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09/02/2020

Sony ZV-1 im Test: Zwischen Influencer-Traum und Lückenbüßer

Die Digitalkamera wurde speziell für Video-Blogger konzipiert. Sony hätte die aber vorher fragen sollen, was sie brauchen.

von Gregor Gruber

Sonys RX100-Reihe ist seit Jahren so ziemlich das Beste, was digitale Kompaktkameras zu bieten haben. Allerdings sind sie teuer. Mit der RX100 VII kostet die aktuelle Version 1.300 Euro.

Hinzu kommt, dass es trotz des hohen Preises immer noch eine Digicam ist – und die werden zunehmend vom Smartphone auf der einen und der Systemkamera auf der anderen Seite verdrängt.

Mittelding

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, bringt Sony mit der ZV-1 (800 Euro) eine neue Variante der RX100. Dieser versucht die Lücke in einem sehr speziellen Segment zu schließen.

Die VZ-1 richtet sich an Video-Blogger. Genauer gesagt an Video-Blogger, für die das Smartphone nicht die gewünschte Qualität liefert, aber eine Systemkamera zu groß und/oder teuer ist. Da Letzteres ein ausschlaggebender Faktor ist, wurden mehrere Dinge unternommen, damit die VZ-1 deutlich unter dem Preis der aktuellen RX100 VII liegt.

Zu viel gespart

Dabei wurde leider an falscher Stelle gespart. So hat die VZ-1 einen Micro-USB-Anschluss, der auch zum Laden dient. Das ist ärgerlich, da schon seit einer Weile die meisten Smartphones USB-C haben und man so immer ein zusätzliches Ladekabel mitnehmen muss. Gerade bei einer Kamera, die sich zum Ziel schreibt kompakt und deshalb einfach transportabel zu sein, sollte man nicht zusätzlich Zubehör mitschleppen müssen.

Weiters entfällt der elektronische Sucher. Das stört aber nicht, da das Display schwenk- und klappbar ist – denn der Video-Blogger (und damit meint Sony Influencer) will sich natürlich selbst sehen, wenn er sich filmt. Allerdings wurde auch hierbei gespart. Das Display kann nicht mit manchen polarisierten Sonnenbrillen betrachtet werden.

Außerdem kann der Touchscreen nur für Fokus-Tracking genutzt werden, sonst für nichts. Gerade wenn man die Kamera einrichtet und das Display nach vorne dreht, um sich selbst zu sehen, wäre es sinnvoll, wenn man die Einstellungen von vorne per Touchscreen vornehmen kann. So muss man das Display erst recht wieder nach hinten drehen, dort über die Tasten die Einstellungen vornehmen und wieder nach vorne drehen. Ein Workaround ist, die Einstellungen per Smartphone-App vorzunehmen.

Wo ist der Weitwinkel?

Ein weiteres Video-Blogger-spezifisches Problem ergibt sich durch das Objektiv. Mit 24-70mm und eine F-Zahl von 1.8 und 2.8 ist es eigentlich sehr gut, wie man es von der RX100-Serie gewohnt ist. Der niedrige Zoom-Wert und die große Blende sorgen für eine tolle Bildqualität und Tiefenschärfe.

24mm ist aber für viele Video-Blogger-Situationen nicht weitwinkelig genug, speziell wenn man sich selbst aufnimmt und dabei die Kamera in der Hand hält. Ist die Videostabilisierung aktiviert, geht noch mehr von dem Bildausschnitt verloren. Nutzt man Sonys eigenen Kamera-Griff, der speziell für die VZ-1 gedacht ist, wird es schwer alles so zu filmen, wie man es gerne hätte.

Auch wenn man die Kamera aufstellt, um in engeren Verhältnissen zu filmen, reicht der Weitwinkelbereich manchmal nicht aus. Da mittlerweile fast jedes Mittelklasse-Smartphone eine eigene Superweitwinkel-Kamera hat, fühlt es sich seltsam an, dass diese dedizierte Blogger-Kamera dieses Feature nicht bieten kann.

Durchdachter Kameragriff

Schade ist auch, dass die VZ-1 nicht den Eindruck einer 800-Euro-Kamera vermittelt. Die Tasten an der Rückseite knarren und knirschen, ebenso wie einige Teile des Gehäuses. Das Gelenk des zur Seite ausklappbaren Bildschirms vermittelt hingegen einen stabilen Eindruck.

Da die VZ-1 möglichst kompakt gebaut ist, sind die Tasten entsprechend klein. Hier kommt der optionale „Aufnahmegriff mit kabelloser Fernbedienung“ ins Spiel. Dieser ist eine Art Mini-Selfie-Stick. Er hat 2 Gelenke, um die Kamera in verschiedenen Winkeln und im Hochformat halten zu können.

