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Interview
11/16/2011

Opera: „Ein europäischer Browser ist wichtig“

Seit mehreren Jahren ist der norwegische Browser-Hersteller Opera an vorderster Front, wenn es um die Einführung technologischer Innovationen geht. Ungeachtet unbestrittener Erfolge hat Opera den Underdog-Status aber niemals ganz abstreifen können. Im futurezone-Interview sagt Chefentwickler Christian Krogh, warum es eine europäische Browser-Alternative braucht und wie Opera den Fernseher erobern will.

von Martin Stepanek

Im Kampf um den Browser-Markt zwischen Netscape und Microsoft und später Microsoft, Mozilla und Google ist Opera konsequent immer seinen eigenen Weg gegangen. Während die Schlacht um den Desktop bereits tobte, setzte Opera bis 2005 zunächst auf eine Bezahlversion. Dann bearbeitete man mit einer cloud-basierten Browserlösung den aufstrebenden Handy- und Smartphone-Markt und adaptierte den Opera-Browser schließlich für webfähige Geräte wie die Wii-Konsole und Fernseher.

Neben Lizenz-Einnahmen für vorinstallierte und adaptierte Browservarianten auf Mobiltelefonen und anderen webfähigen Geräten schneidet Opera wie Firefox über das integrierte Suchfeld mit, das mit Google, Bing und Verkaufsplattformen wie Amazon verknüpft ist. Vom Umsatz, der im Jahr 2010 knapp 90 Millionen Euro betrug, gehen etwa ein Drittel auf den Desktop und das dort integrierte Suchgeschäft zurück, zwei Drittel werden durch das Lizenzierungsgeschäft mit Mobiltelefonen, Konsolen und TV-Geräten erlöst.

futurezone: Der Browser-Markt ist hart umkämpft. In der Opera-Domäne Mobiltelefone wird es durch die steigende Popularität von Android und dem vorinstallierten Google-Browser auch schwieriger. Zukunftsängste?
Krogh:
Derzeit haben zwei Milliarden Menschen Zugang zum Internet – Tendenz stark steigend. Das Potenzial umfasst aber nicht nur die Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen, sondern alle internetfähigen Geräte. In Wahrheit muss man diese Zahl also mit vier bis fünf Geräten pro User multiplizieren. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.

Welche Rolle wird Opera in Zukunft spielen?
Interessanterweise gibt es derzeit nur vier Zugangstechnologien ins Web: Die Browserengine Trident, auf der Microsofts Internet Explorer aufbaut, Gecko für Firefox, Webkit für Safari und Chrome sowie die Opera-Entwicklung Presto. Von diesen vier Technologien sind wir die einzige europäische, alle anderen Zugangstechnologien stammen von der US-Westküste.

Das Europa-Argument wird Google, Apple und Microsoft vermutlich aber wenig beeindrucken.
Ein europäischer Player ist wichtig. Aus globaler Sicht braucht es Wettbewerb, um die technologische Entwicklung des Internets voran zu treiben. Im Desktop-Bereich hat die EU bereits entschieden, dass Microsoft seine Windows-Vertriebsmacht nicht für andere Produkte ausnutzen darf. Mobil bewegen wir uns mit Apple iOS , Windows Phone, aber auch Android derzeit leider in Richtung geschlossene Ökosysteme, die User einsperren.

Googles Chrome-Browser weist seit seiner Einführung stark wachsende Userzahlen auf. Was macht Google derzeit besser als alle anderen Browser-Hersteller?
Chrome ist das meist beworbene Produkt der Welt. Google verfügt über eine mächtige und intelligente Werbemaschinerie und nutzt diese, um den eigenen Browser auf allen Kanälen zu vermarkten. Das zeigt sich auch an der absolut linear verlaufenden Wachstumskurve.

Wie sieht die Wachstumskurve bei Opera aus?
Derzeit haben wir 200 Millionen aktive Opera-User pro Monat. Das stärkste Wachstum verzeichnen wir beim mobilen Browser, der von 135 Millionen Usern auf über 3000 Telefonmodellen verwendet wird. Hier beträgt der Zuwachs drei bis fünf Millionen Nutzer pro Monat.

