Science
17.11.2018

"Damit wir nicht zwei bis drei Autos pro Familie brauchen"

Bei der "intelligenten" Straße geht es um weitaus mehr als nur um selbstfahrende Autos, sind Experten überzeugt.

Der Weg zum intelligenten Verkehrsnetz, in dem Autos selbstständig von A nach B fahren, Drohnen Pakete ausliefern und automatisierte Flugtaxis durch die Luft sausen, ist weitaus steiniger, als es uns die Marketingabteilungen so manches Unternehmens glauben lassen möchte. Das war das Fazit einer spannenden Diskussion auf dem futurezone Day am Donnerstag in Wien. "In fünf Jahren wird uns Technologie noch weitaus mehr als jetzt assistieren - sei es im Individualverkehr oder auch im Lkw- und Güterverkehr - ich glaube aber, dass wir selbst in 15 Jahren keine vollautomatisierten Fahrzeuge auf den Straßen haben werden", sagte Michael Nikowitz vom Verkehrsministerium (bmvit). "Das Verkehrssystem ist einfach zu komplex."

Mehr Sicherheit als Ziel

Klar sei aber auch, dass intelligente Mobilitätssysteme, zu denen nicht nur autonome Fahrzeuge, sondern auch vernetzte Leitsysteme wie Ampeln zählen, bei richtiger Umsetzung die Verkehrssicherheit erhöhen werden. "Wir brauchen eine einheitliche Strategie, die naturgemäß auch international abgestimmt werden muss. Das Ministerium wird beim Thema automatisierte Mobilität daher in den kommenden vier Jahren 65 Millionen Euro in die Hand nehmen", kündigte Nikowitz ein Aktionspaket an. In vielerlei Hinsicht sei aber nicht die Technologie die Herausforderung, sondern der Faktor Mensch.

Futurezone Day 2018

Es herrsche vielerorts eine falsche Erwartungshaltung. "Sich beim jetzigen Stadium auf der Autobahn zurückzulehnen und Zeitung zu lesen, während der Fahrassistent fährt, kann nicht gut gehen. Wenn es dann zu Unfällen kommt, gerät damit die gesamte technologische Entwicklung in Verruf", meinte Nikowitz. Zur Vorsicht mahnt folglich auch Markus Hatz von Cisco Österreich: "Man muss den Leuten gerade jetzt sagen: Bitte, passt auf! Auf Strecken, die man kennt, und wo die Technologie prinzipiell funktioniert, wird man schnell leichtsinnig und nimmt die Hände vom Steuer. Wer so einen Assistenten nutzt, weiß aber auch, dass er manchmal grundlos bei 130 km/h auf der Autobahn abbremst."

Zwei bis drei Autos pro Familie

Für Alex Millonig vom AIT geht es bei der Diskussion nicht nur um Technologien. Vielmehr müsse man auf eine nachhaltige Entwicklung achten, die auch sozial gerecht sei. "Einerseits sollten wir durch die autonomen Fahrzeuge unsere Fähigkeiten, ein Auto zu lenken, nicht komplett verlernen. Auch muss man sich genau ansehen, wo autonome Services sinnvoll sind. Wo müssen wir in nachhaltige Massentransportmittel investieren, damit etwa Verkehrsflächen in der Stadt neu verteilt werden können? Und wo können autonome System die letzte Meile bedienen, damit wir etwa auf dem Land nicht zwei bis drei Autos pro Familie brauchen", sieht Millonig viel Diskussionsbedarf.

Für Barbara Hauenschild-Cyniburk von den Wiener Linien ist klar, dass der Platz auf der Straße auch in Zukunft nicht mehr werden wird. Von automatisierten Lösungen könnte gerade der öffentliche Verkehr profitieren, indem das Angebot für Fahrgäste noch attraktiver werde. Bei der Entwicklung wollen die Wiener Linien ganz vorne mit dabei sein. Hauenschild-Cyniburk verwies diesbezüglich auf die Teststrecke des ersten automatisiert fahrenden Busses in Aspern ab nächstem Frühjahr sowie die geplante vollautomatisierte und fahrerlose U-Bahnlinie U5, die 2025 in Wien in Betrieb gehen soll.

Dass die U-Bahn und andere Fahrzeuge künftig auch fahrerlos auskommen könnten, bedeute nicht, dass damit Bedienstete wegrationalisiert werden sollen. "Fahrerlos bedeutet nicht menschenlos. Die Busse und U-Bahnen werden nicht allein unterwegs sein - vielmehr werden viel mehr Mitarbeiter direkt bei den Kunden eingesetzt - sei es in den Stationen, aber auch in den Fahrzeugen. Die Wiener Linien werden so sichtbarer und das Vertrauen der Kunden wird gestärkt", ist die Wiener-Linien-Verantwortliche überzeugt.

Öffentlicher Verkehr als Konzept "überholt"

Daran anknüpfend plädierte Martin Russ, Geschäftsführer von AustriaTech, das Konzept "Öffentlicher Verkehr" gänzlich neu zu denken und auf diese Begrifflichkeit zu verzichten. "In Zukunft werden die Grenzen zwischen den öffentlichen Verkehrsmitteln von heute und anderen Mobilitätsservices - sei es nun das Carsharing-Fahrzeug, der E-Roller oder ein Shuttle für die letzte Meile - verschwimmen. Wir müssen das Ganze eher in Richtung Mobilität als Service denken und auch gewisse Förder- und Investitionsmodelle überdenken", meint Russ.