Die Tasten des Griffs sind angenehm groß ausgefallen, wodurch sich die VZ-1 damit gut bedienen lässt. Der Griff hat zwei ausklappbare Standfüßchen und kann damit als Mini-Stativ dienen. Das größte Problem: Er kostet 200 Euro. Für einen Bluetooth-Griff, auch wenn er durchdacht ist, ist das teuer. Hier hätte Sony lieber noch 50 Euro draufschlagen und dafür eine Gimbal-Funktion einbauen sollen.

Das übliche Sony-Menü

Leider hat sich Sony mit dem Ansprechen der neuen Zielgruppe nicht dazu durchgerungen, gleich ein ansprechenderes Menü zu machen. Wer bisher nur mit Smartphone gefilmt hat, wird keine Freude damit haben. Das Hauptmenü ist immer noch auf 34 Seiten verteilt. Manche Abkürzen sind unlogisch, andere wie „StO.infoVerknEinst“ einfach nur kryptisch.

Die Bezeichnungen sind zudem nicht einheitlich. Einmal heißt es Key, dann wieder Taste. Der Vorteil an dem umfangreichen Menü: Wenn man will, kann man sich hier mit den Einstellungen der Kamera austoben. Und auch wenn man nicht will, sollte man sich damit auseinandersetzen, um das Beste aus der VZ-1 herauszuholen.

Neue Fokus-Optionen

So hat die VZ-1 einen Modus, den man im Fn-Menü als „ProduktpräsEinst.“ findet. Damit ist nicht etwa ein Demo-Modus für das Geschäft gemeint, sondern ein eigener Fokus-Modus, der Bloggern und Influencern das Präsentieren von Produkten erleichtern soll.

Normalerweise versucht die Kamera immer auf das Gesicht zu fokussieren. Ist dieser Modus aktiv und hält man ein Smartphone, einen Lippenstift oder ein anderes Objekt Richtung der Linse, fokussiert die VZ-1 sofort darauf. So kann man leichter Produkte präsentieren, ohne, dass man selbst den Fokus nachziehen muss, oder die Videos nachher einen unschönen „Pumpen-Effekt“ haben, weil die Kamera nicht weiß, worauf sie scharfstellen soll.

Neu ist auch die Funktion zum schnellen Umschalten der Tiefenschärfe. Diese hat an der Oberseite und beim Bluetooth-Griff eine eigene Taste bekommen. Auf Knopfdruck wird umgeschaltet, ob der Hintergrund unscharf oder klar sein soll. Das Ganze ist keine Software-Lösung, wie bei Smartphones: Die Kamera passt Zeit und Blende automatisch an, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Das könnte man zwar auch selbst machen, allerdings ist es so viel einfacher und schneller, was zusätzliche, kreative Möglichkeiten beim Filmen bietet, ohne, dass man dazwischen einen Schnitt machen muss.

Generell liefert der Autofokus eine sehr gute Performance ab beim Filmen. Allerdings war bei vielen Aufnahmen im Freien ein leichtes Pumpen zu sehen, sowohl vom Stativ als auch beim Halten der Kamera in der Hand. Hier hilft es, den Autofokus auf Gesichtspriorität zu nutzen. Leider geht das nur bei 1080p-Videos und nicht bei 4K-Aufnahmen. Eine dedizierte Kamera für Videoaufnahmen sollte das in Zeiten, in denen 4K zum Standard wird und YouTube bereits 8K-Videos unterstützt, beherrschen.

ND-Filter und tote Katze

Die VZ-1 hat einen ND-Filter. Dieser hilft beim Filmen im Freien bei hellem Sonnenschein, damit das Video nicht überlichtet ist und trotzdem flüssig wirkt. Der ND-Filter muss händisch ein- und ausgeschaltet werden. Im Menü gibt es zwar eine „Auto“-Funktion, allerdings lässt sich die in keinem der Film-Modi benutzen.

Im Lieferumfang enthalten ist eine tote Katze – der Fachjargon für den Windschutz des Mikrofons. Dieser wird in den Hot Shoe gesteckt und bedeckt die große Mikrofon-Öffnung der Kamera. Für ein eingebautes Mikrofon ist die Aufnahmequalität sehr gut, auch wenn man etwas weiter von der Kamera entfernt steht. Allerdings erzeugte es bei mir im Test bei ein paar Aufnahmen im Freien einen leichten Hall-Effekt, der nicht von der Umgebung stammte. Zudem ist es so feinfühlig, dass das Zoom-Geräusch des Objektivs mitaufgenommen wird, was lästig ist.

Videoqualität

Hier spielt die VZ-1 ihre Stärken aus, so wie es sein sollte. Die Aufnahmen sind scharf und detailliert. Die 4K-Aufnahmen sehen merkbar besser als FullHD aus, da hier der gesamte Sensor für Supersampling genutzt wird. Wenn möglich sollte man also in 4K aufnehmen und dann die Videos auf das gewünschte Format verkleinern.

Allerdings funktioniert, wie oben beschrieben, bei 4K der Gesichtsautofokus nicht. Das wirkt sich auch auf die automatische Belichtungskorrektur aus. Hat der Fokus nämlich ein Gesicht erfasst, versucht die VZ-1 die Belichtung anhand des Gesichts zu korrigieren. Für Video-Blogger, bei denen meist sie selbst der Star der Videos sind, durchaus sinnvoll. Nimmt man in 4K auf, entfällt dieser Vorteil. Die Belichtungskorrektur der VZ-1 arbeitet zwar auch ohne Gesichtserkennung angenehm sanft, aber dafür eben nicht so, wie man es vielleicht gerne hätte.

Natürlich kann die VZ-1 auch Fotos machen. Diese sind, ganz wie bei der RX100-Serie, ausgezeichnet für eine so kompakte Kamera. Hier gibt es viele Details, ein gutes Bokeh und natürliche Farben, was sich besonders positiv bei Porträts zeigt. Immerhin hat hier Sony einen Aspekt erfasst, den Video-Blogger wollen: gut aussehen. Deshalb gibt es auch einen Aufhübschmodus für glatte Haut, der zumindest in der Low-Einstellung in Ordnung ist. Bei Videos funktioniert der, wie könnte es anders sein, nicht mit 4K.

Wenig Akkulaufzeit

Ein erwartbares Problem ist die Akkulaufzeit. Sony gibt diese mit maximal 45 Minuten Videoaufnahme an. Mit Einrichten, kontrollieren, Steuerung per Bluetooth-Griff oder Smartphone, wird das noch weniger. Wer wirklich viel filmt, sollte sich ein paar Ersatz-Akkus kaufen und bei längeren Drehtagen immer mit dabei haben.

Bei 4K-Aufnahmen wird die VZ-1 zudem sehr warm. Sie hat einen Schutzmechanismus um sich bei Überhitzung auszuschalten. Dennoch sollte man das beachten, wenn man vor hat an einem sonnigen Sommertag im Freien zu filmen. Bevor die Kamera überhitzt, also doch lieber in FullHD aufnehmen.

Fazit

Die VZ-1 schlägt in eine so kleine Nische, dass es schwer fällt, diese überhaupt zu finden. Prinzipiell ist die Idee gut, eine für Video-Blogger optimierte Kamera zu machen. Aber wenn es schon so ein Spezialprodukt ist, dann muss diese Spezialität einfach perfekt beherrscht werden – und das ist bei der VZ-1 nicht der Fall.

Für 800 Euro Kamera plus 200 Euro Griff gibt es zu viele Probleme, wie den sehr eingeschränkten 4K-Modus, die mangelhafte Touchscreen-Funktion, der nicht ausreichende Weitwinkel und der Micro-USB-Anschluss, um ein paar zu nennen.

Wenn man schon bereit ist, nochmal zusätzlich zum Smartphone viel Geld in die Hand zu nehmen, wird man sich erst recht ärgern, wenn diese Ausgaben nicht zum gewünschten Ergebnis führen. Entweder man investiert gleich in eine von Sonys ausgezeichneten Systemkameras, oder man findet irgendwie genau die Nische bei der eigenen Videonutzung, die nur von der VZ-1 gefüllt werden kann.

Die enge Nische

Da, wo die VZ-1 eine Nische finden kann, ist im Videojournalismus. Sony bewirbt zwar die VZ-1 für die Generation Influencer, aber gerade für Medienmitarbeiter, die nur wenig Erfahrung mit Filmen haben, könnte die VZ-1 passen. Sie ist aufgrund der kompakten Größe schnell eingesteckt und weniger einschüchternd als eine große Systemkamera für Reporter, die sich bisher noch nicht intensiv mit Filmen beschäftigt haben.

Für diesen Einsatzzweck ist es auch weniger tragisch, dass der 4K-Modus kaum sinnvoll genutzt werden kann. Begleitende Videos werden ohnehin meist in Artikel eingebunden und mobil angezeigt, während Influencer-Videos eher gezielt über YouTube angesteuert und im Vollbild angeschaut werden.

 

Technische Daten auf der Website des Herstellers

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