© Jakob Steinschaden

iPhone und iPad
07/03/2012

iOS 6 im Test: Praktisch, aber unspektakulär

Hardware schön und gut, aber das Betriebssystem eines Smartphones gibt den Takt vor, wenn es um Funktionen geht. 2012 werfen die drei Großen neue Versionen ihrer Software auf den Markt - Apple versucht mit "iOS 6" ab Herbst, Googles "Jelly Bean" und Microsofts "Windows Phone 8" auf Distanz zu halten. Die futurezone konnte es bereits vorab testen.

von Jakob Steinschaden

365 Millionen iOS-Geräte gegen 400 Millionen Android-Geräte: Der Kampf zwischen Apple und Google (und zu geringerem Maße Microsoft) um den Smartphone- und Tablet-Markt ist im vollen Gange. Neue Betriebssystem-Versionen sollen neben der Hardware für mehr Interesse und Käufer sorgen. Den Anfang macht Googles Jelly Bean im Juli, iOS 6 und Windows Phone 8 folgen im Herbst.

iOS 6 von Apple wird für das iPhone 4S, iPhone 4, iPhone 3GS, das neue iPad, iPad 2 und den iPod touch (4. Generation) verfügbar sein - alle anderen Geräte wie das erste iPad werden nicht in den Genuss des kostenlosen Updates kommen. Mit der zweiten Beta-Version konnte die futurezone bereits auf einem iPhone 4S, einem iPhone 4 sowie auf einem iPad 2 auf Tuchfühlung gehen (an dieser Stelle Dank an den anonym bleibenden iOS-Entwickler).

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

Apple iOS 6 iPhone iPad

iOS 6 Apple iPhone iPad

Die Verzahnung mit Facebook

Weil Apple wie Google (+) auch "social" sein will, aber beim Entwickeln eigener Online-Netzwerke kein gutes Händchen hat (siehe Fehlversuch

), wurde nach Twitter nun Facebook an Bord geholt. Das dürfte Mark Zuckerberg besonders freuen, denn seine Nutzer können jetzt Status-Meldungen schreiben und Fotos posten, ohne die langsame Facebook-iOS-App starten zu müssen.

Einmal eingeloggt, kann man Facebook via iOS 6 auf verschiedenste Weise nutzen: Zieht man den Rollbalken der Benachrichtigungen nach unten, findet sich ein "Post to Facebook"-Knöpfchen, Bilder und Videos können auch ins Online-Netzwerk geshared werden. Siri kann man künftig auch ansagen, was veröffentlicht werden soll. Gut gelöst: Bei jedem Post kann man aus seiner eigenen Freundesliste aussuchen, wer den jeweiligen Inhalt sehen darf (voreingestellt ist "für Freunde"). Auch recht praktisch: Facebook-Freunde werden ins Adressbuch automatisch synchronisiert, und Facebook-Veranstaltungen finden sich im Kalender (erkennbar am blauen Logo) wieder. Zusätzlich kann iOS den Nutzer schnell und einfach in neuen Apps anmelden, die einen Facebook-Login anbieten.

Weniger ideal: Um zu sehen, ob jemand etwas liked oder kommentiert, muss man die Facebook-App besuchen - insofern postet man mit iOS immer ein wenig ins Blaue hinein und fühlt sich nicht wirklich "connected". Um die nicht unwichtige Interaktion darstellen zu können, bräuchte Apple wohl Widgets, die es im kommenden Betriebssystem aber nach derzeitigem Stand nicht geben wird.

Apple profitiert übrigens auch von der Facebook-Integration: Nutzer können Apps, Musik, TV-Serien und Filme in den Stores liken - auf Basis dieser Information kann Apple in Folge Freundes-Empfehlungen für andere Nutzer einblenden - vermarktungstechnisch sehr geschickt gemacht.

"Turn-by-Turn" durch die Straßen

Die neben Facebook wichtigste Neuerung von iOS 6 sind die Maps - und dabei speziell die Navigations-Funktion. Während sich TomTom freuen kann, Lizenzgebühren von Apple für die Verwendung ihres Kartenmaterials kassieren zu dürfen, müssen sich andere Navi-Hersteller fürchten. Denn die "Turn-by-Turn"-Funktion mit deutscher Sprachausgabe funkioniert schon in der Beta sehr gut.

Beim Kurztest lotste das iPhone korrekt durch den 7. Wiener Bezirk, wobei zwischen Fußgänger- und Auto-Variante umgeschaltet werden kann (Öffis fehlen in Österreich noch). Vor Aufbruch kann man die Strecke auch im Zeitraffer durchgehen und sich eine Liste mit den bevorstehenden Anweisungen anzeigen lassen. Klar ist aber auch: Die Funktion braucht viel Akku und kann bei intensiver Nutzung einiges von in Tarifen inkludierten Datenvolumen verbrauchen.

