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Science
04/06/2020

"Brave Hausmädchen-Roboter bringen uns nicht weiter"

Technologie wird nach männlichen Vorstellungen entwickelt. Das wird nicht nur für Frauen zum Problem, warnen Forscherinnen.

von Martin Stepanek

In der Corona-Krise sind es gerade auch die Frauen, die unsere Gesellschaft vor dem Kollaps bewahren. Drei Viertel aller Beschäftigten im Lebensmittelhandel, in Sozialberufen und Krankenhäusern sind weiblich. Sie sorgen dafür, dass wir weiter einkaufen gehen können, Ältere betreut sowie Kranke gepflegt werden. Die Ausnahmesituation ist ein guter Moment, um sich Bereiche anzusehen, wo Frauen weiterhin völlig unterrepräsentiert sind.

Weibliche Stereotype

Einer davon ist Technologie und Forschung. Dass Computer und scheinbar intelligente Software geschlechtsneutral operieren, ist ein Irrglaube, wie viele Beispiele zeigen. „Das beginnt schon bei der Konzeption von Technologie. Unterwürfige Sprachassistentinnen wie Siri, Alexa oder Cortana, die ohne große Widerrede im Alltag helfen sollen, sind weiblich. Das intelligente IBM-Computerprogramm Watson, das Schachweltmeister besiegt und für Konzerne Entscheidungen trifft, ist hingegen männlich“, analysiert die KI-Expertin Kriti Sharma.

Die 31-jährige Londonerin hat mit „AI for Good“ ein Unternehmen gegründet, das künstliche Intelligenz einsetzen will, um die Welt zu einem gerechteren und besseren Ort zu machen. Doch die intelligenten Computerprogramme sind nur so gut wie ihre Entwickler und das Datenmaterial, mit dem sie gefüttert werden. Beides ist männlich und weiß geprägt. Der Anteil an Programmiererinnen im Bereich künstlicher Intelligenz liegt laut Sharma gerade einmal bei zwölf Prozent.

Tödliche Gefahr

Das hat auch Auswirkungen auf neue Technologien. Spracherkennungssysteme funktionierten lange Zeit bei Frauen schlechter, weil bei der Entwicklung zu wenige weibliche Stimmen und Testpersonen berücksichtigt wurden. Bei der Gesichts- und Bilderkennung, wie sie etwa für das Entsperren in modernen Smartphones eingesetzt wird, ist es bis heute so, dass etwa dunkelhäutige Frauen weniger zuverlässig vom System erkannt werden als hellhäutige Männer.

Bei anderen Beispielen geht es gar um Leben und Tod. So starben lange Zeit bei Autounfällen unerklärlich viele Frauen, bis man entdeckte, dass die Sicherheitsvorkehrungen auf Crashtests mit männlich statuierten Puppen basierten.

In der Medizin wiederum galten Herzinfarkte lange Zeit als „Männerkrankheit“, medizinische Studien fokussierten folglich auf das männliche Geschlecht. Frauen sind allerdings sehr wohl betroffen. Da sie aber völlig andere Anzeichen und Symptome aufweisen, laufen sie Gefahr, fehldiagnostiziert oder zu spät behandelt zu werden. Aber auch Männer leiden unter derartigen Annahmen. So kommt die „Frauenkrankheit“ Osteoporose auch häufig bei ihnen vor, wird aber selten diagnostiziert, geschweige denn zum Thema gemacht.

Roboter mit Klischeevorstellungen

In der Robotik ist das Bedürfnis groß, humanoide Maschinen zu bauen. „Je menschenähnlicher diese gestaltet sind, desto mehr greifen wir auf unsere Erfahrungen und antrainierten Vorstellungen zurück. Die Maschinen spiegeln daher vielfach unsere Stereotype von Mann und Frau wider“, erklärt Gender-Forscherin Brigitte Ratzer von der TU Wien im Gespräch mit der futurezone.

Robot nurse helps supermarket-goers keep minimum distance amid coronavirus pandemic

Es gebe mittlerweile aber auch andere Ansätze, wie etwa den geschlechtsneutralen Roboter Pepper, der vom Kundenservice in Firmen bis hin zur Altenbetreuung eingesetzt wird. „Gerade Roboter eignen sich dafür, dass wir uns gewisser Rollenklischees bewusst werden, mit diesen spielen und sie auch aufbrechen können“, sagt Ratzer. „Wenn das allerdings darin mündet, dass wir willige Geräte standardmäßig mit Frauenstimmen ausstatten oder Roboter in der Gestalt von braven Hausmädchen modellieren, bringt uns das als Gesellschaft nicht weiter.“

