Science
19.06.2018

Astronaut Scott Kelly: "Menschen werden auf dem Weg zum Mars sterben"

© Bild: Kurier / Jeff Mangione

Der US-Amerikaner erzählt im futurezone-Interview, wie man es monatelang im All aushält und warum wir Planeten erobern müssen.

Mit 520 Tagen im All zählt Scott Kelly (54) zu den erfahrensten Astronauten aller Zeiten. Sein letzter Einsatz auf der Internationalen Raumstation (ISS)  im Jahr 2015 dauerte 340 Tage. In einem einjährigen Experiment auf der ISS wurden die  körperlichen  Auswirkungen des Langzeitaufenthalts untersucht. Dabei stellten die Forscher fest, dass sieben Prozent des Genmaterials verändert wurden. Am Samstagvormittag ist er bei der Weltraumausstellung UNISPACE+50 im Vienna International Centre in Wien zu Gast.

futurezone: Sie haben bei ihrem letzten Einsatz auf der ISS fast ein Jahr lang am Stück im All gelebt. Was vermisst man in der Zeit am meisten?
Scott Kelly: Man weiß, dass man ein Jahr eingesperrt ist und nicht nach draußen gehen kann. Keine Sonne, die auf dein Gesicht scheint, kein Wind, kein Regen, keine Zehen im Gras. Und natürlich vermisst man die eigene Familie und seine Freunde. Der Ausblick aus dem Fenster ist allerdings schön.

Welche Fähigkeiten sind an Bord der ISS besonders gefragt?
Man muss gut im Team arbeiten können und wissen, wann Kollegen Hilfe brauchen und wann man sie in Ruhe lassen muss. Als Leiter sind Führungsqualitäten gefragt. Man muss  in chaotischen, gefährlichen Situationen ruhig und fokussiert bleiben können. Und: Man muss auf seine Siebensachen gut aufpassen. Das ist ein bisschen wie beim Camping, außer dass halt alles herumschwebt.

Was soll mit der ISS geschehen? Ihr derzeitiges Ablaufdatum ist auf 2024 festgelegt.
Ich denke, dass sie darüber hinaus noch vier bis sechs Jahre Lebenszeit hat. Das meiste innen, selbst die ältesten Teile von 1998 schauen noch ziemlich neu aus. Noch wichtiger ist meines Erachtens aber, dass sich die Weltraumnationen zusammentun und sich dazu bekennen, dass niemals alle Menschen gleichzeitig auf der Erde verweilen, sondern immer irgendwer sich im Weltraum aufhält. Das war die vergangenen 18 Jahre so und sollte so bleiben, wenn wir weiterkommen wollen. Sollte die Station aufgelöst werden, brauchen wir jedenfalls eine neue.

Wann haben Sie eigentlich entschieden, Astronaut werden zu wollen?
Ich war stets ein schlechter Schüler. Dann habe ich mit 18 das Buch „The Right Stuff“ gelesen, in dem es um die ersten US-Testpiloten für die bemannte Raumfahrt ging. Sie haben alles für ihre Berufung riskiert und damit konnte ich mich identifizieren. Also beschloss ich, mich stärker auf meine Ausbildung zu konzentrieren, um Kampfjet-Pilot zu werden und es so vielleicht ins All zu schaffen.

Wie sehr ist man sich bei Missionen im All bewusst, dass man jederzeit sterben könnte?
Als Kampfpilot in den 80er- und 90er-Jahren kannte ich das Risiko. Ich habe über 40 Freunde bei Unfällen verloren. Und auch bei der NASA war es nach den Challenger- und Columbia-Katastrophen statistisch so, dass die Chance 1:70 war, bei Missionen nicht lebend zurückzukommen. Wenn man in ein Shuttle steigt, denkt man aber nicht daran.  Da ist man damit beschäftigt, alles dafür zu tun, dass man eben wieder heil zurückkommt.

© Bild: AP / Bill Ingalls

Einige Weltraumexperten kritisieren, dass die NASA nach den besagten Katastrophen die Risikominimierung über alles gestellt hat. Müssen wir mehr Risiko eingehen und Tote in Kauf nehmen, wenn wir zum Mars wollen?
Das mit dem Risiko ist eine komplizierte Sache. Es gibt Hochrisikoszenarien mit sehr geringen Wahrscheinlichkeiten und weniger fatale Szenarien, die allerdings wahrscheinlicher auftreten und auch eine Kettenreaktion auslösen können. Auf dem Weg zum Mars wird es katastrophale Risiken geben, die wir vermutlich akzeptieren werden. Und ja, Menschen werden voraussichtlich sterben. Aber eines Tages werden wir es dorthin schaffen.