In der vorliegenden Beta-Version bietet Apple noch keine Offline-Funktion an, mit der man ausgewählte Kartenbereiche (z.B. Wien) aufs Gerät speichern könnte - da hinkt Apple noch Google und Microsoft hinterher.

Design bleibt im Großen und Ganzen gleich

Allen, denen das

ist, werden von iOS 6 enttäuscht sein. Auf den ersten Blick hat sich an der Optik nichts geändert, Neuerungen finden sich nur im Detail. So ist etwa (siehe Bild unten links) der iTunes Store und die Musik-App geringfügig umgestaltet worden (im Store werden Alben nicht mehr nur als Liste, sondern auch horizontal angezeigt - Spotify lässt grüßen).

Außerdem kann sich die Title Bar oben farblich offenen Apps anpassen - was vorerst aber nur bei Apple-eigenen Apps funktionierte. Auch ganz nett: Bei der "Pull to Refresh"-Funktion in Apps gibt es einen witzige Kaugummi-Animation. Und neu installierte Apps bekommen am rechten oberen Eck ein kleines Schleifchen mit dem Schriftzug "New".

Was Apple weiterhin vermissen lässt, sind Widgets, die live Inhalte in einem Bereich am Homescreen anzeigen können - Android und Windows Phone bieten das schon länger. So ist auch unverständlich, wie die neue Uhren-App, die das iPad spendiert bekommt, kein animiertes Logo hat und nicht die aktuelle Zeit, sondern immer Viertel nach 10 anzeigt.

Tolle 3D-Karten für Fingerspiele

Als einzig optisches Spektakel, wenn man so will, kann man die 3D-Karten von iOS 6 bezeichnen. Zwar ist in der vorliegenden Beta-Version noch nicht viel dreidimensional aufbereitet - aber das, was bereits zu sehen ist, macht wirklich Lust auf mehr.

So hat Apple schon vorsorglich sein eigenes Hauptquartier in Cupertino, Kalifornien, in 3D berechnen lassen, und auch San Franciscos Golden Gate Bridge ist in dritter Dimension zu bewundern. Überall dort, wo die 3D-Software noch nicht gearbeitet hat, sieht es aber noch nicht so hübsch aus, sondern eher so, als wäre ein Tornado über die Gegend gefegt und hätte Häuser, Bäume und Autos seltsam verformt und plattgedrückt.

Die Bedienung ist sehr intuitiv und macht Spaß: Mit zwei Fingern kann man die 3D-Darstellungen um alle drei Achsen drehen und so alles von (fast) jedem Winkel unter die Lupe nehmen. Auch die Aufsicht der Satelliten-Bilder ist gut gelungen: Durch leichtes perspektivisches Verschieben verschiedener Ebenen (Straßenniveau unter Baumkrone) hat man tatsächlich das Gefühl, über der Landschaft zu schweben. Am iPad ist das Feature natürlich insgesamt besser bedienbar als am kleinen iPhone-Screen.

Anrufe in "Arbeit" und "Privat" trennen

Eine nicht zu unterschätzende, neue Funktion ist "Do Not Disturb". Sie kann dabei helfen, die zunehmende Vermischung von Arbeits- und Privatleben am Smartphone in den Griff zu bekommen. Der Nutzer kann einen Zeitraum definieren, in dem Anrufe einer bestimmten Kontaktgruppe (z.B. Arbeitskollegen, Chef, etc.) nicht sichtbar durchkommen - es läutet und vibriert dann nur wenn die gleiche Nummer innerhalb von drei Minuten zwei Mal anruft und es offensichtlich dringend ist. Wenn sich das herumspricht, wird diese Regelung aber wohl ad absurdum geführt.

Passbook

Aus der neuen Apple-App "Passbook" könnte leicht etwas werden. Sie soll künftig als digitale Version eines Flugtickets, einer Kundenkarte, eines Gutscheins oder einer Konzertkarte dienen. Software-Entwicklern zufolge hat es Apple Anwendern sehr einfach gemacht, solche Tickets zu erstellen (mehr dazu unter www.passsource.com)- und so könnte schon bald eine ganze Reihe an separaten Apps (z.B. von Fluglinien) obsolet werden.

Gerade bei Flugtickets ist Passbook sehr praktisch: Denn die digitale Version kann nicht nur offline gespeichert werden, sondern kann sich auch (Internet-Verbindung vorausgesetzt) aktualisieren und etwa über einen Gate-Wechsel am Flughafen informieren.

Mail will VIP-Sender erkennen

So modern sich Apple mit der Facebook-Integration gibt, so gerne schenkt man dem Oldschool-Kommunikations-Kanal E-Mail auch neue Features. Die Mail-App will künftig mitlernen, welche Nachrichten von "Very Important Persons" kommen und in einem eigenen Ordner ablegen. Im Kurztest war eine Bewertung dieser Funktion nicht möglich.

Auch der Nutzer selbst kann ausgewählte E-Mails mit Fähnchen hervorheben und so immer schön gesammelt in einem eigenen Ordner behalten.

Mehr Privatsphäre bei der App-Nutzung

Apple hat offensichtlich aus den Skandalen rund um Daten-gierige Apps (z.B.

) gelernt und will dem Nutzer in den Einstellungen mehr Kontrolle über den Zugriff auf seine am iOS-Gerät gespeicherten Informationen geben. So kann man Apps gezielt den Zugriff auf folgende Informationen gestatten bzw. verweigern: GPS-Position, Kalender, Kontakte, Fotos und Erinnerungen.

Bei iOS 5 ist das in dieser Form nur für die Ortung möglich und muss in den Einstellungen der jeweiligen App selbst definiert werden. Insgesamt eine nützliche Funktion - sofern man daran denkt und sich darum kümmert.

Holpriges Twittern mit Siri

Wie die Integration von Siri im Auto aussehen wird, ist noch eher

, auf iOS-Geräten (erstmals auch am iPad der 3. Generation) soll die Sprachsteuerung einige neue Kunsstücke beherrschen. Eine davon ist, dass man jetzt Tweets ansagen kann. Auf Deutsch funktioniert das in der vorliegenden Beta noch sehr holprig oder oft gar nicht, den englischen Befehl "Tweet" versteht Siri aber schon ganz gut. Bleiben die 140 Zeichen einigermaßen unkompliziert, so kann man schon jetzt ganz passable Kurznachrichten per Sprachbefehl verschicken.

Wie Siri auf neue Features wie Sportergebnisse, Kinodaten oder Yelp-Empfehlungen anspricht, muss man in Österreich noch abwarten. In der Beta sehr witzig: "Facebook" versteht Siri als "Fazebuk" und weiß mit dem Befehl noch nichts anzufangen.

Foto-Sharing nach Apple-Art

Hat der Phototstream bis dato eher nur dafür gesorgt, neue Aufnahmen automatisch an eigene andere Apple-Geräte zu schicken, so sollen ab iOS 6 Apple-Nutzer ihre Bilder künftig auch mit anderen teilen. So kann man ausgewählte Aufnahmen nicht mehr nur per E-Mail oder Nachricht senden, sondern auch als Link verschicken. Folgt der Empfänger diesem, so landet er auf einer iCloud-Seite des Nutzers, auf der die Fotos auf schwarzem Grund in hoher Auflösung betrachtet und heruntergeladen werden können.

Ob sich daraus ein Instagram- oder Flickr-Konkurrent entwickeln wird, bleibt aber vorerst noch abzuwarten. Offensichtlich will Apple mit dem Feature die Zahlungsbereitschaft für mehr Speicherplatz bei iCloud erhöhen.

Was iOS 6 (noch) nicht kann

Natürlich ist es gefährlich, ein vorschnelles Urteil abzugeben - denn bis Herbst kann Apple (auch auf Basis eines neuen iPhones mit größerem Bildschirm) noch neue Funktionen auf iOS 6 draufpacken. Nach derzeitigem Stand der Dinge hat man es bei dem kommenden Betriebssystem aber eher mit einem unspektakulären, wenn auch praktischen Wurf zu tun. Dinge wie die 3D-Karten, die Facebook-Integration oder die teilbaren Photostreams werden den Konsumentenmassen gut gefallen - in Kombination mit neuer Hardware reicht das wohl schon, um viele zum Kauf zu bewegen.

Klar haben Apple Maps viel Potenzial, aber Android und Windows Phone (Nokia Maps) haben sogar die Möglichkeit,  Kartenmaterial  offline zu nutzen. Das ist immens wichtig, da man Navigation gerade im Ausland, wo man sich nicht gut auskennt, braucht und nicht nur daheim, wo ein günstiger 3G-Tarif zur Verfügung steht.

Auch in einem anderen Punkt bleibt die Konkurrenz voraus: den Widgets. Bei Jelly Bean können die Widgets bereits anderen Apps am Screen ausweichen und sich ihr richtiges Plätzchen selber suchen, und bei Windows Phone 8 sind die Live-Kacheln natürlich ebenfalls essenziell. Und in noch einem Punkt sind Android und Windows Phone ein Stückchen voraus: Sie unterstützen die Zukunftstechnologie NFC.

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