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Raumfahrt

"Erdwissenschaft hat einfach nicht genug Sex"

Kevin Ward ist Leiter des NASA Earth Observatory, einer Webseite, auf der die aktuellsten Ergebnisse in den Bereichen Klima- und Umweltforschung einer globalen Öffentlichkeit vermittelt werden. Mit Visualisierungen und populärwissenschaftlicher Aufbereitung soll interessiertes Publikum gewonnen werden, was aufgrund der Thematik nicht immer leicht ist, wie er der futurezone bei einem Gespräch verriet. Ward verbrachte zuletzt einige Tage in Wien, wo er an einem Symposium anlässlich des Climate Change Collaboratory Projekts der MODUL University Vienna teilnahm.

Fünf Webby-Awards

Das Earth Observatory hat im vergangenen Jahrzehnt fünf Mal einen der begehrten Webby Awards erhalten, noch dazu jeweils via Publikums-Voting ("People`s Voice"). Die Webseite wird dabei von nur sieben Angestellten betreut: "Drei Redakteure, zwei Daten-Visualisierer, ein Web-Entwickler und ich", zählt Kevin Ward die Belegschaft auf. Dazu gibt es einen 30-köpfigen wissenschaftlichen Beraterstab aus verschiedensten NASA-Disziplinen. Gemeinsam werden Berichte zu NASA-Klimaforschungsergebnissen erstellt, aktuelle Naturphänomene wie Waldbrände oder Wirbelstürme samt Bildern erklärt oder persönliche Erfahrungsberichte von Feld-Forschern veröffentlicht. Bedient werden laut Ward "Lasers and Grazers", also Publikum, das gezielt oder eher generell nach Informationen sucht.

Auch mit NASA-Astronauten arbeitet das Earth Observatory eng zusammen. Aus Raumschiffen oder der Internationalen Raumstation erschließen sich vor allem fotografisch Blickwinkel, die man durch keinen Satelliten erhält. "Die Astronauten erhalten Listen, die sie abarbeiten müssen. Vor einem Raumflug werden sie im Umgang mit Kameras geschult und darauf trainiert, Ziele schnell zu erkennen. Die ISS bewegt sich sehr schnell, es muss also alles rasch passieren", erklärt Ward. Die ISS ist in 400 Kilometer Höhe unterwegs und damit wesentlich niedriger als die meisten Wettersatelliten.

Aus den Sichtluken der Raumstation können Astronauten besonders schräg und nah auf den Planeten blicken, wodurch etwa Berge auf Fotos so wirken, als wären sie aus einem hoch fliegenden Flugzeug aufgenommen worden. Außerdem bieten sich durch die Erdumlaufzeit von nur 90 Minuten viel mehr Möglichkeiten, ein Ziel in kurzen Abständen zu fotografieren. Satelliten sind hier benachteiligt. Deren Sensoren seien meist aus gerader Vogelperspektive auf die Erdoberfläche gerichtet. Die üblicherweise große Distanz zur Erde bewirkt zudem längere Umlaufzeiten. "Landsat etwa nimmt die ganze Zeit Bilder auf, aber der Zyklus, bis er an einen Aufnahmepunkt zurückkehrt, dauert 16 Tage", so Ward.

Keine Mars-Landung, kein Mohawk Guy

Obwohl Phänomene wie Stürme, Brände, Vulkanausbrüche und Dürre sowie globale Klimaveränderungen Milliarden Menschen weltweit betreffen, bleiben die damit befasste Wissenschaft und ihre Medien meist Randerscheinungen. Als der Mars-Rover Curiosity Anfang August den Nachbarplaneten erreichte und die Landung aus dem Kontrollzentrum live übertragen wurde, erlangte das Projekt weltweite Aufmerksamkeit. Mit dem "

" wurde gar ein kleiner Online-Star geboren, der schlussendlich seine eigene
erhielt.

Den Erdwissenschaften fehlen solche "Key Events", meint Ward. Zum futurezone-Vorschlag, aus einem Raketenstart ein großes Event mit Tribünen und Gratis-Eintritt zu machen, sagt er: "Wenn es einmal jährlich einen Raketenstart gäbe, könnte man das ja überdenken." Allerdings gäbe es derzeit nur selten Raketenstarts. Der Großteil aller Satelliten, die den NASA-Klimaforschern zur Verfügung stünden, seien bereits seit langer Zeit im All. Außerdem sei ihm ein anderes wichtiges Faktum bewusst: "Erdwissenschaft hat einfach nicht genug Sex."

Budget-Frage
Zu allem Überdruss kämen auch noch budgetäre Grenzen ins Spiel. Trotz anfänglich ambitionierter Pläne der Obama-Verwaltung wurde der NASA-Haushalt in den letzten Jahren beständig gekürzt. "Das betrifft uns sehr stark", so Ward dazu. "Wir kriechen auf dem Zahnfleisch daher", meint der Earth-Observatory-Chef sinngemäß zur finanziellen Lage. Vor einer Schließung seines Projekts brauche er sich aber dennoch nicht zu fürchten, meint Ward.

Auf die Frage, wie sich die Lage entwickeln könnte, sollte Mitt Romney 2013 die US-Präsidentschaftswahl gewinnen, meint Ward: "Das könnte die Dinge spannend machen." Das Earth Observatory liege zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit außerhalb des Fokus des republikanischen Obama-Gegners, aber bei Administrationswechseln käme es auch innerhalb der NASA häufig zu Personalwechseln.

Objektivität und Offenheit
Auf die Frage, ob es mit einem Administrationswechsel auch zu ideologischen Regeländerungen kommt, oder ob man etwa durch verstärkten Einfluss von Klimaerwärmungs-Skeptikern beeinflusst würde, meint Ward: "Wir beteiligen uns nicht zu sehr an dieser Debatte. Wir führen diese Menschen zu den notwendigen Informations-Ressourcen, sprechen sie aber nicht zu sehr an. Wir werden nicht versuchen, sie zu überzeugen."

Die von der NASA generierten Forschungsdaten sind für jeden zugänglich und das kostenlos. Manchmal gäbe es absichtliche Verzögerungen, so Ward. Vor allem dann, wenn es um das Ansehen der Raumfahrtagentur ginge, müssen erst Bestätigungen eingeholt werden, bevor etwas publiziert wird. Geheimhaltung komme nicht in Frage, schließlich sei die NASA eine öffentliche Einrichtung. Der europäische Gegenpart, die ESA, sei weniger freizügig mit ihren Daten. Warum? "Wahrscheinlich sind sie eifersüchtig auf die NASA", meint Ward scherzhaft.

Datenanalyse-Werkzeug aus Österreich

Der Earth-Observatory-Chef und sein Kollege David Herring von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), dem US-Wetteramt, nahmen in Wien an der Abschlussveranstaltung des Forschungsprojekts Climate Change Collaboratory (Triple-C) teil. Dabei geht es um die Verbesserung der Zusammenarbeit verschiedenster Institutionen, die sich mit Umweltthemen befassen. Insbesondere soll dies durch ein neues Programm gelingen.

Media Watch on Climate Change, so die Bezeichnung der Software, ist ein Werkzeug zur semantischen Analyse großer Datensätze. Es sammelt etwa Informationen aus Nachrichtenwebseiten, Blogs und Social Media um daraus aktuelle Gesprächsthemen und Trends herauszufiltern. Außerdem hilft es bei der Suche nach Quellen. Noch während des Schreibens werden Verknüpfungen erstellt, was beim Recherchieren wissenschaftlicher Artikel hilftreich sein könnte. Deshalb erwägt auch das Earth Observatory einen Einsatz des Programms.

Geleitet wird das Climate Change Collaboratory von der MODUL University Vienna. Forschungs- und Kooperationspartner sind die Karl-Franzens-Universität Graz, das Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel, die Wirtschaftsuniversität Wien sowie der Club of Rome.

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David Kotrba

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