Siri hilft nur bei respektvollen Anfragen

Auch Sharma plädiert dafür, Technologie so zu gestalten, dass sie kulturelle Errungenschaften besser abbildet und diese aktiv einfordert: „Es ist wenig zielführend, wenn eine junge Generation heranwächst, die glaubt, sie könne Assistentinnen, aber auch Assistenten respektlos herumkommandieren, nur weil es sich um Computerprogramme handelt. Man könnte die Software künftig so adaptieren, dass sie den Nutzer auf Fehlverhalten hinweist und Anweisungen nur bei respektvollem Umgang ausführt.“

AI Sex Robot in China

Aber auch große Firmen wie Google seien gefordert, Stereotype nicht fortzuschreiben. „Wenn man in der Google-Bildersuche Berufe wie Doktor oder Manager eingibt, die im Englischen eigentlich geschlechtsneutral sind, und 9 von 10 Bildern zeigen Männer, wird das Stereotyp weitergepflegt. Natürlich würde es jungen Frauen helfen, wenn weibliche Rollenbilder wie die Ärztin oder die Managerin auch im Internet repräsentiert sind“, sagt Sharma. „Technologie kann jahrelang gewachsene Ungleichheiten natürlich nicht beheben, aber ohnehin stattfindende Veränderungen in Richtung mehr Gleichberechtigung stärken.“

Das Kreuz mit dem "goldenen Mutterkreuz"

Dass ein höherer Anteil an Forscherinnen, Programmiererinnen und Technikerinnen helfen würde, um eingefahrene Muster aufzubrechen und die Zementierung des Status quo durch neue Technologien zu verhindern, liegt auf der Hand. Doch das Interesse von Mädchen und jungen Frauen an den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) bleibt gerade in Ländern wie Österreich und Deutschland gering.

Für Ratzer hat das mehrere Gründe: „Vieles ist kulturell bedingt und geht 70 bis 80 Jahre zurück, Stichwort ‚goldenes Mutterkreuz‘. Wir haben ganz klare Rollenvorstellungen, was Mädchen und Burschen können und angeblich nicht können. Im deutschsprachigen Raum kommt auch dazu, dass Ingenieure stets extrem hoch angesehen waren. Dieser Beruf war also traditionell Männern vorbehalten.“

Um Frauen für Naturwissenschaften und Technik mehr zu begeistern, müsse man ihnen klar machen, dass in diesen Bereichen in den kommenden Jahren fundamentale Entscheidungen getroffen werden, die unser ganzes Leben beeinflussen. „Frauen müssen verstehen, dass das keine Geheimwissenschaften sind, sondern dass das eine Frage von Teilhabe und Gestaltungsmöglichkeiten ist“, sagt Ratzer.

Coronakrise als Chance

Die aktuelle Coronakrise sieht die Wissenschaftlerin als Chance, um auch in den Forschungsinstitutionen ein freundlicheres Arbeitsklima zu etablieren - weg von Anwesenheitskultur, extrem langen Arbeitszeiten und Eigenbrötlertum zu einem kollaborativen und interdisziplinären Arbeiten. Dieser Zugang werde auch nötig sein, um die anstehenden großen Herausforderungen von Coronavirus bis Klimakrise zu lösen, welche die gesamte Bevölkerung betreffe.

Damit das gelinge, brauche man aber nicht nur mehr Frauen in Technologie und Forschung. „Wir müssen dafür auch andere Männertypen ansprechen. Naturwissenschaftliche Forschungsdisziplinen haben lange Zeit extrem rationale, theoretische Persönlichkeiten angezogen, die sich gern an ganz klaren Strukturen orientieren. In Forschungsgebieten wie der Quantenphysik, aber auch wenn man die vielfältigen Wechselwirkungen in der Biologie oder Genetik ansieht, funktioniert diese Denkweise nämlich nur mehr bedingt“, ist Ratzer überzeugt.

Männer als Verlierer

Ein Aufbrechen des gesellschaftlichen Status quo sieht die Genderexpertin übrigens nicht als reinen Selbstzweck für Frauen. Denn ungeachtet der Benachteiligung von Frauen seien vielerorts die Männer die Verlierer. „Sie sterben im Schnitt 7 Jahren früher. Sie üben Gewalt gegen Frauen aus, sind aber auch selber sehr stark davon betroffen. Die Selbstmordrate ist um ein Vielfaches höher und auch am unteren Ende des Schulsystems sind 2/3 derjenigen, die auf der Strecke bleiben, Buben. Es kann also nur in unser aller Interesse sein, die bestehenden Strukturen zum Besseren für alle zu verändern“, sagt Ratzer zur futurezone.