Taste ist das jedoch nicht zu vergleichen. Außerdem sind die drei Pseudo-Tasten am Rahmen ziemlich gleich groß und auch der Abstand zwischen den Tasten ist mehr oder weniger derselbe. Zwar ist die Power-Taste geriffelt, beim schnellen Griff zum Handy um lauter oder leiser zu schalten, ist man auf den Zufall angewiesen, um die richtige Taste zu treffen.

Außerdem kam es beim Testen häufig vor, dass der Rahmen fälschlicherweise einen Tastendruck interpretiert hat: Sobald man das Handy etwas fester in die Hand nimmt, etwa beim Anstecken von Ladegerät oder Kopfhörer, springt das Edge Sense an.

Rahmen als Taste für Alles

Mit dem U12+ hat HTC auch neue Features für die berührungsempfindlichen Rahmen eingeführt. So können nun in den Apps verschiedene Aktionen auf die "Quetsch-Taste" gelegt werden. Bei Google Maps etwa kann durch Quetschen des Rahmens in den Kartenausschnitt hineingezoomt werden. In der Praxis ist dann doch das gewohnte Doppel-Tippen beziehungsweise die Pinch-Geste schneller und effektiver. Je nach App kann die Aktion für die "Rahmen-Taste" frei gewählt werden.

Das Versprechen, die Bedienung des Smartphones zu vereinfachen, konnte HTC mit dem berührungsempfindlichen Rahmen nicht einlösen. Ganz im Gegenteil, die Pseudo-Tasten und das Quetschen haben mich im Alltag mehr verwirrt als sie zur leichteren Bedienung beigetragen haben. Ebenso ist es mir unverständlich, wieso die Power- und Volume-Tasten nicht so gestaltet wurden, dass die richtige Taste auf den ersten Griff zu treffen ist.

Geräuschunterdrückende Kopfhörer

Einen 3,5mm-Kopfhöreranschluss gibt es beim U12+ nicht. Beim Einrichten der mitgelieferten Kopfhörer, die sich per USB-C mit dem Smartphone verbinden, wird die Ohrstruktur mit einer Sequenz von speziell Tönen gescannt. Damit soll sich die Audiowiedergabe an die Eigenheiten der jeweiligen Ohren anpassen. Auch die Umgebungsgeräusche sollen beim Einrichten berücksichtigt werden, um eine aktive Geräuschunterdrückung zu erreichen.

Tatsächlich wirkt die Soundwiedergabe nach dem Anpassen etwas besser als vorher. Die aktive Geräuschunterdrückung und das individuelle Hörprofil lassen sich rasch in der Benachrichtigungsleiste aktivieren.

Im Gegensatz zu Kopfhörern, die über eine echte aktive Geräuschunterdrückung - samt Mikrofone und entsprechendem Antischall - verfügen, reagieren die HTC-Hörer nicht permanent auf die Umgebungsgeräusche. Sie passen ihre Geräuschunterdrückung nur einmalig während des Scans an. Zwar können mehrere Hörprofile angelegt werden, mit tatsächlicher aktiver Geräuschunterdrückung hat dies allerdings wenig zu tun.

Akku

Die Kapazität des Akkus wird mit 3500 mAh angegeben. Wer sein Handy in der Früh vollständig auflädt, kommt damit locker über den gesamten Tag - eine "normale" Verwendung vorausgesetzt, also kein stundenlanges Video-Streaming oder Gaming. Am nächsten Vormittag wird man dann aber bald den Weg zur Steckdose suchen, wenn der Akku zwischen 20 und 30 Prozent anzeigt.

Ein 4K-Video mit 60fps, das über Youtube per LTE-Netz gestreamt wurde, hat den Ladestand des Akkus von 100 Prozent auf 80 Prozent in genau einer Stunde reduziert.

Bei 12 Prozent an die Steckdose stand der Akku 15 Minuten später bei 29 Prozent. Insgesamt eine halbe Stunde nachdem die Stromversorgung aus der Steckdose gestartet hat, zeigte die Akkuanzeige 42 Prozent. Innerhalb von einer Stunde konnte der Akku von 12 auf 68 Prozent aufgeladen werden. 

Fazit

Mit dem U12+ hat HTC gewiss ein starkes Smartphone aufgelegt. Die Eckdaten sprechen für das aktuelle HTC-Spitzenhandy, mit denen es in der Top-Liga mitspielen kann: Super Kamera, leistungsstarke Ausstattung, tadelloser Bildschirm und schlanke Android-Version. Auch der Preis siedelt das Gerät in der Riege der Spitzenmodelle an: 799 Euro UVP, bei Geizhals ist das Gerät ab 735 Euro gelistet. 

Rein optisch ist das U12+ - bis auf die halbtransparente Rückseite - eher unauffällig. Im Gegensatz zu den meisten anderen Herstellern setzt HTC weder auf eine rahmenlose Frontfläche noch auf einen Notch. Auch sonst bleibt eher der Eindruck eines langweiligen Smartphones zurück.

In der Praxis konnte das HTC U12+ nicht wirklich überzeugen. Vor allem die Bedienung mithilfe des berührungsempfindlichen Rahmens und den drei Pseudo-Tasten kommt gar nicht gut weg: Das Edge Sense sorgt mehr für Verwirrung als es die Bedienung erleichtert und das unabsichtliche Drücken von Tasten nervt. Somit geht das "innovative" Bedienkonzept komplett nach hinten los.

Irgendwie überkam mich beim Testen des U12+ das Gefühl, dass das so nichts mehr wird. HTC hat abermals ein Smartphone gebaut, das nicht das Potenzial hat, den Konzern aus der Krise zu ziehen. Ganz im Gegenteil: In Anbetracht der sinkenden Absatzzahlen könnte das U12+ sogar der Sargnagel des einstigen Smartphone-Pionier werden. Schade.

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers.