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Diskussion
06/22/2011

"Die Gesellschaft ist ein Auslaufmodell"

Technologische und wirtschaftliche Entwicklungen werden künftig nicht mehr von der traditionellen Gesellschaft gesteuert, sie werden in globalen Netzwerken organisert, sagt der Soziologe und Kulturanthropologe Manfred Faßler. Die futurezone hat mit Faßler, der am Mittwoch in Wien über den "Infogenen Menschen" sprechen wird, zu den vernetzten Organisationsformen der Zukunft befragt.

von Patrick Dax

Laut einer aktuellen Analyse von Cisco soll sich der Datenverkehr im Internet bis 2015 auf knapp ein Zettabyte vervierfachen. Mit dem explosionsartigen Anwachsen der Datenmengen im Netz geht auch eine Entwicklung einher, die Manfred Faßler, Professor am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Goethe Universität in Frankfurt, die "Ausweitung der Infogenität" nennt und die zu einem grundlegenden Wandel menschlicher Selbstorganisation führen wird.

Informationelle Intelligenz
"Wir haben heute mediale Strukturen zur Verfügung, die Informationen aus allen Lebensbereichen bereitstellen und eine informationelle Intelligenz entstehen lassen, die die Menschheitsentwicklung in neuer Weise umlenkt", sagt Faßler im Gespräch mit der futurezone. Aus den Daten, die in ihrer Aneignung durch den Menschen zu Informationen werden, entstehen informationsgenerierte Zusammenhänge, "die ökonomisch ähnlich wichtig werden, wie es Industrie oder Handwerk waren."

"Von der Gesellschaft abgekoppelt"
Die traditionelle Gesellschaft sieht Faßler als "Auslaufmodell". An ihre Stelle treten Konzepte der Netzwerkorganisation: "Global verstreute Netze, die Netzwerke beinhalten, die als kleine Sozialitäten funktionieren. Die Großgesellschaft ist vorbei." In diesen Netzwerken wird auch die Ökonomie- und Technologieentwicklung bestimmt, die sich zunehmend von der Territorialgesesllschaft abkoppelt.

Staatliche Versuche, das Netz und die Informationsströme zu regulieren, seien Ausdruck eines Hegemoniekonflikts, so Faßler. Die klassischen politischen Insitutionen müssen Regulierungskonflikte mit neuen Strukturen beginnen, um Legitimationsbestätigungen zu erzeugen." Unter der Voraussetzung, dass das globale Netz nicht zerstört werde, sei dies aber nicht zu bewerkstelligen.

"Diese Dynamiken lassen sich nicht mehr mit den institutionellen Ordnungen von Gesellschaften verbinden", so Faßler. Der Transformationsprozess passiere nicht revolutionär, sondern stumm auf der Ebene der Ressourcen: "Es ist ein hochinteressanter, dramatischer Globalisierungsprozess, der darüber hinausgeht, was wir als Globalisierung diskutiert haben."

Mitglied in unterschiedlichen globalen Netzwerken
Für den Menschen bedeuten die neuen vernetzten Organisationsformen, dass er parallel Mitglied in unterschiedlichen globalen Netzwerken sein wird - von beruflichen, über private bis hin zu Konsumnetzwerken. Er wird seine individuellen Freiheiten in diesen Netzwerken verhandeln müssen. "Nutzung von Information heißt für mich immer, dass jede Kommunikation, jede Art der technischen Verwendung von Informationszugängen, das erzeugen muss, was individuelle Freiheiten beinhalten", sagt Faßler: "Ich werde in jeder Situation gezwungen sein, mich auf bestimmte Gruppenprozesse einzulassen, um an relevante Informationen zu kommen und um die Weiterentwicklung der Wissenszusammenhänge mitzubekommen."

"Learning by doing"
"Den Umgang mit Informationsströmen lernen wir in der vernetzten Alltagspraxis", sagt Faßler:  "Durch Learning by doing". Aber auch die gesellschaftlichen Institutionen werden auf die globalen Netzwerkökonomien vorbereiten und Medienkompetenz vermitteln müssen.

"Es wird eine neue Art zivilisatorischer Möglichkeiten angeboten", sagt Faßler: "Eine Mischform von Lebensmöglichkeiten und Lebensprojekten auf Basis informatorischer Prozesse". Neue Machtstrukturen werden in diesen Netzen eher über Betriebssysteme und Software definiert als über Gesellschaften und Kulturen herkömmlicher Art. Die Nutzer haben die Möglichkeit, diese Strukturen mitzubestimmen: "Es gibt die Chance nutzergenerierter Demokratie."


Manfred Faßler ist am Mittwoch bei der von A1 veranstalteten Diskussionreihe "twenty.twenty - Exploring the Future" im HUB Vienna (Lindengasse 56, 1070 Wien) zu Gast. Dort wird der Autor der Bücher "Der infogene Mensch" und "Nach der Gesellschaft. Infogene Wirklichkeiten" um 19.00 Uhr über den "infogenen Menschen im Jahr 2020" sprechen. Danach diskutieren Bettina Kann, Leiterin der Hauptabteilung Digitale Bibliothek der Österreichischen Nationalbibliothek, Andreas Blumauer von der Wiener Semantic Web Company und Helmut Hackl von pocket.at zum Thema "Social Information Management - Wie wird die Gesellschaft in Zukunft mit Informationen umgehen?"