Science
25.08.2017

"Digitalisierung sorgt für Massendesorientierung"

Wie sich die digitale Zukunft so gestalten lässt, dass sie Menschen ein nachhaltiges, sinnerfülltes Leben ermöglicht, beschäftigt Ökonomen, Künstler und Wissenschaftler.

"Wir leben im Zeitalter des Überflusses, auch wenn uns seit vielen Jahren erzählt wird, es wäre eine Zeit für Sparmaßnahmen", sagt die Ökonomin Susana Martin Belmonte bei einer Diskussionsrunde mit dem Titel "Die nächste digitale Revolution gestalten. Auseinandersetzungen von Wissenschaft, Technologie und Kunst" bei den Alpbacher Technologiegesprächen. Zwar seien viele Güter nach wie vor knapp, aber dabei handle es sich um Ressourcen, die keine Bedrohung für das herrschende Wirtschaftssystem darstellen.

Weg vom Bündel

"Die Knappheit, die der ökonomischen Wertschöpfung zugrunde liegt, verschwindet zunehmend, wenn Menschen etwa ihren eigenen Strom aus Solarenergie machen", sagt Belmonte. Die Digitalisierung befördere diesen Trend, wie etwa an Projekten wie Wikipedia zu sehen sei. Wenn Wissen überall verfügbar ist, kann es nicht mehr gebündelt verkauft werden. Auch in der Wirtschaft sei der Trend ersichtlich: "Für Betriebssysteme mussten Menschen bis vor einigen Jahren noch zahlen. Jetzt hat das kostenlose Android 80 Prozent Marktanteil."

Wenn die gesamte Wertschöpfung aber auf Knappheit aufgebaut ist, führt es zu Problemen, wenn der Überfluss Einzug hält. Eine mögliche Reaktion wäre, für die Knappheit und damit verbundene Konzepte wie Profit, Lohnarbeit und Steuern zu kämpfen. Anzeichen dafür sieht Belmonte etwa in der Besteuerung von selbst gewonnenem Solarstrom in ihrer Heimatstadt Barcelona. Sie sieht aber auch Alternativen.

"Wir können die Gesellschaft auch anders organisieren." Wachstumsrücknahme etwa wäre ein mögliches Modell. Thomas Pikkety habe gezeigt, dass in Gesellschaften, in denen die Kapitalerträge höher sind als die Wachstumsraten, die Ungleichheit zunimmt.

Zeit statt Geld

"Wenn das stimmt, dann führt ein System, das auf Wachstum ausgelegt ist, aber nicht mehr wachsen kann, zu einer ungleichen Gesellschaft", sagt Belmonte. Das ließe sich beheben, indem ein neues Finanz- und Geldsystem eingeführt wird: "Das könnte ein Multiwährungssystem, etwa auf Blockchain-Basis, sein. Zinsfreie Kredite auf Basis von Vertrauen zwischen Menschen und Steuern, die statt mit Geld mit Zeit gezahlt würden, wären ebenfalls Ansätze."

Statt Konzernmonopolen müsste eine öffentliche Produktionssphäre aufgebaut werden, aus Arbeitslosigkeit würde demokratisch verteilte Freizeit. "Statt um die Frage, was ge- und verkauft werden kann, sollte es darum gehen, was wir für ein erfülltes Leben brauchen", sagt Belmonte.

Sinn ist universale Währung

Was ein erfülltes Leben ausmacht, ist allerdings eine schwierige Frage. "Sinn ist die universale Währung der Menschheit. Das Gefühl für Gemeinschaft und Zugehörigkeit ist für Menschen essentiell, erst durch Kommunikation wird Sinn gestiftet. In vielen Konzepten für nachhaltige Entwicklung kommt aber nicht einmal der Begriff vor. Dabei ist Altruismus doch tief in den Menschen verwurzelt, wie uns die Neurowissenschaften bestätigen", sagt die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter.

Das müsste sich dementsprechend auch in der Gesellschaft wiederspiegeln. Die Digitalisierung mit ihrem exponenziellen Wachstum und unstillbaren Hunger nach Daten scheint damit nur schwer in Einklang zu bringen. "Die entscheidende politische Herausforderung unserer Zeit ist es, die Demokratie an die Beschleunigung des digitalen Zeitalters anzupassen. Durch die Digitalisierung kommt es zur Massendesorientierung. Der Schlüssel läge in der Bildung, aber unser heutiges System ist dieser Herausforderung nicht gewachsen", sagt Winiwarter.

Politik entscheidet

Eine Verteufelung der digitalen Technologien soll das aber nicht sein. "Digitale Werkzeuge können zu einer Neuerfindung gesellschaftlicher Lenkungsprozesse führen, basierend auf einer gemeinsamen Kultur. Die Gesellschaft kann sich entweder ins Zwielicht verabschieden oder den Anbruch von etwas neuem entgegengehen. Die Politik wird entscheiden, welchen Weg wir gehen", sagt Winiwarter.

Die wichtigsten Entscheidungen, die in diesem Zusammenhang getroffen werden müssten, seien, wann eine bestimmte Technik - beispielsweise künstliche Intelligenz -genutzt werden soll, und Auswahl der richtigen Technologien. "Eine mögliche Strategie ist die gemeinschaftliche Verwaltung. Durch verschiedene Ansätze und Persönlichkeiten kann das Risiko minimiert werden. Das Ziel soll das Gemeinwohl sein, das stiftet einen Sinn, an dem alle teilhaben können", sagt Winiwarter.

Creative Commons

"Die heutige Marktlogik hat für das Gemeinwohl nichts übrig. Wir brauchen ein System, in dem Fairness, Partizipation, kollektives Eigentum, eine Kreislaufökonomie und Kooperation die Eckpfeiler sind", sagt Harald Gründl, Direktor des Instituts für Designforschung in Wien. Digitale Technik könnte helfen, solche Strukturen aufzubauen. "Digitale, dezentralisierte Produktion und Creative Commons sind Werkzeuge", sagt Gründl. Projekte, die sich dieser Philosophie verschrieben haben, gibt es bereits. So wird von Technikern und Künstlern unter dem Namen "Axiom Beta" eine Kamera entwickelt, deren Hard- und Software komplett quelloffen gestaltet sind.

Die futurezone ist Online-Medienpartner der Alpbacher Technologiegespräche.