Es gibt Pläne, eine Raumstation im Orbit des Monds zu errichten. Führt unser Weg zum Mars über den Mond?
Wenn man unlimitierte Ressourcen hätte, wäre es natürlich sinnvoll, wieder auf den Mond zu fliegen. Man braucht nur zwei statt 200 Tage und könnte dort für den Mars trainieren. Am Ende ist es aber eine finanzielle und aber vor allem eine politische Frage. Die könnte so beantwortet werden, dass der direkte Flug zum Mars die bessere Option ist.

Wie realistisch ist es denn, 2030 zum Mars zu fliegen?
Die technologischen Herausforderungen wie der Schutz vor Strahlung, die Essensversorgung und die lange Reise lassen sich mit unseren Möglichkeiten definitiv lösen. Die große Herausforderung ist wie bereits erwähnt das politische und finanzielle Bekenntnis zu so einer Mission. Wasser auf dem Mars zu finden, kann die Mission beschleunigen. Noch schneller würde es allerdings gehen, wenn wir auf dem Mars Geld entdecken würden.

© Bild: AP / ap

Wie wichtig ist es überhaupt, zum Mars zu fliegen?
Es gibt viele Gründe, warum wir zum Mars müssen. Unsere Zukunft als Zivilisation muss sich abseits unseres Planeten weiterentwickeln. In unbekannte Regionen vorzudringen und zu ergründen, was hinter dem Ozean oder auf einem unerforschten Kontinent liegt, ist Teil der menschlichen Natur. Irgendwann werden wir mit den Ressourcen auf der Erde auch nicht mehr auskommen und brauchen Orte, wo Menschen dann hinkönnen.

Die Meere sind nahezu unerforscht, es gibt Wüsten, die wir uns als Lebensraum aneignen könnten. Wären die Ressourcen für eine Mars-Mission  auf der Erde nicht besser investiert?
Beides ist wichtig. Das eine schließt das andere nicht aus. Natürlich müssen wir weiter erforschen, wie es um die Meere steht und was das Plastik mit unseren Fischen macht. Von den technologischen Erfindungen, die für eine Mars-Mission notwendig sind, werden wir auf der Erde aber auch profitieren.

Inwiefern ist die Ausgangssituation jetzt und damals vor den Mondflügen anders?
Die NASA hatte viel mehr finanzielle Unterstützung. Sie bekam etwa zehn Prozent des US-Budgets, während es heute gerade noch ein Prozent ist. Dann gab es die politische Unterstützung eines Präsidenten, der dann auch noch ermordet wurde, und das Wettrüsten im Kalten Krieg mit den Sowjets. Die geopolitische Lage damals hat sicher viel dazu beigetragen, warum wir auf dem Mond gelandet sind. Es ist fraglich, ob es ohne diese Umstände passiert wäre.

Scott Joseph Kelly
© Bild: Kurier / Jeff Mangione

Welche Rolle spielen private Firmen wie Elon Musks SpaceX für die Zukunft der Raumfahrt?
Als Elon davon redete, dass er einen Raketenantrieb landen und dann wiederverwenden will, dachte ich, er ist verrückt. Wenn er nun davon spricht, zum Mars zu fliegen, würde ich das nicht mehr behaupten. Es ist großartig, solche Leute wie ihn oder Amazon-Gründer Jeff Bezos zu haben.  Ich habe das Testgelände von Bezos Weltraumfirma Blue Origin besucht. Mich würde es nicht wundern, wenn er im kommenden Jahr Weltraumtouristen ins All fliegt.

Schauen Sie Science-Fiction-Filme und -Serien? Oder kann man als Astronaut mit der fiktiven Darstellung nichts anfangen?
Mit pseudowissenschaftlichen Darstellungen oder physikalischen Effekten, die keinen Sinn ergeben, habe ich kein Problem. Das ist die künstlerische Freiheit, die auch notwendig ist, um Kinotickets verkaufen zu können. Ich mochte Apollo 13, aber auch den Marsianer und Gravity, was ich auf der Weltraumstation angeschaut habe. Das war wie ein Film über dein brennendes Haus anzusehen, während man selbst sich gerade darin befindet.