Stichwort mobiler Browser: Opera Mini verspricht bis zu 90 Prozent weniger an Datenvolumen zu verbrauchen. Wie funktioniert das?
Im Prinzip funktioniert Opera Mini wie ein Browser in der Cloud. Surft man eine Seite an, wird man zu unseren Servern umgeleitet, auf denen die Inhalte komprimiert liegen. Diese Proxylösung hilft, die Last immer komplexer werdender Webseiten abzufangen, etwa bei schlechten mobilen Datenverbindungen oder um Akku zu sparen. Aber auch am Desktop kann man die Technologie über die sogenannte Turbo-Funktion nutzen.

Das bedeutet aber, dass jede aufgerufene Webseite über Opera-Server läuft. Ist das vom Datenschutz her nicht problematisch? Theoretisch könnte Opera ja genaue User-Profile erstellen.
Bei unserer Server-Lösung operieren wir wie ein Internet Service Provider und beobachten ausschließlich die Gesamtlast und wie wir Anfrage-Spitzen auf unsere Zentren in Island, Polen, Oslo und Seattle verteilen können. Derzeit verarbeiten wir zwischen 500.000 und einer Million http-Anfragen pro Sekunde. Was den Datenschutz betrifft: Wir unterliegen dem norwegischen Datenschutzrecht und das zählt zu den strengsten der Welt.

Opera ist traditionell stark im Lizenzgeschäft, wie auch der Opera-Browser für Nintendos Konsolen zeigt. Welche Geräte bieten sich noch für Kooperationen an?
Spannend wird vor allem die Entwicklung im TV-Bereich sein, wo wir mit vielen Industriegrößen wie Sony und Philips zusammenarbeiten. 25 Prozent aller Flat-TVs werden mittlerweile schon mit Internet-Anschluss ausgeliefert, dazu kommen noch Set-top-Boxen und Blu-ray-Player, die ebenfalls ans Web andocken können.

Bisher hat allerdings noch kein Hersteller so richtig mit dem Internet auf dem Fernseher punkten können. Woran liegt das?
Der Fernseher ist und bleibt ein Gerät, das man zurückgelehnt auf der Couch benutzt. Man darf also nicht glauben, dass die Webnutzung, wie man sie von einem Computer kennt, 1:1 auf den Fernseher übertragen werden kann. Das Surfen steht ähnlich wie beim Mobiltelefon nicht an erster Stelle. Zunächst werden sich webbasierte Applikationen durchsetzen, die den Fernseher als Plattform nutzen.

Das heißt, Opera stellt für diese Geräte keinen klassischen Browser zu Verfügung, sondern eher die Web-Plattform?
Die meisten Hersteller setzen auf ein Linux-basiertes Betriebssystem, auf dem die Opera-Komponenten aufsetzen. Die oberste Ebene bildet ein Applikations-Manager, der über HTML5-Applikationen ans Web andockt. Das Tolle daran ist, dass maßgeschneiderte Oberflächen und Programme geschaffen werden können, die nicht in geschlossenen Ökosystemen gefangen sind, sondern auf offenen Standards basieren. Das erleichtert die Entwicklerarbeit maßgeblich.

Welche Webapplikationen funktionieren auf dem TV?
Da sind der Phantasie eigentlich keine Grenzen gesetzt. Standard-Applikationen sind dynamische Wetterinformationen oder eine Uhranzeige, die zwar ebenfalls auf HTML5 basiert, aber ohne Webanbindung funktioniert. 

Ist der HTML5-Standard wirklich schon ausgereift?
Natürlich handelt es sich bei der Weiterentwicklung von HTML5 um einen evolutionären Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Mittlerweile machen aber alle Browser-Hersteller mit und setzen gemeinsam mit Partnern alles daran, um Probleme zu beseitigen und tolle neue Features zu implementieren. Schon 2012 werden wir erstmals komplexe 3D-Browser-Games erleben, die es in dieser Art noch nie zu sehen gab.

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